Unternehmen Herr der Räder

Von ihrem roten Lackkörper und 250 Pferdestärken schwärmen kleine Jungen und erwachsene Männer. Unternehmer Willi Balz hat seinen Traum wahr gemacht, er sammelt Rennmaschinen von Ducati - auch wenn seine Firma Windreich für saubere Energie und Umweltschutz steht.

Sein größter Schatz liegt unter einem Supermarkt verborgen. Ein grell ausgeleuchteter Gang führt zu ihm hin, vorbei an Kassen, einem Kiosk und einer Bäckereitheke, über Betontreppen in die Tiefe hinab. Plötzlich: ein Holztor mit Eisenketten verschlossen. Dahinter beginnt eine andere Welt. An der Wand hängt der mächtige Rotor eines Flugzeugs, daneben das Heck eines Oldtimer-Ferraris. In der Ecke stehen eine glänzende MV Agusta und eine Vincent Black Shadow 57 – für Motorradfans echte Liebhaberstücke. Doch hier sind sie nur Nebendarsteller, in dieser Tiefgarage, die weit mehr ist als ein Abstellplatz. Sie ist Werkstatt, Sammlung und Museum für Automobilgeschichte zugleich – das Reich von Willi Balz, Unternehmer aus Wolfschlugen bei Stuttgart.

Balz, ein großer, kräftiger Mann mit kantigem Kinn und breitem Lächeln, hebt mit schnellen Bewegungen die Planen, die seinen Schatz verhüllen: Ein gutes Dutzend knallroter Ducati-Motorräder kommen zum Vorschein, schwere Maschinen – nein, Geschosse, die ihren Fahrer wie eine Kanonenkugel auf über 300 Stundenkilometer beschleunigen. 250 PS! „Einfach beeindruckend“, schwärmt der 51-Jährige. Er sammelt limitierte Rennmaschinen, Siegermotorräder von Weltmeisterschaften und historische Modelle wie die Ducati Scrambler, Baujahr 1971, sein ältestes Exemplar. Eine neue Ducati kostet zwischen 8000 und 30.000 Euro, einige Modelle von Balz sind zehnmal so viel wert. Es sind Sammlerstücke, wie sie auch am 11. und 12. Mai auf dem Grimaldi Forum in Monaco versteigert werden. Über 100 Maschinen gehen in die Auktion (Exemplare ab Seite 152). Wer die Ducati Desmosedici GP10 kaufen will, mit der Casey Stoner, Weltmeister von 2007, Strecken testete, muss eine Vertraulichkeitsvereinbarung unterschreiben. Schließlich ist die Technik weiterhin im Einsatz. Echte Fans wie Balz würden solche Geheimnisse aber sowieso nie verraten.

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Mit Windkraft
Pionier Seit 1999 baut und finanziert Willi Balz Windkraftanlagen – und ist damit erfolgreicher als Konzerne wie RWE. Der Umsatz seiner Firma Windreich stieg von 103 Mio. Euro 2010 auf 125 Mio. Euro 2011. Ende dieses Jahres soll das Unternehmen an die Börse.
Ziele Balz will künftig Elektroautos antreiben. Er entwickelt Ladestationen mit mobilen Windrädern. Um seine Idee zu vermarkten, rüstete er einen Jaguar und einen Porsche mit neuen Elektromotoren aus.

Ducati umweht eine Aura, wie sie sonst nur Ferrari umgibt. Einst als Familienbetrieb gegründet, bietet das Unternehmen aus Bologna der mächtigen japanischen Konkurrenz die Stirn: Weder Honda noch Yamaha, weder Suzuki noch Kawasaki gelang es, die Dominanz der Italiener in der Superbike-Klasse zu brechen, der Königsklasse des Motorradsports neben der MotoGP. „Ducati gleicht wirtschaftliche Unterlegenheit mit enormer Leidenschaft aus“, sagt Balz. „Das hat mich schon immer fasziniert.“ Er sieht in den Italienern einen David, der gegen viele Goliaths bestehen muss. So wie er, der kleine Unternehmer, der mit seinen Windrädern gegen die großen Energieversorger antritt. Balz hebt den Zeigefinger, als würde er einen Vortrag halten, und schwäbelt: „Der pfiffige schwäbische Mittelständler kann die großen Konzerne schlagen.“ Dieser Satz klingt nach Schützenfest und Ortsverein, nicht nach Rennsport. Aber das täuscht. Den bodenständigen Unternehmer aus Wolfschlugen kennen Fahrer und Teams auf den Rennstrecken in aller Welt. In Motorradforen tauschen sich Fans ehrfürchtig über seine Erwerbungen aus. „Willi Balz besitzt eine original Desmosedici von 2003 von Capirossi. Wert: circa 250.000 Euro“, schreibt etwa ein User auf der Plattform Racing4Fun.

