Unternehmen Herr Kopf baut sich seine eigene Fluglinie auf

Stimmt, sein Flughafen ist nicht groß. Aber dass Austrian Airlines dort jetzt seltener landet, will Markus Kopf nicht kampflos hinnehmen. Und gründet seine eigene Fluglinie.

Markus Kopf rollt mit seinem Mercedes über die Landebahn. Er darf das, ist ja seine. Er hält an und steigt aus. Guckt in den Himmel. Ah, da kommt er. Als der Jet in steilem Sinkflug über ihn hinwegdonnert, bricht es aus ihm heraus: „Das hat was Majestätisches!“

Das Flugzeug gehört ihm auch, genau wie der Flughafen Altenrhein am Bodensee. Kopf ist neben dem Scheich von Dubai einer der wenigen Menschen auf der Welt, die beides besitzen, eine Airline und einen Airport. Auch wenn es ein kleiner Flughafen ist und eine kleine Fluggesellschaft, die nur eine Strecke bedient: Wien-Altenrhein. Mit einem Jet, der 76 Plätze hat, eine Embraer 170. 14 Mio. Euro hat er für die Maschine bezahlt. Wegen eines Streits. „Der wurde mir aufgezwungen“, brummelt er und droht trotzig. „Wir werden ja noch sehen.“

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Am Alpenrand ist ein Luftkampf entbrannt, den die Branche ungläubig bis belustigt beobachtet. Auf der einen Seite: Unternehmer Kopf, 56 Jahre alt, ursprünglich nur Besitzer des Flughafens. Ein Mann mit Hang zu großen Emotionen, großen Projekten und dem notwendigen Kapital. Sein Gegner, ein Goliath: die Lufthansa-Tochter Austrian Airlines, die es wagte, ihre Flüge ab Altenrhein zu reduzieren.

Der Ort des Dramas macht auf den ersten Blick einen verschlafenen Eindruck, eine Provinzpiste im nordöstlichsten Zipfel der Schweiz. Menschenleere Hangars verlieren sich entlang der Asphaltbahn. Doch die Learjets auf dem Vorfeld lassen erahnen, dass hier mehr läuft.

Gerade wird ein Privatjet startklar gemacht. Eine wohlhabende Liechtensteinerin trägt ihren Pelz übers Vorfeld. Treffen sich in Davos Konzernbosse zum Weltwirtschaftsforum, ist auf dem Flugfeld kein Platz zu bekommen. Fast täglich schweben Maschinen aus den Golfstaaten oder Kanada ein, deren Passagiere in der Nähe Geschäfte machen oder Ski fahren. Dem Vernehmen nach lassen Königshäuser und Formel-1-Piloten in den Hangars ihre düsengetriebenen Statussymbole warten.

Erst Investment, dann Herzenssache

Der Flughafen ist das Tor zur Welt für die Ostschweiz, Vorarlberg und Liechtenstein. Und Markus Kopf ist der Torwächter. Die Landegebühren für die Jets, Mieten für Hangars und Konferenzräume auf dem Flughafengelände machen zwei Drittel seiner Einnahmen aus. Der Rest stammt aus dem Linienverkehr. Setzt ein Linienjet auf seiner Piste auf, verlangt Kopf 28 Schweizer Franken (23 Euro) je Tonne Gewicht plus 40 bis 50 Franken je Passagier. Machte für den einzigen Linienflieger Austrian Airlines, bei täglich vier Flügen, gut 3,5 Mio. Euro Gebühren im Jahr. Fest eingeplantes Geld. Das Problem: Seit dem Sommer 2010 bedient die Austrian Airlines, kurz AUA, den Provinzflughafen nur noch drei- statt viermal pro Tag. Zu einsam waren die Stewardessen in der Mittagsmaschine. Für Kopf bedeutet das 25 Prozent weniger Einnahmen aus dem Liniengeschäft. „Das bedroht unsere Wirtschaftlichkeit“, poltert er.

