Unternehmen Fusion von VW und Porsche verzögert sich um vier Jahre

Eigentlich sollte der gemeinsame Konzern schon bald stehen. Doch das komplexe Verfahren gerät wegen Schadenersatz-Streitfällen ins Stocken - und könnte sich bis 2015 verzögern. Möglicherweise muss VW sogar noch Porsche-Anteile nachkaufen.

Die für kommendes Jahr vereinbarte Verschmelzung von VW und Porsche kommt womöglich später als geplant. Grund seien Schadenersatzklagen in den USA und Deutschland sowie unklare rechtliche und steuerliche Fragen, teilte der Sportwagenbauer am Dienstag in Stuttgart mit. „Aus diesem Grund könnte sich die angestrebte Verschmelzung verzögern“, sagte VW-Chef Martin Winterkorn.

Nach FTD-Informationen rechnen beide Autobauer damit, dass sich der Fusionsprozess bis mindestens Ende 2014 zieht. Porsche-SE-Finanzchef Hans Dieter Pötsch präzisierte später, dass die Verschmelzung wohl erst am 31. Januar 2015 vollzogen werden wird. „Der Hauptgrund für meine Zurückhaltung liegt darin, dass die vorzunehmende rechtliche und steuerliche Prüfung der komplexen Transaktion noch nicht abgeschlossen ist.“

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Anleger reagierten entsetzt. Die Aktien der börsennotierten Porsche SE fielen zeitweise um fast fünf Prozent. VW-Titel legten hingegen leicht zu.

Die Verschmelzung bleibe aber „erklärtes Ziel“, sagte Winterkorn, der auch die Porsche-Obergesellschaft Porsche SE führt. Der 2009 vereinbarte Zusammenschluss beider Unternehmen könne gegebenenfalls auch über eine höhere Beteiligung von VW an der Porsche-Zwischenholding vollzogen werden.

Die Stuttgarter halten knapp 51 Prozent der Stimmrechte an VW, die Wolfsburger wiederum sind mit 49,9 Prozent am Fahrzeuggeschäft von Porsche beteiligt. Nach einem monatelangen Übernahmekampf wird der Sportwagenbauer derzeit in den VW-Konzern integriert.

Vor der Verschmelzung mit VW muss die hochverschuldete Porsche SE zudem noch ihr Kapital erhöhen, um die Verbindlichkeiten zurückzuführen. Diese Kapitalspritze um bis zu 5 Mrd. Euro soll im ersten Halbjahr kommenden Jahres durch die Stamm- und Vorzugsaktionäre erfolgen. Ende Juni 2011 wird eine Kreditlinie der Porsche SE in Höhe von 2,5 Mrd. Euro fällig. Die Banken hätten sich jedoch bereit erklärt, den Fälligkeitstermin um bis zu vier Monate zu verlängern, sagte Pötsch, der auch für die VW-Finanzen verantwortlich ist.

In den USA hat eine Gruppe von Investmentfonds wegen angeblicher Falschinformationen und Marktpreismanipulation gegen die Schwaben geklagt. Es geht um mehrere Milliarden US-Dollar Schadenersatz. Mitte Januar will das Gericht entscheiden, ob es die Klage zulässt. Sollte
dies der Fall sein, droht Porsche ein jahrelanger Rechtsstreit.

Auch in Deutschland ermittelt die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts Marktmanipulation. Geklärt werden soll, ob Porsche im Zuge des Einstiegs bei VW Anleger und Akteure an der Börse möglicherweise falsch informierte. Erste Zwischenergebnisse werden Ende des Jahres erwartet.

So läuft das Tagesgeschäft

Im Tagesgeschäft läuft es bei Porsche besser. Der Sportwagenbauer ist mit einem Absatz- und Umsatzplus in das im August begonnene neue Geschäftsjahr gestartet. „Bisher liegen
wir bei Absatz und Umsatz über den Vergleichsmonaten des Vorjahres“, sagte der neue Chef der Porsche AG, Matthias Müller. „Das zeigt einmal mehr: Porsche fährt wieder auf
Wachstumskurs.“ Im abgelaufenen Geschäftsjahr hatte der Sportwagenbauer mit 7,8 Mrd Euro den höchsten Umsatz seiner Unternehmensgeschichte eingefahren. Der Absatz von Sport- und Geländewagen war um 8,8 Prozent auf 81. 850 Fahrzeuge gestiegen.

Das abgelaufene Geschäfts lief vor allem dank der neuen Limousine Panamera gut. Mit dem Wagen – von dem die Stuttgarter in zehn Monaten 20.600 Stück verkauften – glich Porsche die enormen Verluste beim wichtigsten und margenstarken Modell 911er aus. Der Sportwagen musste einen Einbruch um 27,4 Prozent auf unter 20.000 Exemplare verkraften. Beim kleinen Boxster und dem Geländewagen Cayenne ging es ebenfalls bergab. Experten verweisen für das schlechte Abscheiden des 911er vor allem auf die Wirtschaftskrise, die den wichtigen Absatzmarkt USA mit voller Wucht traf. Zudem ende der Lebenszyklus des Modells, das 2004 auf den Markt kam und 2008 nochmals erneuert wurde.

Künftig wird Porsche auf Wunsch der Mutter die Angebotspalette deutlich erweitern. Unterhalb des kleinen Boxter und des Geländewagens Cayenne sollen neue Modelle entstehen, mit der Porsche die Käuferschicht verbreitern will. VW-Chef Martin Winterkorn bestätigte jüngst, dass ein zusätzliches Auto aus Stuttgart auf den Markt kommen soll: „Ein neuer Geländewagen, ein kleiner Bruder des Cayenne, der Cajun heißen könnte.“ Zudem könnte ein Mittelmotor-Roadstar entstehen. Der Plan: schon binnen weniger Jahre soll der Absatz von im vergangenen Geschäftsjahr etwa 80.000 auf dann 150.000 Fahrzeuge hochschnellen. Experten sorgen sich jedoch um das Profil der Marke.

Autoanalyst Frank Schwope von der Nord LB hält das Absatzziel durchaus für möglich. „Mit Hilfe einer fünften Baureihe sollte es Porsche relativ problemlos möglich sein, die mittelfristig avisierten 150.000 Fahrzeuge zu verkaufen.“ Volkswagen will auch mit Hilfe Porsches bis 2018 weltgrößter Autobauer werden und Toyota bei Absatz und Profitabilität überholen.

(Mit Reuters und dpa)

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