Unternehmen Görlitz: Das kleine Wirtschaftswunder in der Lausitz

Hübsch anzusehen: Die Altstadt von Görlitz mit der Peterskirche.

Hübsch anzusehen: Die Altstadt von Görlitz mit der Peterskirche.© Sabine Wenzel

Görlitz ist arm, aber attraktiv. Touristen, Hollywoodstars und Unternehmer zieht es in die strukturschwache Lausitz. Auffällig viele Firmen kommen aus der Schweiz. Was lockt sie dorthin?

Der tiefblaue Himmel, die wärmende Herbstsonne, die Schönheit der Stadt. „Ah“, „oh“ und „wow“ macht die kulturell beflissene Besuchergruppe auf dem alten Rathausplatz. Barock, Spätgotik, Renaissance, Gründerzeit. Viele Touristen laufen durch die Görlitzer Altstadt und wissen gar nicht, was sie zuerst bestaunen sollen. Die Stadtlandschaft ist einmalig. Im Krieg haben die Langstreckenbomber die alte Grenzstadt an der Neiße verschont, nach der Wende floss viel Geld in die Sanierung des in dieser Form einmaligen Kulturerbes.

Heute kann es Besuchern passieren, dass sie Schauspielern wie Jude Law, Kate Winslet, Tilda Swinton oder Jeff Goldblum bei der Arbeit begegnen. Im nächsten Februar wird der Film „Grand Budapest Hotel“ die Internationalen Filmfestspiele in Berlin eröffnen. Gedreht wurde natürlich in Görlitz. Auch die Welterfolge „Der Vorleser“ und „Inglourious Basterds“ sind hier entstanden. Schon sprechen die Sachsen stolz von ihrem „Görliwood“.

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Dreiklang aus Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Abbau Ost

Die Kulisse für eine Erfolgsstory steht also schon mal. Doch die Schlagzeilen an diesem Morgen zeigen noch eine andere, ernüchternde Wirklichkeit. „Die Lausitz schrumpft bis 2030“, titelt die „Sächsische Zeitung“ auf der ersten Seite. Im Artikel heißt es: „Es wird nicht einfacher für die Lausitz. Bis 2030 verliert die Region etwa 36 Prozent ihrer arbeitsfähigen Bevölkerung.“ Es geht um eine neue Studie des Ifo-Instituts über die Zukunftsfähigkeit der Grenzregion, um Zahlen, Prognosen, Mutmaßungen. Sie sind pessimistisch. Es ist die alte Leier von der Lausitz als einer Region in Randlage; einem Landstrich, der ausblutet. Nach der Wiedervereinigung und dem Zusammenbruch der Industrie hat die Region ein Drittel ihrer Bevölkerung verloren. Gegen den Dreiklang aus Arbeitslosigkeit, Abwanderung und Abbau Ost ist in der Lausitz nur schwer an­zukommen. Im 56 000-Einwohner-Städtchen Görlitz versuchen es die Menschen trotzdem.

Mit Abbau kennen sich Rainer Cechlovsky und Holger Urban nicht so gut aus. Ihr Job ist der Aufbau. Dafür ist der eine aus der Schweiz neu nach Görlitz gezogen und der andere nach Jahren überall in der Welt zurückgekehrt – froh darüber, in der Heimat eine Stelle gefunden zu haben. An Fachkräfte wie Urban haben die Marketingstrategen des Bundeslandes gedacht, als sie die Kampagne „Sachse, komm zurück“ erdachten. Denn ohne all die Hochqualifizierten, die vor Jahren ihre Heimat auf der Suche nach Arbeit verließen, lassen sich keine neuen Unternehmen anlocken. Und ohne die entstehen auch keine weiteren Jobs.

Aufbruchstimmung: Die Schweizer Skan AG sucht neue Mitarbeiter

Aufbruchstimmung: Die Schweizer Skan AG sucht neue Mitarbeiter. © Felix Wadewitz© Felix Wadewitz

Die beiden Fabrikchefs stapfen über ihre Baustelle. Zwei Produktionshallen wachsen dort in den Himmel. Es entsteht der neue Standort eines Weltmarktführers, der Schweizer Skan AG. Der 300-Mann-Betrieb aus Basel fertigt Isolatoren für die pharmazeutische Industrie. Skan will noch rund 30 weitere Spezialisten anheuern, und zwar hier in Görlitz. An der Zufahrt zur Baustelle hängt bereits ein Schild: „Wir stellen ein.“ Gesucht werden Mechatroniker, Elektriker und Lagerlogistiker.

