Unternehmen Falsches Gleis

Drohanrufe und Schmähbriefe - der Bürgerprotest richtet sich nicht nur gegen die Politik. Auch Firmen, die am neuen Hauptbahnhof beteiligt sind, geraten ins Visier. Die Unternehmen stehen den Attacken hilflos gegenüber.

Albrecht Dürr wählt seine Worte mit Bedacht. Bloß nichts Falsches sagen, bloß nicht für weitere Missverständnisse sorgen. „Stuttgart 21 hat eine Dynamik entfacht, die wir nicht vorausgesehen haben“, sagt der 35-jährige Bauunternehmer, der den Stuttgarter Familienbetrieb Wolff & Müller in dritter Generation führt. Er versteht nicht, warum seine Firma, die an Prestigeprojekten wie der Porsche-Arena oder dem Mercedes-Benz-Museum beteiligt war, in die Kritik geraten ist. Er will doch nur, was alle Unternehmer wollen: anständig arbeiten und damit Geld verdienen. Und nicht Politik machen.

Es ist nicht mal ein großer Auftrag, der ihm den ganzen Ärger einbringt. Wolff & Müller leitet den Teilabriss des Stuttgarter Hauptbahnhofs. Der Nordflügel muss weichen, damit der neue Bahnhof unter die Erde gelegt werden kann. Jahrelang wurde geplant, ausgeschrieben, geprüft, ausgewählt. Wolff & Müller bekam den Zuschlag für den Teilabriss. Die Freude währte nicht lang. Denn die Stuttgarter mögen das milliardenteure Prestigeprojekt nicht.

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Seit im August die Abrisszange am Nordflügel zugebissen hat, richtet sich der Protest auch gegen die beteiligten Firmen. Nach einem Aufruf im Internet gehen in den Telefonzentralen Drohanrufe ein, per Post kommen Schmähbriefe, und in den einschlägigen Chatrooms hagelt es Flüche. Manche Gegner wünschen den Geschäftsführern die Pleite, andere den Tod.

Die mittelständischen Unternehmen stehen den Attacken hilflos gegenüber. Viele haben weder Pressesprecher noch ausgefuchste PR-Berater, die ihnen sagen, wie sie sich verhalten sollen. Sie wissen zwar, wie man Häuser baut, Schutt beseitigt, Schienen verlegt oder Brunnen bohrt. Aber Krisen-PR ist für sie ein Fremdwort. Deshalb leiden sie still vor sich hin.

„Diese Betriebe haben es mit einer ganz neuen Art der Herausforderung zu tun“, sagt Brun-Hagen Hennerkes, Anwalt und Experte für Familienunternehmen. Nur wenige am Bau beteiligte Firmen sprechen so wie Wolff & Müller öffentlich darüber. Die meisten verweisen auf die Deutsche Bahn. Die Baufirma Walthelm, der Erdbohrer Terrasond, selbst die Oberleitungssparte des Weltkonzerns Balfour Beatty haben zwar Aufträge bekommen, öffentlich dazu stehen möchten sie aber lieber nicht. Für Hennerkes genau der falsche Weg. „Die Unternehmen müssten endlich mal den Mund aufmachen und das Feld nicht den Kritikern überlassen.“ Das gelte auch für Unternehmen der Region, die nicht bei Stuttgart 21 mitmachten, aber indirekt profitierten. Doch die halten sich fein raus.

Das Schweigen der Unternehmen weckt Misstrauen

Das Schweigen weckt erst recht Misstrauen in der Bevölkerung. Von Mauschelei ist die Rede, von einer verschwiegenen Gemeinschaft aus Unternehmern und Politikern, die sich nicht um den Willen des Volkes schert. „Ein hässlicher Filz lügt, täuscht und füllt sich die Tasche“ steht auf einem Transparent der Demonstranten. Einem schwäbischen Geschäftsmann muss das wehtun. Denn ein Teil der Wirtschaftskraft des Landes beruht darauf, dass sich Politiker für Firmen einsetzen, Kontakte pflegen und helfen, wenn sie können. „Diese Achse hat es hier immer gegeben“, so Hennerkes. Und jahrzehntelang hat sie prächtig funktioniert.

Deshalb denkt sich auch Dürr nichts dabei, als er im Mai einen Beirat für sein Unternehmen ins Leben ruft. In dem Gremium sollen Lokalgrößen aus Politik und Wirtschaft sitzen, sich austauschen und die Firma beraten. Auch Stuttgarts Finanzbürgermeister Michael Föll zieht in das Gremium ein. Als das öffentlich wird, gerät der CDU-Mann in Verdacht, der Baufirma Aufträge zuzuschanzen. Dürr und Föll weisen das zurück, und tatsächlich spricht vieles dafür, dass alles korrekt gelaufen ist. In der hitzigen Debatte um Stuttgart 21 wird die Ungeschicklichkeit jedoch zur Affäre. Föll verlässt schließlich den Beirat.

Ärger ohne Ende: Später stellt der Zoll fest, dass auf der Abbruchbaustelle Sozialversicherungsnachweise fehlen. Die müssen immer vor Ort einsehbar sein. Der Subunternehmer GL-Abbruch reicht sie zwar nach. Das nützt aber nichts. Die Gegner haben Wind von der Sache bekommen, die Geschichte den Journalisten gesteckt. Wolff & Müller ist wieder in den Schlagzeilen.