Motorräder für Alphatiere

Auch die größte Krise seines Vorbilds kühlte Balz‘ Leidenschaft nicht ab. Ende der 90er-Jahre schien Ducati am Ende, die Geschäfte liefen schlecht. 1998 stieg der Finanzinvestor Andrea Bonomi mit seiner Gesellschaft Investindustrial ein. Ducati gelang die Überraschung, das Unternehmen kam mit neuen Modellen zurück. 2011 legten die Italiener das beste Jahr ihrer 86-jährigen Geschichte hin. Im März landeten drei Modelle bei der Wahl zum „Motorrad des Jahres“ der Zeitschrift „Motorrad“ ganz vorn. 39.000 Leser hatten abgestimmt. Jetzt haben die Investoren ihre Beteiligung verkauft. Volkswagens Premiummarke Audi zahlte 860 Mio. Euro. Eine kartellrechtliche Genehmigung steht noch aus. VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch wollte die Marke unbedingt in seinen Konzern integrieren, er fährt selbst eine Ducati. Wie auch die Schauspieler Brad Pitt und Tom Cruise. Alphatiere lieben die schweren Rennmaschinen. Ducati steht für Speed, Risiko, Männlichkeit.

Unternehmer Balz ist diesem Mythos verfallen. Mit 14 träumte er von einer Ducati – und kaufte erst mal ein Moped, mit dem er durch Wolfschlugen knatterte. Als 20-Jähriger schrieb er sich an der Fachhochschule für Wirtschaftsingenieurwesen ein. Ein Jahr später, parallel zum Studium, gründete er eine Firma für Baufinanzierung. Schnell verdiente Balz deutlich mehr als ein Studentenzubrot und kaufte mit 22 – endlich – seine erste knallrote Rennmaschine. „Ein Wahnsinnsgefühl.“

Mit dem Geschäft ging es weiter bergauf, Balz plante über 100 Einkaufszentren. Bald mischte er im Profirennsport mit. 2008 sponserte Balz den deutschen Weltmeister Stefan Bradl, später das Team um Loris Capirossi, der 1990 mit 17 Jahren jüngster Motorradweltmeister aller Zeiten wurde. Zum Dank schenkte ihm der Italiener die Ducati, mit der er 2003 den Großen Preis von Spanien gewann. Sie parkt heute in Balz‘ Büro, in einer Glasvitrine hinter dem Konferenztisch. Auf dem Tisch steht ein Windrad. Und zwischen diesen zwei Polen, Ökostrom und Motorsport, sitzt Balz – im Dilemma.

Denn Balz wurde Ökounternehmer. 1999 verkaufte er seine erste Firma und fing an, Windräder zu bauen und aufzustellen, bis heute sind es über 1000 auf dem Festland. Zudem gehören seiner Firma Windreich 35 Prozent der für Windkraft nutzbaren Flächen in der Nordsee. Balz‘ Name steht für sauberen Strom.

Motorsport und erneuerbare Energien – das verträgt sich nicht. Deshalb hat Balz sich aus dem Profirennzirkus zurückgezogen. „Schweren Herzens“, seufzt er. Jetzt will er an die Börse, da müssen Storys glatt und gut zu verkaufen sein. Stattdessen unterstützt Balz nun den deutschen Elektromotorrad-Weltmeister. Matthias Himmelmann soll mit seiner Hilfe den Titel verteidigen – angetrieben von CO2-frei erzeugtem Strom aus einem neun Meter hohen Windrad, das auf einem Anhänger zu jedem Rennen mitreist.