Skan ist nicht allein. Im Umkreis weniger ­Kilometer hat sich in und um Görlitz herum ein kleines, feines Cluster aus Unternehmen herausgebildet, die eines gemeinsam haben: Sie kommen alle aus der Schweiz.Sie heißen Notterkran, Rondom, Benaja oder Qcentris. Ihre Zentralen stehen in Boswil, Walzenhausen oder Zürich. Sie bauen Kräne, entwickeln Biegetechnik, schreiben oder testen Software. Gemeinsam schaffen sie in Görlitz Hunderte Jobs. Nicht irgendwelche Mini-Jobs, sondern sozialversicherungspflichtige Vollzeitstellen. Die Frage ist: Warum hier?

Neue Marktanteile dank Görlitz

„Viele Unternehmer sagen ja erst: Was will ich denn hier? Die Gegend ist doch mausetot!“ Reinhard Lauermann – weiße Haare, markante Gesichtszüge, klare Sprache – kennt die Vorbehalte gegenüber der Lausitz. Er baut die hiesige Sparte von Notterkran auf. Das Schweizer ­Familienunternehmen mit 130 Angestellten entwickelt und fertigt Lkw-Kräne. Geschäftsleiter Lauermann, ein ­gebürtiger Sachse, sitzt in einem nagelneuen Besprechungsraum. Der Fernseher für die ­Videokonferenzen an der Wand sieht aus wie eben ausgepackt. „Die IT-Jungs waren gerade da, jetzt funktioniert die Datenleitung mit der Zentrale“, erzählt Lauermann fröhlich. Er ist in Aufbruchstimmung. Draußen richten gerade Arbeiter zwei Fabrikhallen her. Der Anspruch ist hoch. Der neue Standort wird künftig das gesamte Unternehmen wettbewerbsfähiger machen, so die Hoffnung. Verloren gegangene Marktanteile sollen dank Görlitz zurückgewonnen werden. Der Schlüssel dafür liegt in den niedrigen Kosten des Standorts.

Geschäftsleiter Reinhard Lauermann (l.) und sein Kollege Thomas Gringmuth bauen in Sachsen die deutsche Tochter des Schweizer Familienunternehmens Notterkran auf.

Geschäftsleiter Reinhard Lauermann (l.) und sein Kollege Thomas Gringmuth bauen in Sachsen die deutsche Tochter des Schweizer Familienunternehmens Notterkran auf. ©Unternehmen© Felix Wadewitz

Gut ausgebildete Fachkräfte für rund 3000 Euro im Monat? In Görlitz kein Problem. In der Schweiz verdienen diese mindestens doppelt so viel. Auch in Süddeutschland ist es deutlich mehr: In Görlitz sind die Löhne und Gehälter knapp ein Drittel niedriger als in Baden-Württemberg oder Bayern. Gemessen am Bundesdurchschnitt liegt der Kostenvorteil noch bei 25 Prozent. Damit ist die Lausitz für die Schweiz so etwas wie Rumänien für die Bayern – nur ohne Sprachbarriere und mit ausgebauter Infrastruktur. Aber das ist nur ein Grund, warum es die Schweizer in den Osten Deutschlands zieht. Die anderen haben viel mit Europa zu tun.

Zwei Jahre ist es her, da kletterte der Franken auf ein Rekordhoch. Weil die Schulden­krise den Euro immer günstiger machte, wurde die Schweizer Währung immer wertvoller. Darunter litten die Schweizer Unternehmen, deren Produkte auf internationalen Märkten teurer wurden und sich seltener verkauften. Der starke Franken bremste den Schweizer Export aus. Dieser Kreislauf ließ sich durchbrechen – durch eine Ansiedlung in der Euro-Zone.

Ein Quadratmeter für 3 Euro

Genau in dieser Zeit landet bei Thomas Notter, dem Chef von Notterkran, ein Brief mit dem Stadtwappen von Görlitz auf dem Schreibtisch. Es ist ein Bewerbungsschreiben. Die Stadt will Notter in die Lausitz locken. „Görlitz ist die östlichste Stadt Deutschlands und liegt direkt an der polnischen Grenze. Görlitz und Zgorzelec, die polnische Schwesterstadt, bilden eine ­Europastadt“, heißt es in dem Schreiben zunächst, um dann schnell zur Sache zu kommen: „Die Region bietet aktuell die wahrscheinlich vorteilhaftesten Investitionsbedingungen Deutschlands.“

Parallel zu der Briefaktion, bei der 1500 Schweizer Firmen angeschrieben werden, schaltet Görlitz Anzeigen in Schweizer Zeitungen: „Investieren Sie dort, wo Sie 1 Quadratmeter Deutschland schon ab 3,46 CHF bekommen.“ 2,88 Euro für einen Quadratmeter? Unter­nehmer Notter hält das erst für eine Art Prämie, bevor verhandelt wird. Aber das ist tatsächlich der Kaufpreis. Die Kommune stellt das Land in Gewerbegebieten so günstig zur Verfügung.

