Unternehmen Genosse Großreeder

Seit einem Jahr ist der Reeder Erck Rickmers Politiker in Hamburg. Warum tut er sich das an? Und wo will er hin?

Der Weg in die Politik – er beginnt für Erck Rickmers mit einer Gemüselasagne. Normalerweise treffen sich im Kultwerk West, unweit der Hamburger Reeperbahn, Künstler, Studenten, Hartz-IV-Empfänger. An jenem Tag aber speist an einem weiß eingedeckten Holztisch eine ebenso bunte wie illustre Runde.

Gerd Schulte-Hillen ist dabei, der frühere Gruner+Jahr-Chef, ebenso Jana Marko und Alexander Gérard, die Erfinder der Elbphilharmonie. Man plaudert über Kunst, Politik, Kultur. Nur zwei Gäste beteiligen sich kaum an dem Gespräch, reden die ganze Zeit untereinander. „Fast schon unhöflich“ sei das gewesen, sagt Sigrid Berenberg, der als Vorsitzende des Kultwerks die Gastgeberrolle zufällt.

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Der eine Gast ist Erck Rickmers: millionenschwerer Reeder, ein Schwergewicht seiner Branche. Der andere Olaf Scholz, damals noch Oppositionsführer der Hamburger SPD, mittlerweile Regierender Bürgermeister.

Es ist ein Essen, das Folgen hat: Als einer der ganz wenigen Unternehmer in Deutschland wird Rickmers den Sprung in die Politik wagen. Er, der in seinem Unternehmen schalten und walten kann, wie er will, begibt sich freiwillig in das Kleinklein der Lokalpolitik, sitzt nun seit etwas mehr als einem Jahr in der Bürgerschaft, dem Hamburger Landesparlament. Und das auch noch für die SPD, der einstigen Arbeiterpartei!

Manchmal, in Interviews, wird Rickmers gefragt, wie es Scholz eigentlich gelungen sei, ihn in die SPD zu locken. Die Wahrheit ist: Es war eher andersherum.

Schon im Kultwerk, damals, im Oktober 2010, hat Rickmers einen Plan: Er will bei der SPD andocken. Also schiebt er Scholz am Ende des Abends seine Visitenkarte zu, bietet an, ihn im Wahlkampf 2012 zu unterstützen. Doch es kommt besser: Knapp zwei Monate später zerbricht an einem Samstag die schwarz-grüne Koalition in Hamburg. Gleich am Montag ruft Rickmers bei Scholz an. Im März 2011 zieht er dann auf einem sicheren Listenplatz für die SPD in die Bürgerschaft ein.

Warum aber tut Rickmers sich das an? All die stundenlangen, oft ergebnislosen Sitzungen? Die Intrigen und Machtkämpfe bis tief hinab in den Ortsverband?

Die zerbrochene Dynastie treibt ihn an

Um den Reeder zu verstehen, muss man tief in die Familiengeschichte eintauchen. 1834 gründet sein Ururgroßvater die Rickmers Werft, die über vier Generationen zu einem stattlichen Unternehmen mit mehr als 1300 Mitarbeitern heranwächst. Schon als kleiner Junge klettert Erck mit seinem Vater am Wochenende über die Schiffe. Dann aber, fünf Tage vor seinem siebten Geburtstag, zerbricht das Idyll.

Rickmers hat gerade ein Puzzle zusammengesetzt, zum ersten Mal ganz allein. Stolz will er es seinem Vater zeigen, legt es auf ein Tablett und geht in den Garten. Dort findet er ihn in einer Pfütze liegend. Der Vater wollte nur kurz den Rhododendronstrauch gießen, das Wasser fließt noch aus dem Schlauch. Er ist tot umgefallen. Herzinfarkt.

Der Verlust hinterlässt nicht nur in der Familie eine klaffende Lücke. Es ist auch der Anfang vom Ende der Werft. „Mein Vater hat das Unternehmergen am stärksten vererbt bekommen“, sagt Rickmers. Ohne ihn geht es bergab. 1986 muss die Werft Konkurs anmelden. Und der Sohn, der gerade eine Ausbildung zum Schifffahrtskaufmann macht, steht vor dem Nichts. Er empfindet die Pleite als „Niederlage für die Familie“. Und sagt: „Am Anfang meiner Karriere habe ich es als Mission empfunden, das Unternehmen wieder aufzubauen.“