Das wollte er nicht hinnehmen: „Fliegt die Austrian weniger, fliege ich selbst“, beschloss Kopf. „Keine tollkühne Idee, sondern eine Notwendigkeit“ sei das, sagt sein Geschäftspartner und Freund Bertold Bischof. Der sitzt freilich mit Kopf im Verwaltungsgremium des Flughafens. Innerhalb von sechs Monaten beschaffte Kopf das Geld, heuerte Piloten und Stewardessen an, ergatterte Landegenehmigungen für den Flughafen in Wien, bestellte – der Heimat verbunden – Käse aus Appenzell und Wein aus der Ostschweiz für die Bordverpflegung. Im März 2011 startete er den Flugverkehr, taufte den Jet nach seiner ersten Tochter „Laura“.

„Erst war der Flughafen ein Investment, jetzt ist er eine Herzenssache“, sagt Kopf. Das ist Teil des Konflikts. In Herzensdingen reagiert man auch mal stur. Der Unternehmer sitzt auf einem Sofa in seiner Business-Lounge, wirft sich Nüsschen in den Mund und macht sich einen Piccolo auf, den dritten oder vierten an diesem Tag. Ein König in seinem kleinen Reich.

Er habe als Junge nie davon geträumt, Pilot zu werden, erzählt Kopf. Und sich auch später nie sonderlich für die Fliegerei interessiert. Bis ihm sein Anwalt 2009 erzählte, der Flughafen stehe zum Verkauf. Der Jurist Roland Müller ist Kunstflieger und lehrt Luftfahrtrecht an der Universität St. Gallen. Er kennt sich in der Branche aus. „Kauf doch 50 Prozent“, riet er seinem Mandanten. Eine zweistellige Millionensumme zahlte Kopf für das Filetstück am Bodensee. Er sagt über den Betrag nur: „Es war weniger als die 50 Mio. Franken, die Niki Lauda geschätzt hat.“ Einige Monate später übernahm Kopf den Flugplatz ganz und benannte ihn um in People’s Business Airport St. Gallen-Altenrhein. „Altenrhein klingt nach Altenheim.“ Das gefiel ihm nicht.

Das Kapital für den Kauf hatte Kopf mit früheren Unternehmen verdient. Mit 17 Jahren reiste er in die USA, wurde zunächst, na klar: Tellerwäscher. Kopf war angefixt von diesem Land, wo alles möglich ist, Niederlage und vor allem Triumph. Mit 27 Jahren eröffnete er mit einem Freund eine Fabrik für Klebebänder, die Alltac. Das Startkapital bekam er von seinem Vater, dem eine Lohnstickerei gehörte. Rasch war das Klebe-Imperium größer als die Weltmarke Tesa. Die Gründer verdienten beim Verkauf an einen Konzern Millionen.

Markus Kopf und seine Firmen
2010 Gründung der Airline People’s Viennaline
2008 Kauf der Hälfte des Flughafens Altenrhein
2001 Mitgründer Vienna Symphonic Library
2000 Kauf von Capo Headwear
1996 Kauf der Schweizer Firma Rueff Textil
1989 Verkauf der Alltac an Alco Group
1983 Alltac, Hersteller von Verpackungsklebebändern. Gegründet in den USA

Kopf kehrte in die Schweiz zurück, investierte in der Textilindustrie und wurde 2001 Partner einer Tonbibliothek für klassische Musik. 1,5 Millionen Töne sind dort digital gespeichert. Am Computer zaubern Musiker daraus ganze Orchesterkompositionen. Kopf verdient an jedem Download mit.

Geld, das er jetzt verzockt, spotten viele in Altenrhein. People’s Viennaline hat er seine Fluglinie getauft. Zwei Tage vor dem Erstflug erteilten Österreichs Behörden die letzte Genehmigung. Österreich deshalb, weil die Firma offiziell dort residiert, in Dornbirn auf der anderen Rheinseite. Seither fliegt Kopf dreimal täglich Wien an – und streitet mit Austrian Airlines (AUA).

