Unternehmen Im Google-Netz

Kein soziales Netzwerk wächst schneller als Google+. Nachdem der Facebook-Konkurrent zunächst nur Privatpersonen aufnahm, können mittlerweile auch Unternehmen Mitglied werden. Aber lohnt sich das überhaupt?

Als sich Google+ im Oktober 2011 auch für Unternehmen öffnete, war Martin Drunck sofort dabei. Mit den Geräten, die sein Elektrotechnik-unternehmen Guntermann & Drunck herstellt, lassen sich mehrere Computer durch eine Maus oder eine Tastatur steuern. Bisher ist Drunck mit diesen Geräten zu seinen Kunden gefahren. Doch das soll sich nun ändern: Vom Schreibtisch wird er die silbernen Boxen drehen und wenden – und sie dabei vor die Kamera seines Computers halten. Zugeschaltet sind seine Kunden, meist ebenfalls Unternehmer. Sie können das Produkt so von allen Seiten bewundern.

Mit diesen Videokonferenzen, Hangouts genannt, will der Internetriese Google sein soziales Netzwerk Google+ für Unternehmen interessanter machen. Bis zu neun Kontakte können zu einem gemeinsamen Hangout eingeladen werden. Für Drunck ein ideales Mittel, um Kunden zu binden: Produkte vorstellen, Schulungen, ein Face-to-Face-Kundenservice ist möglich. Google+ sei deshalb „viel mehr als nur ein weiteres Social-Media-Portal“.

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Tatsächlich ist Google+ nicht nur ein Frontalangriff auf Facebook, das mit gut 800 Millionen Mitgliedern größte soziale Netzwerk weltweit. Es könnte auch die Art und Weise verändern, mit der Firmen online agieren. „Unternehmenskommunikation wird sich künftig weniger an die Masse richten“, sagt Manfred Leisenberg, Professor für Wirtschaftsinformatik an der Fachhochschule des Mittelstands Bielefeld. Der Experte für Social Media prognostiziert, dass die Kommunikation immer mehr auf spezifische Kundengruppen zugeschnitten wird. Dafür liefere Google+ die passende Infrastruktur. „Sie können dort Informationen einstellen und gezielt verbreiten.“

Fast 500.000 neue Mitglieder pro Tag

Anders als bei Facebook oder Twitter gibt es bei Google+ keine lange Liste an Fans oder Followern. Stattdessen werden die Kontakte in sogenannte Kreise einsortiert. Der Infrarotspezialist Dias Infrared hat bisher drei dieser Kreise eröffnet: „Kunden“, „Interessenten“ und „Teammitglieder“. Wenn Marketingmanagerin Katrin Schindler eine Information weitergeben will, kann sie entscheiden, an welche dieser Kreise sie damit geht – und an welche nicht. „Die Einteilung in bisher drei Kreise ist nur ein erster Schritt“, sagt Schindler. „Wir können uns gut vorstellen, weiter zu differenzieren.“

Nachdem Google+ im Juni 2011 mit einer Betaversion begonnen hatte, stiegen die Nutzerzahlen rasant: 88 Tage nach dem Start hatte Google+ 40 Millionen Mitglieder. Mit fast einer halben Million neuer Mitglieder pro Tag ist es das am schnellsten wachsende soziale Netzwerk der Geschichte. Wie viele Mitglieder es inzwischen hat und wie groß der Anteil der Unternehmen ist, verrät Google nicht. Nur so viel: Man sei „überwältigt von der Resonanz“. Auch der Anstieg der Unternehmensseiten verlaufe „sehr zufriedenstellend“.

Teilen ist zentraler Bestandteil von Online-kommunikation, jedoch habe man bei Google erkannt, dass immer mehr Menschen und Organisationen den Wunsch verspürten, „selbst zu bestimmen, mit wem sie was teilen“. Google+, so die Botschaft, gebe den Nutzern mehr Kontrolle über ihre Inhalte.

Doch die Organisation der Kreise macht Arbeit. Ariane Budach ist Geschäftsführerin von Townzaun, einem Familienunternehmen aus Brandenburg, das vor allem Zäune herstellt. Mit ihrem Unternehmen hat sie zwar 600 Kontakte bei Google+, diese bisher aber noch keinen Kreisen zugeordnet. „Das ist mir schlicht zu aufwendig“, sagt Budach. Für sie hat sich der Nutzen von Google+ bisher nicht „herauskristallisiert“. Über Facebook habe sie bereits Kunden gewonnen. Bei Google+ seien bisher sehr viel weniger Privatpersonen Mitglied. „Dort sind wir überwiegend mit anderen Unternehmen vernetzt.“

Wo ist die Pinnwand?

Auch Social-Media-Experte Leisenberg sagt: „Wenn Sie seit Jahren bei einem bestimmten sozialen Netzwerk angemeldet sind, dann wechseln Sie nicht so einfach zu einem anderen.“ Aber nicht nur die bisher noch deutlich geringere Mitgliederzahl im Vergleich zu Facebook spreche für Unternehmen, die mit Endkunden in Kontakt treten wollen, gegen Google+. Auch die Kommunikationsmöglichkeiten seien in Teilbereichen eingeschränkter.

So können Unternehmen bei Google+ zwar eigene Artikel, Fotos und Videos hochladen, die von ihren Kontakten kommentiert werden können. Aber andere Nutzer können keine öffentlichen Nachrichten hinterlassen, etwa wie sie das kürzlich gekaufte Produkt eines Unternehmens finden. Sie können auch keine Frage zur Anwendung stellen, die vielleicht auch andere Nutzer interessiert. Eine „Pinnwand“ wie bei Facebook gibt es nicht. „Damit ist die schnelle Verbreitung von Inhalten schwieriger“, sagt Experte Leisenberg.

Im Kampf um die Vorherrschaft bei sozialen Netzwerken hält Google zwei Trümpfe: Der Konzern kann Google+ noch stärker in sein Betriebssystem Android einbetten, mit dem weltweit bereits jedes zweite Smartphone betrieben wird. Und er kann das soziale Netzwerk mit seiner omnipräsenten Suchmaschine verzahnen.

Zwar heißt es offiziell, dass „eine Präsenz bei Google+ allein“ noch keine Auswirkung auf das Ranking hat. Allerdings analysiere man derzeit die „sozialen Signale“, die bei Google+ ausgesendet würden. Diese könnten künftig auch für das Ranking „zu Rate gezogen“ werden. Im Klartext heißt das wohl: Wer als Unternehmen im Ranking nicht abfallen will, wird langfristig an Google+ nicht vorbeikommen.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 02/2012.

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