Seltene Mischung: Unternehmer als Politiker
Wenn überhaupt, engagieren sich Unternehmer meist im Lokalen
Die Bundespolitik Prominentester Unternehmer in der Bundespolitik war Jost Stollmann. Der Gründer von Compunet war 1998 im Schattenkabinett von Gerhard Schröder, sollte Wirtschaftsminister werden. Immer wieder aber wich er von SPD-Positionen ab, trat seinen Posten letztlich nie an. Sein Kommentar: „Wenn Schröder einen Unternehmer bestellt, muss er wissen, dass er auch einen bekommt.“
Die Landespolitik Auf Landesebene gibt es mehrere Unternehmer in der Politik. Gerade versucht Sebastian Turner, Ex-Chef der Werbeagentur Scholz & Friends, als parteiloser Kandidat für die CDU Oberbürgermeister in Stuttgart zu werden. Thomas Heilmann, Turners früherer Kollege bei Scholz & Friends, hat den Wechsel bereits vollzogen: Er ist seit Anfang Januar Justizsenator in Berlin.
Die Kommunalpolitik Am ehesten engagieren sich Unternehmer in ihrem direkten Umfeld, also in der Kommunalpolitik. Ein Beispiel ist Nikolaus Wilhelm Knauf, geschäftsführender Gesellschafter der Firma Knauf Gips, die mit rund 3 Mrd. Euro Umsatz mehr als 20.000 Mitarbeiter beschäftigt. Er sitzt für die CSU im Gemeinderat von Markt Einersheim und im Kreistag des Landkreises Kitzingen.

Also gründet er gemeinsam mit seinem Bruder Bertram 1992 das Emissionshaus Nordcapital. Das Unternehmen gedeiht – doch die Brüder zerstreiten sich. Der fehlende Vater hat aus dem zwölf Jahre älteren Bertram eine Art Vaterfigur gemacht. Nun, wo die beiden auf Augenhöhe zusammenarbeiten sollen, geraten sie immer öfter aneinander. Also kauft Erck seinem Bruder dessen Anteile am Emissionshaus ab, dafür übernimmt dieser die zwischenzeitlich neu gegründete Rickmers Reederei.

„Als wir uns vor knapp 16 Jahren getrennt haben“, sagt Rickmers, „wollte es jeder dem anderen zeigen.“ Also baut er eine ganze Gruppe auf, die E. R. Capital Holding: Das Emissionshaus, eine Private-Equity-Gesellschaft sowie eine Reederei mit mehr als 100 Schiffen, die gerade mit dem Konkurrenten Komrowski zur Blue Star Holding fusioniert. Ingesamt beschäftigt er mehr als 3000 Mitarbeiter.

In einer Branche voller streitlustiger Haudegen ist Rickmers eine Ausnahmeerscheinung. Er wirkt ruhig und ausgeglichen, sein CEO Nick Teller schwört, dass er in den dreieinhalb Jahren, die er an Bord ist, „keinen einzigen Konflikt“ mit ihm gehabt habe. Trotzdem ist Rickmers auch ein Getriebener. Erst muss er den Ruf der Familie wiederherstellen, es dann dem großen Bruder zeigen.

Irgendwann aber ist die alte Größe der Rickmers-Dynastie mehr als wiederhergestellt, die Rivalität zwischen den Brüdern beigelegt. Rickmers hat einen Punkt erreicht, an dem er sich fragt: Was nun? „Geld“, sagt er, „hat ab einem bestimmten Vermögen einen deutlich abnehmenden Grenznutzen.“ Was aber kann ihn noch reizen? Rickmers lacht. „Sie sehen ja, was dann aus mir geworden ist.“

Als Rickmers seinem langjährigen Freund Christoph Blume erzählt, dass er in die Politik will, fragt der Bildhauer und Stuckateur: „Gibst du eigentlich erst Ruhe, wenn sie eine Straße nach dir benennen?“ Daraufhin, sagt Blume, habe Rickmers ausgiebig gelacht. Aber was sucht er eigentlich? Nach einigem Überlegen sagt Blume: „Ich glaube, es ist eine Mischung aus Glück, Bedeutung und Verantwortung.“

Anfangs sind die Vorbehalte groß. Warum will er, der millionenschwere Reeder, ausgerechnet für die SPD Politik machen? Er selbst erklärt es so: „Die Ungleichheit hat im vergangenen Jahrzehnt zugenommen. Die Antworten darauf müssen von links der Mitte kommen, damit sie in der Gesellschaft akzeptiert werden.“ Es ist ein typischer Satz, weil sich in ihm beides zeigt: Rickmers, der Überzeugungstäter, der dazu beitragen will, Wirtschaft und Gerechtigkeit zu versöhnen. Und Rickmers, der Pragmatiker, der dafür in die SPD eintritt, auch wenn er früher für CDU und FDP gespendet hat.

Die Genossen jubeln ihm zu

Auf seinem ersten Parteitag braucht Rickmers nur drei Sätze, um die Mitglieder für sich einzunehmen. Er sagt: „Als ich mit Olaf gestern abstimmte, wie ich mich heute vorstellen soll, sagte er, du musst die auf jeden Fall mit Genossinnen und Genossen anreden. Fragte ich: Nehmen die mir das ab, ich bin doch erst seit zwei Tagen SPD-Mitglied, sonst bin ich Unternehmer? Egal, sagte er, du bist jetzt einer von uns.“

In diesen Sätzen offenbart sich Rickmers strategisches Geschick. Er weiß um die Vorbehalte der Mitglieder – und holt sie genau dort ab. Er zeigt eigene Unsicherheit und entledigt sich so vom Image des überheblichen Millionärs. Und dann benutzt er Scholz, den politischen Leitwolf, um sich zum Teil der Gruppe zu machen. Hätte er gesagt: Ich bin einer von euch – es wäre wohl nach hinten losgegangen. So aber jubeln die Mitglieder ihm zu. Und wählen ihn mit 93 Prozent auf Platz 13 der Landesliste.