Die belagerte Baustelle

Dürr will eigentlich nicht darüber reden. Er sagt, die Beschäftigten müssten endlich in Ruhe arbeiten können. Danach sieht es nicht aus. Die Polizei hat einen Metallzaun um die Baustelle gezogen, den die Gegner Tag und Nacht belagern. Fährt ein Lastwagen mit Schutt weg, bilden Dutzende Polizisten ein Spalier, damit die Ausfahrt frei bleibt.

Stuttgart 21 soll die Landeshauptstadt zur Metropole machen, mit den Mitteln der Verkehrspolitik: Der Sackbahnhof kommt weg, Durchgangsstation und Gleise werden unter die Erde verlegt. Durch kilometerlange Tunnel sollen Züge auf modernen Strecken Richtung München und zum Flughafen rasen. Das Projekt hat nur zwei Haken: Erstens sind die Kosten mit mindestens 7 Mrd. Euro gigantisch. Zweitens will es die Bevölkerung nicht.

„Wir haben ein vitales Interesse daran“

Stuttgart 21 soll überdies Platz in der Innenstadt schaffen. Direkt neben dem Bahnhof will die Hamburger Firma ECE ein Shoppingcenter mit 43 000 Quadratmetern Fläche errichten. Es soll Teil eines Komplexes werden mit 400 Wohnungen, 10.000 Quadratmetern Büros und einem 160-Zimmer-Hotel. „Das Konzept wird erfolgreich sein, egal ob Stuttgart 21 kommt oder nicht“, sagt ECE-Projektleiter Jörg Wege.

Im 90 Kilometer entfernten Ulm dagegen bangen die Unternehmer um Stuttgart 21. Eine Hochgeschwindigkeitsstrecke soll die bisherige Bummelzugtrasse in ihre Stadt ablösen. „Wir haben ein vitales Interesse daran“, sagt Peter Kulitz, Präsident der IHK Ulm. In der ¬Region sind Firmen wie der Arzneikonzern Ratiopharm beheimatet, sie würden von der Anbindung Ulms profitieren. Und sie wissen, dass Stuttgart 21 ihre letzte Chance ist. „Wegen der hohen öffentlichen Verschuldung kriegen Sie das in Zukunft nicht mehr finanziert“, meint Kulitz. Er hat eine Offensive für Stuttgart 21 gestartet und will Firmen zum Mitmachen bewegen. Was nicht immer gelingt. So will eine Brauerei lieber schweigen – aus Angst, dass die Gegner ihr Bier nicht mehr kaufen.

Unternehmer unter Generalverdacht

Einer der wenigen, die offensiv für Stuttgart 21 eintreten, ist der Mittelständler Martin Herrenknecht aus dem südbadischen Allmannsweier. Auch aus Eigeninteresse: Sein Konzern fertigt riesige Maschinen, die Tunnel in Berge bohren können. Einer dieser Kolosse hat die vierte Elbtunnelröhre in Hamburg gegraben, ein anderer frisst sich gerade in den Schweizer Sankt Gotthard. Herrenknecht gibt zu, dass er gern die eine oder andere maßgeschneiderte Maschine für Stuttgart 21 liefern würde. „Wir werden uns im Falle einer Ausschreibung um entsprechende Aufträge bemühen.“

Der Vorstandschef gehört zum Unterstützerkreis Stuttgart 21, den noch der frühere Regierungschef Günther Oettinger gegründet hat. Wankelmütig machen ihn die Proteste nicht. „Ich unterstütze das Projekt aus voller Überzeugung.“ So deutlich hat das bisher kaum ein Unternehmer ausgedrückt.

Vielleicht liegt es daran, dass der 68-Jährige bei seinen Kritikern ohnehin unter Generalverdacht steht. Er ist seit 28 Jahren CDU-Mitglied, spendet privat an politische Parteien – nicht nur an die eigene. Eine Gegenleistung erwarte er dafür nicht. „Wenn jemand ernsthaft glaubt, ich habe an die Parteien wegen Stuttgart 21 gespendet, was kann ich schon dagegen machen?“, sagt Herrenknecht. „Ich spende seit über zehn Jahren auch eine halbe Pfarrstelle. Und rede dem Pfarrer niemals rein.“

Warum Stuttgart 21 bekämpft wird, ist ihm ein einziges Rätsel. Da wollen die Deutschen Exportweltmeister sein und seien nicht mal in der Lage, ein großes Infrastrukturprojekt auf dem eigenen Boden durchzusetzen. „Die halten uns doch im Ausland für nicht ganz klar im Kopf.“ Rund 95 Prozent seiner Aufträge holt Herrenknecht aus fremden Ländern wie Abu Dhabi, China, Russland, den USA und der Schweiz.

Unternehmen müssten mit öffentlicher Kritik umgehen können. Und manchmal müsse man sich eben korrigieren, sagt Herrenknecht, um gleich klarzustellen: „Wir sehen in Sachen Stuttgart 21 keinen Anlass dazu.“ Deshalb will Herrenknecht, dessen Konzern fast 1 Mrd. Euro Umsatz im Jahr erwirtschaftet, weitermachen wie bisher. Nur eine ganz kleine Drohung kann er sich nicht verkneifen: „Wenn wir in Deutschland keine Projekte mehr haben sollten, vielleicht müssen wir dann logischerweise unseren Firmensitz verlegen.“

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Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 10/2010.

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