Unternehmen „Es braucht Regeln“

Besonders in Familienunternehmen ist es schwierig, Entscheidungen zu treffen - und durchzusetzen. Warum, erklärt Professor Arist von Schlippe von der Uni Witten/Herdecke im impulse-Interview. Der Diplom-Psychologe weiß außerdem, wie man als Familienunternehmer nicht in eine Falle tappt.

Arist von Schlippe ist Diplom-Psychologe und Experte für Familienpsychologie. Seit 2005 doziert er am Lehrstuhl „Führung und Dynamik von Familienunternehmen“ der Uni Witten/Herdecke zu Themen wie Nachfolge, Familienstrategie und Konfliktmanagement in Familienunternehmen

impulse: Warum ist das Thema „Entscheiden“ gerade für Familienunternehmen so wichtig?

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Arist von Schlippe: Jede Organisation besteht aus Entscheidungen. Natürlich ist dieses Thema auch für andere Unternehmen relevant. Für Familienunternehmen ist es allerdings besonders kompliziert, da sie in mindestens zwei sozialen Systemen gleichzeitig agieren. Dem Unternehmen und der Familie. Daher muss bei jeder Unternehmensentscheidung das System Familie mitberücksichtigt werden und umgekehrt.

Wie läuft ein Entscheidungsprozess ab?

Es ist mehr als nur Informationen zu sammeln und die Entscheidung zu treffen. Wenn Fakten einen Weg ganz klar erforderlich machen, geht es nicht um eine Entscheidung. Entscheiden steht immer im Kontext von Ungewissheit. Alle beteiligten Personen suchen die Umwelt nach relevanten Informationen ab, um sich möglichst gut abzusichern und ihren Anteil an der Verantwortung gut zu schützen. Ein Banker sagte mir einmal: „Ich kann ein Millionenprojekt in den Sand setzen, aber nur, wenn ich eine gute Geschichte dazu erzählen kann, die mein Verhalten als rational und sinnvoll erscheinen lässt.“

Wie haben sich Entscheidungsprozesse in den letzten Jahren verändert?

Die Wirtschaft ist heute viel volatiler und die Unternehmensumwelten sind nicht mehr so vorhersehbar. Durch diese Dynamik werden Entscheidungen zu einem Risiko, besonders in Familienunternehmen, denn der Unternehmer haftet persönlich. Die Folge ist eine verschärfte Verantwortungszurechnung.

Braucht man für eine richtige Entscheidung möglichst viele Informationen?

Nein, ein Maximum an Information führt nicht automatisch zur besten Entscheidung. Die Fiktion hält sich allerdings hartnäckig.

Es geht bei dem Kongress auch um intuitive Entscheidungen. Wie viele unternehmerische Entscheidungen werden aus dem Bauch getroffen?

Besonders Gründer von Familienunternehmen zeichnen sich durch intuitive Entscheidungen aus, oft sogar gegen die rationalen Fakten. Natürlich werden die Entscheidungen am Ende „bewusst“ genannt, doch im Kern sind sie durch Intuition vorbereitet.

Sie unterrichten Paradoxiemanagement. Was kann man darunter verstehen?

Paradoxien sind Handlungsaufforderungen, die, wenn ich sie erfülle, nicht erfülle.
Ein Beispiel: Sie zu ihm: „Nie sagst du, dass du mich liebst!“ Er: „Dann sage ich es dir jetzt: ich liebe dich!“ Sie: „Ach, das sagst du jetzt nur, weil ich es hören wollte!“ Die Beziehungsfalle ist eine klassische Paradoxie. Wie man es macht, macht man es verkehrt.

Was für Paradoxien ergeben sich in Familienunternehmen?

Die Mitglieder eines Familienunternehmens müssen oft drei sozialen Systemen gerecht werden. Der Familie, dem Unternehmen und den Gesellschaftern. Alle Drei haben unterschiedliche Verhaltenserwartungen an die Systemmitglieder. Das System Familie beispielsweise fordert: „Behandle alle Mitglieder gleich!“ Das System Unternehmen hingegen verlangt: „Gib den Besseren mehr!“ Eine Person erlebt also die Diskrepanz von zwei Mitgliedschaften. So können die widersprüchlichen Verhaltensaufforderungen als ausweglos erlebt werden. Im Paradoxiemanagement suchen wir dann nach Handlungsmöglichkeiten in diesen paradoxen Situationen.

Wie kann man als Familienunternehmer dieser Falle vorbeugen?

Mit einer bewussten Familienstrategie, die die Familie als Ressource für das Unternehmen erkannt und konstant hält. Dafür braucht es feste Regeln, die formuliert und angewandt werden um Interessenskonflikten vorzubeugen und zu verhindern, dass Spannungen ins Unternehmen schwappen.

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