Heiß geliebte Maschinen
Einige sind für die Rennstrecke gebaut, andere für Pflastersteine und Schlaglöcher. Sie sind schnell oder bequem, aber selten beides. Sechs Kultmarken, die Motorradfans begeistern
Aprilia Noch eine italienische Traditionsmarke, die schnell unterwegs ist: Aprilia fährt regelmäßig WM-Titel ein. Die Topmodelle der Reihe RSV4 kommen in der Straßenversion auf 180 PS. Seit Aprilia zu Piaggio gehört, werden auch schnelle Scooter gebaut, etwa der neue Gilera GP 800.
BMW Eher bekannt für ihre bequemen Tourenräder, bauen die Bayern natürlich auch Rennmaschinen. Zum Beispiel die S 1000 RR, über die es in der Verkaufsbroschüre völlig unbescheiden heißt: „Die RR spiegelt die reine Lehre der Rennstrecke wider – nur dass man hier einfach ein Kennzeichen anschrauben kann.“
Harley-Davidson Route 66, Freiheit, Wildnis, Abenteuer – kaum ein anderes Motorrad weckt so viele Assoziationen. Touristen, die sich ihren eigenen amerikanischen Traum erfüllen, düsen gern mal mit einer gemieteten Harley durch Kalifornien.
Kawasaki Eigentlich baute Shozo Kawasaki Schiffe, erst später folgten die superschnellen Motorräder. Zur Legende wurde die 900 Z1, die in den 70er-Jahren das leistungsstärkste Zweirad der Welt war und Europa zum wichtigen Markt für die Japaner machte. In der Z1-Tradition sieht Kawasaki auch das aktuelle Spitzenmodell: Die grün-schwarze Ninja ZX-10R ist 200 PS stark.
MZ Die Motorenwerke Zschopau gehörten einst zu den größten Motorradherstellern der Welt, in Sachsen stand das erste Motorradfließband überhaupt. Verkaufsschlager wie die MZ ETZ 250 waren vor allem eines: lang haltbar und einfach zu reparieren. Nach Pleite und Comeback setzt man auf Elektromotorräder, bislang erfolglos.
Royal Enfield Die Bullet 500 mit ihren knapp 28 Pferdestärken ist eines der meistgebauten Motorräder der Welt. Sie wird in Indien hergestellt, wo Enfield einst aus einem englischen Waffenhersteller hervorgegangen war. Enfield gilt als die älteste noch existierende Motorradmarke der Welt.

Sein verborgenes Museum würde Balz trotzdem nie aufgeben. Zu sehr liebt er die Ducatis und ihre PS. Er ist ein Tempomensch. Immer in der Vorwärtsbewegung, saust er zwischen Büro und Terminen hin und her, behält stets seine zwei Handys im Blick. „Mein Hobby ist ein verkraftbares Laster“, sagt er. „Meine persönliche CO2-Bilanz ist so positiv, das kann ich in meinem Leben gar nicht mehr aufholen.“ Und seine Geschäftspartner freuen sich, wenn Balz sie durch seine Sammlung führt. „Zum Warmwerden für die Verhandlungen.“ Das macht selbst die korrektesten Anzugträger locker. Aufsteigen können sie jedoch nicht. „Die Ducatis müssen eine Stunde warm gefahren werden, bevor es auf die Piste gehen kann.“ Deswegen kommt auch Balz nur ein paar Mal im Jahr dazu, seine Maschinen auf der Rennstrecke auszufahren. Dann aber fühlt er sich frei. Er hat sich seinen Kindertraum erfüllt.

Nur zwei Wünsche sind noch offen. „Die Weltmeister-Ducati von Valentino Rossi. Und dass Ducati eines Tages Elektromotorräder baut.“ Dass Rossi, der seine neun Weltmeistertitel auf anderen Maschinen holte, noch mal mit einer Ducati gewinnt und Balz die Maschine dann kaufen kann, ist nicht ausgeschlossen. Mit den Elektromotorrädern sieht es schlechter aus.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 05/2012.

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