Eine der Görlitz-Anzeigen in der „Neuen Zürcher Zeitung“ geht damals auch Rolf Henzmann nicht mehr aus dem Kopf. Der Wechselkurs des Franken zum Euro macht dem Geschäftsführer vom Weltmarktführer Skan schon zu lange zu schaffen. „Das war gar nicht mehr darstellbar“, erinnert er sich. Eine Produktionsstätte im Euro-Raum soll her. Henzmann lässt von der Universität St. Gallen eine Standortstudie erstellen und schickt neben Görlitz auch Orte in Irland, Tschechien und Spanien ins Rennen.

Es gewinnt Tschechien. Henzmann aber fährt nach Görlitz. „Die vertraute Sprache“, sagt der Manager, „spielt ja auch eine Rolle.“ Bevor er sich auf den Weg macht, fragt er vorsichtshalber nach: „Brauche ich in der Gegend Allrad-antrieb?“ (Antwort: Nein. Die A4 von Dresden nach Görlitz schafft auch ein Smart.) Nach dem ersten Besuch des Managers im Frühjahr 2012 geht alles ganz schnell: Land kaufen, Bauantrag, erster Spatenstich, Richtfest. Jetzt, im Januar, kann die Produktion bei Skan anlaufen.

Die Frau, die für das hohe Tempo sorgt, ­arbeitet in einem ehemaligen Getreidespeicher in der Altstadt. Die Mission von Mandy Kriese: Firmen anlocken, Arbeitsplätze schaffen. Die 30-Jährige leitet die Wirtschaftsförderung der Stadt. Schon der Firmenname „Europastadt Görlitz Zgorzelec GmbH“ deutet darauf hin, dass die Strukturen hier andere sind. Die Wirtschaftsförderung ist nicht wie vielerorts in ­einer ­Behörde angesiedelt, sondern bei einer Tochterfirma der Stadt. Kriese und ihre Kollegen gehen also auch am Freitagnachmittag noch ans Telefon. Ruft ein Unternehmer an, dann geht es schnell auch wieder um Europa.

Die Volkswirtin Mandy Kriese kehrte aus Dresden in ihre Heimat Görlitz zurück und wirbt als Wirtschaftsförderin der Stadt für den Standort

Die Volkswirtin Mandy Kriese kehrte aus Dresden in ihre Heimat Görlitz zurück und wirbt als Wirtschaftsförderin der Stadt für den Standort. ©Pawel Sosnowski/www.80studio.net© Unternehmen

Die Oberlausitz gilt in Brüssel als besonders schwach entwickelte Region und gehört noch zu den Top-Fördergebieten der Europäischen Union. „Wer hier etwas aufbaut, kann mit Zuschüssen von bis zu 50 Prozent der Investitionssumme rechnen“, erklärt Kriese. EU, Deutschland, Sachsen, die Entwicklungsbank des Landes – der Förderdschungel ist dicht. Wenn ein Unternehmer anbeißt, dann bekommt er ein Rundum-sorglos-Paket. Von der Baugenehmigung bis zur Suche nach Mitarbeitern: Das Team der Stadt kümmert sich um alles.

Görlitz ist aus der Not heraus zum Vorreiter geworden. Die Gemeinde wurde 2012 als „Stadtmarke des Jahres“ ausgezeichnet. Solche Erfolge fallen auf: Das große Leipzig will nun ähnliche Strukturen schaffen und hat dafür Mandy Krieses Chef abgeworben. Und im Nachbarland Brandenburg haben die Städte Spremberg und Cottbus den Aufbau eines Industriegebiets mit sehr spezieller Zielgruppe angekündigt – der Name: „Schweizer Gewerbepark“.

Beim Görlitzer Original löst das keine Unruhe aus. Eine weitere eidgenössische Firma hat bereits ihr Interesse bekundet, und die nächste Hollywoodproduktion ist auch in Planung. Die Filmemacher, die Görlitz gern als Kulisse nutzen, kommen übrigens nicht nur der Schönheit der Stadt wegen her. Hier zu drehen ist eine Auflage der Filmförderung des Landes Sachsen, die im großen Stil Hollywoodfilme wie „Grand Budapest Hotel“ mitfinanziert.

So haben die bodenständigen Unternehmer aus der Schweiz ausgerechnet etwas mit den US-Filmstars gemeinsam: Sie alle sind dem Charme der Stadt erlegen.

Aber wenn es nicht so lukrativ wäre, wüssten sie bis heute nicht, wo Görlitz liegt.

 

cover-dezember-abbinderAus dem impulse-Magazin 12/2013

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