Unternehmen Ende einer Dauerfehde: Deutsche Bank kauft sich von Kirch-Last frei

Blick auf die Türme der Deutsche-Bank-Zentrale  in Frankfurt am Main

Blick auf die Türme der Deutsche-Bank-Zentrale in Frankfurt am Main© Deutsche Bank

"Erschossen" habe ihn der Ex-Chef der Deutschen Bank, hatte Medienmogul Kirch einst gesagt. Zwölf Jahre nach der Pleite des Medienimperiums beendet jetzt ein Vergleich zwischen den Kirch-Erben und dem Geldhaus einen jahrelangen Rechtsstreit.

Man hat es kaum noch für möglich gehalten: Die Deutsche Bank schafft sich die Altlast Kirch vom Hals. Fast auf den Tag genau zwölf Jahre nach dem fatalen Interview ihres damaligen Vorstandschefs Rolf Breuer schließt Deutschlands größtes Geldhaus mit den Erben von Leo Kirch einen Vergleich. Der Medienzar selbst erlebte den von ihm so erhofften Triumph nicht mehr mit. Kirch starb im Sommer 2011. Wenige Wochen zuvor hatte der Rechtsstreit vor dem Oberlandesgericht (OLG) München noch einmal Fahrt aufgenommen.
Und von Beginn an lief es dabei schlecht für die Deutsche Bank.

Am Donnerstag wurde offiziell, was am Mittwoch bereits durchgesickert war. Nach mehreren Anläufen einigten sich beide Seiten außergerichtlich. Die Bank zahlt 775 Millionen Euro plus Zinsen, insgesamt etwas mehr als 900 Millionen Euro.

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Das hätte die Bank das noch ein wenig günstiger haben können. Doch als der damalige Konzernchef Josef Ackermann Anfang 2012 kurz vor seinem Abtritt versuchte, den Fall Kirch mit einer Vergleichszahlung von gut 800 Millionen Euro zu beenden, gab es Kritik. Denn schließlich hatte die Bank über Jahre betont, dass sie und ihren ehemaligen Chef Breuer keine Mitschuld am Niedergang Kirch-Medienimperiums treffe.

Aktionärsschützern stößt der Vergleich sauer auf

Aktionärsschützern stößt auch der jetzt geschlossene Vergleich sauer auf. Spätestens bei der Hauptversammlung 2014 werde man dem Management kritische Fragen stellen müssen, sagt Klaus Nieding von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW): „Was hat sich denn gegenüber der rechtlichen Beurteilung jetzt gravierend verändert?“ Schließlich sei die Bank in den bisherigen Verfahren „immer mit sehr dicken Backen aufgetreten“.

Das alles nehmen die Strategen in den Frankfurter Zwillingstürmen in Kauf, weil sich allmählich die Erkenntnis durchsetzte, dass es vor Gericht alles andere als gut lief. „Die rechtliche Situation hat sich für die Bank deutlich verschlechtert“, erklärt ein Insider.

Das OLG München hatte die Bank kurz vor Weihnachten 2012 zu Schadenersatz verurteilt, einzig die Höhe war noch zu klären. Gefordert hatte das Kirch-Lager gut zwei Milliarden Euro. Die 116 Seiten starke Begründung des OLG-Urteils um den Vorsitzenden Richter Guido Kotschy liest sich über weite Strecken wie eine Abrechnung mit der Deutsche-Bank-Führung: Bewusste Falschaussagen, abgesprochene Unwahrheiten, „versuchte Nötigung“. Breuer, der seit Juni 2012 amtierende Co-Chef Jürgen Fitschen, Vorgänger Ackermann und ein weiterer ehemaliger Vorstand sollen sich abgesprochen haben, „um … nämlich mögliche Schadenersatzansprüche abzuwenden.“

Warum die Deutsche Bank jetzt rasch gehandelt hat

In einer neuen Auflage des Prozesses wäre es womöglich noch dicker für das Geldinstitut gekommen. Medien berichteten, bei Ermittlungen seien Dokumente gefunden worden, die die Lage der Bank nicht eben verbessert hätten. Das wäre noch ein Grund mehr gewesen, rasch zu handeln.

Schon Ackermanns langjähriger Sprecher Stefan Baron schrieb in seiner Ackermann-Biografie über den – letztlich gescheiterten – Vergleichsversuch des Schweizers: „Obwohl die Bank eine Schuld an dem Konkurs nach wie vor vehement bestreitet, war sie zuletzt vor Gericht zunehmend ins Hintertreffen geraten. Das Risiko, am Ende womöglich noch mehr zahlen zu müssen, war deutlich gewachsen.“

„Erschossen“, sagte Kirch einst, habe ihn „der Rolf“. Breuer hatte Anfang Februar 2002 in einem TV-Interview ausgesprochen, was viele über die Kirch-Gruppe dachten: „Was alles man darüber lesen und hören kann, ist ja, dass der Finanzsektor nicht bereit ist, auf unveränderter Basis noch weitere fremd- oder gar Eigenmittel zur Verfügung zu stellen“. Doch die Deutsche Bank gehörte zu den Kreditgebern des Kirch-Imperiums. Wenige Wochen später war die Pleite des weit verzweigten Kirch-Konzerns (ProSieben, SAT.1, N24) amtlich.

Jedes Wort im Breuer-Interview kostet 27 Millionen Euro

Breuer nennt das Interview im Nachhinein selbst einen Fehler – ein teurer Fehler: Jedes Wort in dem mittlerweile legendären Satz kostet die Bank nun fast 27 Millionen Euro, ohne Zinsen. Offen ist, wer dafür zahlen muss, vor allem ob die Bank sich einen Teil der Kosten bei Breuer zurückholt. Äußern mag sich das Geldhaus dazu nicht.

Auch die Sorge vor weiterem Imageschaden dürfte die Deutsche-Bank-Führung zu dem teuren Ablasshandel gedrängt haben. Aktionärsschützer Nieding hält dem Duo Anshu Jain und Jürgen Fitschen immerhin zugute: „Das ist ein weiteres Zeichen des Kulturwandels, das man jetzt diese Dinge endlich unter Dach und Fach gebracht hat.“

Das Interview mit Rolf Breuer im Wortlaut

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