Zunächst erhöhte er die Flughafengebühren um 40 Prozent, gleich nachdem die AUA einen Flug strich. „Ist doch logisch“, sagt Kopf. Er müsse sein Minus ja ausgleichen. „Ist doch lächerlich“, sagt die AUA. Ihr Sprecher Martin Hehemann nennt die Preiserhöhung „a bisserl viel“ und „eine kalkulierte Eskalation“. Kopfs Airport sei der teuerste weit und breit. Hehemann zeigt eine Tabelle: München 18,21 Euro je Passagier, Wien 25,39, Altenrhein 39,55. Da müsse man sich überlegen, ob man Altenrhein überhaupt noch anfliegen sollte.

Bliebe die AUA weg, wäre es Kopf nur recht, schließlich hat er nun einen eigenen Jet zu füllen. „Die schikanieren uns, wo sie können“, klagt Hehemann. Kopf und seine Mitarbeiter behandelten die AUA-Gäste schlechter als ihre eigenen. Sie müssten eine volle Stunde vor Abflug am Check-in sein, die People’s-Viennaline-Flieger nur eine halbe. AUA-Mitarbeiter würden gemobbt und nicht gegrüßt, Mitarbeiter des Flughafens ließen gern mal die Jalousie des Austrian-Büros runter, wenn das nicht besetzt ist, „damit man unser Logo nicht sehen kann“, sagt Hehemann.

Die Sätze, die zwischen den Parteien fallen, klingen nach Sandkastenkrawall. „Meine Embraer ist schneller, sie schafft die Strecke 20 Minuten schneller als die Turboprops der AUA“, sagt Kopf. „Quatsch“, sagt Hehemann. Ein oder zwei Minuten sei Kopfs Jet schneller, dafür schlucke der viel mehr Sprit.

Sein Flieger sei zu einem Drittel ausgebucht, behauptet Kopf, einen Tick besser als das AUA-Flugzeug. „Stimmt nicht“, sagt Hehemann: Jeder zweite Austrian-Sitz sei besetzt. Und bezahlt – anders als bei Kopf, der auch Tickets verschenke. Ob die Austrian mit monatlich rund 5000 Passagieren auf der Strecke Gewinn macht, bleibt deren Geheimnis. Klar ist jedenfalls: Es gibt zu viele Verluststrecken. 58 Mio. Euro Miese betrug im vergangenen Jahr das operative Ergebnis. Der Mutterkonzern Lufthansa ist nicht erfreut.

Auch Kopf verbrennt Geld, überschlägig mehrere Mio. Euro im Jahr. „Egal“, sagt er. Fünf Jahre will er durchhalten mit seinen Kampfpreisen. Dann laufe der Vertrag zwischen der Austrian Airlines und dem Flughafen über die Landerechte aus. Hehemann kichert, sobald er das Wort „Vertrag“ hört. Kopf habe zunächst bestritten, dass es überhaupt einen gebe. Schließlich habe er zerknirscht gebeten, ihm eine Kopie zu schicken, „er finde den Vertrag nicht“. Hehemann platzt fast, so sehr amüsiert ihn das.

Eine neue Vereinbarung werde es nicht geben, kündigt Kopf an. „Spätestens dann fliegen wir hier alleine!“

Wenn Kopf fünf Jahre Luftkampf übersteht. „Es ist erstaunlich, dass jemand glaubt, mit diesem Konzept erfolgreich sein zu können“, sagt Luftfahrtexperte Cord Schellenberg. Was, wenn der Jet kaputtgeht? Die Wartung teurer wird. Ganz allein auf weiter Flur, ohne Allianz mit den Großen? „Komische Idee!“

Mögen die Experten und Stammtische ihn einen Hitz-kopf nennen, einen Spinner und Spieler. „Juckt mich nicht“, sagt Kopf. „Es ist undenkbar, dass ich aufgebe.“ Seine drei Kinder sollen einmal vom Flughafen profitieren. Immerhin, weitere Jets zu kaufen und neue Ziele anzufliegen hält er für Quatsch. „Ich bin ja nicht wahnsinnig!“, sagt Kopf. Der Name Viennaline ist Programm.

Nun muss er aber selbst los nach Wien. Kopf zerkaut die letzten Nüsschen in der Business-Lounge, dann steigt er in seinen Jet, der auf dem Rollfeld wartet. Und schon ist der Flieger ein wenig voller.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus impulse-Ausgabe 06/2012.

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