Nach dem Jubel aber kommt der Alltag, die zähen Bürgerschaftssitzungen, die Ortsverbandstreffen. Und dann vermischen sich auch noch seine beiden Rollen unangenehm. In der Bürgerschaft geht es in diesem Frühjahr um Hapag-Lloyd, um die Frage, ob die Stadt Hamburg ihre Anteile an der Reederei aufstocken soll. Rickmers, der Abgeordnete, muss dazu schweigen. Denn Hapag-Lloyd ist Kunde – von Rickmers, dem Unternehmer.

„Würde ich mich äußern“, weiß Rickmers, „hieße es doch sofort, der ist befangen.“ Also sitzt er bloß da, eingeklemmt zwischen einem Rechtsanwalt und einer gelernten Bürokauffrau, auf dem Pult eine rote Mappe, darunter sein iPad, mit dem er die Zeit totschlägt. Es ist eine seltsame Situation: Ausgerechnet er, der sich in der Schifffahrt besser auskennt als alle anderen Abgeordneten, darf nicht mitreden.

Trotzdem wirkt Rickmers nicht frustriert. Er hat sich aus dem Sitzungssaal geschlichen, lehnt sich lässig auf der steinharten Holzbank im Foyer zurück. Dort verbindet er ein gerauntes „Hallo, Herr Senator“ mit einem beiläufigen, staatsmännischen Nicken. Und erklärt, dass er nach einem Jahr in der Politik „angekommen“ sei und nun ganz gut verstehe, „wie politische Mechanismen funktionieren“.

Wer ihn fragt, wann er mal am liebsten hingeworfen hätte, kriegt keine Antwort. Klar, Politik sei ein kleinteiliger Prozess. Aber dafür würden auch besonders dicke Bretter gebohrt.

Warum Rickmers nicht die Lust verliert an der Politik? Zum einen ist er auch als Unternehmer einer, der eher moderiert als brachial durchsetzt, den sein CEO Nick Teller als guten Zuhörer beschreibt, der so gern mit Menschen rede, dass er nie auf die Uhr schaue – und deshalb ständig zu spät komme.

Es liegt aber auch an seiner Herangehensweise. Anders als andere Quereinsteiger hat er kein konkretes Projekt, das er unbedingt umsetzen will – und mit dem er schnell scheitern könnte. Er sieht sich stattdessen als Lernender, versucht zu verstehen, wie Politik funktioniert. Offenbar mit Erfolg.

Wofür lernt Rickmers? Wo will er hin?

Rickmers habe bereits jetzt ein „ausgeprägtes Bewusstsein dafür, was politische Arbeit bedeutet“, sagt Dorothee Stapelfeldt, die Hamburger Wissenschaftssenatorin. Zudem verfüge er über „sehr sensible Antennen“, sei offensiv auf die Menschen in der SPD zugegangen und deshalb schon nach einem Jahr gut in der Partei vernetzt. Selbst in den trockensten Bürgerschaftssitzungen, ergänzt seine Sitznachbarin Karin Timmermann, würde er immer bis zum Ende durchhalten.

Wofür aber lernt Rickmers, wo will er hin? Er sagt, dass er sich durchaus vorstellen kann, „einen noch größeren Teil meines Lebens der Politik zu widmen“. Nur die Interessenskonflikte zwischen seinen beiden Rollen stören ihn.

Als der Wirtschaftsausschuss über Hapag-Lloyd berät, wird er als dessen Vorsitzender kurzfristig von der SPD-Fraktion wegen seiner möglichen Befangenheit ausgeschlossen. Auch bei der endgültigen Abstimmung in der Bürgerschaft nimmt er sein Stimmrecht nicht wahr. „Das nervt schon“, sagt Rickmers. Gerade weil Hapag-Lloyd kein Einzelfall bleiben muss. Als Unternehmer ist Rickmers etwa Kreditnehmer bei der HSH Nordbank. Auch sie beschäftigt immer wieder die Politik.

Ein möglicher Ausweg: Sein politisches Engagement aus Hamburg weg zu verlagern. Oder über Hamburg hinaus. „Der will bestimmt nicht bis zum Sankt-Nimmerleins-Tag in der Bürgerschaft sitzen“, sagt sein Freund Blume. Kürzlich habe ihm Rickmers sogar anvertraut, dass die Lernkurve nach einem Jahr im Landesparlament allmählich abfalle. Wahrscheinlich dauert es nicht mehr lange, bis in Rickmers wieder diese eine Frage aufpoppt: und wie weiter?

Wer Rickmers beim Hafenempfang erlebt, kann sich die Richtung vorstellen. Er schüttelt Hände, gibt Küsschen links, gibt Küsschen rechts. Während der Hamburger Wirtschaftssenator seine Rede mehr oder weniger abliest, macht Rickmers sich beim alkoholfreien Bier nur ein paar handschriftliche Notizen – und spricht dann beeindruckend frei: über die Energiewende, China, die ganz großen Themen.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 05/2012.

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