Unternehmen Neue Märkte 2020: Der kleine Koloss Katar

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Fortschrittliche Projekte in einem konservativen Land.

Fortschrittliche Projekte in einem konservativen Land. © Isabelle Eshragi/impulse

Die Fußball-Weltmeisterschaft 2022 ist nur das i-Tüpfelchen. Der Wüstenstaat hat noch ganz andere Pläne. Wissen aus dem Westen ist gefragt, um sie umzusetzen. Trotzdem ist Katar ein Markt für Mutige.

Der Container hat ihr jetzt gerade noch gefehlt. Plötzlich steht der Lastwagen vor der Tür, mitten auf der Straße, natürlich ohne Vorwarnung. Viele Kollegen sind längst im Feierabend. Katharina Abul Ezz improvisiert, aber das ist für sie fast Routine. Die Architektin ist es gewöhnt, dass Unvorhergesehenes passiert. Zum Beispiel, dass eine Vorschrift über Nacht erlassen, abgeschafft oder geändert wird. Warum der Zoll den Container gerade jetzt freigegeben hat – unklar. Egal, Abul Ezz organisiert einige Helfer, eine Stunde später sind die Möbel für das schnell wachsende Büro ausgeladen. Mehr als 200 Spezialisten arbeiten heute für die Dorsch Gruppe in Doha, der Hauptstadt Katars – noch vor zwei Jahren teilte sich Abul Ezz das Büro mit vier weiteren Pionieren.

Dorsch, eine eigentümergeführte Unternehmensgruppe aus Offenbach am Main, plant weltweit den Bau von großen Infrastrukturprojekten wie Flughäfen und Bahnhöfen. In Doha stoßen die Architekten und Ingenieure gerade in ganz neue Dimensionen vor. Sie bauen eine Stadt im Wüstensand. Lusail City, eine spektakuläre Hightech-Siedlung, soll die Visitenkarte des neuen Katar werden.

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200 Mrd. Dollar für den Traum von der Hightech-Oase

Die Architekten können sich hier austoben wie selten. „Das ist sehr, sehr aufregend“, sagt Abul Ezz und sucht nach Worten. „Einfach ­gigantisch.“ Rund 45 Milliarden Dollar sind veranschlagt, um eine 38 Quadratkilometer große Wüstenfläche in einen energieeffizienten Lebens-, Arbeits- und Erholungsraum für 450 000 Menschen zu verwandeln. Der Bau soll bis 2022 fertig sein, pünktlich zur Fußballweltmeisterschaft, bei der die ganze Welt auf Katar blicken wird. Die Hightech-Stadt ist ­dabei nur ein Baustein der „National Vision 2030“, mit der das Herrscherhaus Katar in eine Hightech-Oase verwandeln will. Dafür investiert die ­Regierung 200 Milliarden Dollar: in Stahl und Beton, aber auch in Technologie und Know-how.

Die Vision: eine Wissensgesellschaft in der Wüste. Deshalb siedelt die Regierung internationale Universitäten an, schafft mit der Education City einen Vorzeigecampus und lockt mit dem Qatar Science & Technology Park Wissenschaftler aus der ganzen Welt ins Land. Daraus ergeben sich viele Chancen für Unternehmer. „Katar will seine Volkswirtschaft auf breitere Füße stellen und neue Wirtschaftsbereiche ­fördern. Auf der Wunschliste stehen eine Automobilzulieferindustrie, Handel, Finanzwirtschaft, Forschung und Tourismus“, heißt es in einer Studie von Deutschlands Exportagentur Germany Trade & Invest. „Nahezu alles, was gebraucht wird, muss importiert werden.“

Die Dorsch-Führung hat lange um das Vertrauen der Kataris geworben. Schließlich sollen die Deutschen den gesamten Bauprozess von Lusail City steuern und überwachen. Die Ausschreibung zu gewinnen, war dabei nur der erste Schritt. Jetzt müssen Abul Ezz und ihre Kollegen täglich beweisen, was German Engineering bedeutet. „Deutsche Firma, deutsche Standards – das verkauft sich gut“, sagt Abul Ezz, „alle Versprechen einzuhalten ist im Alltag harte Arbeit, aber es lohnt sich.“ Wenn sich Dorsch einen guten Ruf erarbeitet, kann das Unternehmen auf weitere Großprojekte hoffen. Das ist das wichtigste Gebot in Katar: Wem vertraut wird, der bekommt Aufträge. Wem das Vertrauen von oben entzogen wird, der ist umso schneller wieder draußen. Selbst international erfahrene Unternehmen sind in Katar schon gescheitert.

Die Architektin Katharina Abul Ezz arbeitet für den Mittelständler Dorsch in Doha.

Die Architektin Katharina Abul Ezz arbeitet für den Mittelständler Dorsch in Doha., ©Isabelle Eshragi/impulse

Eigentlich ist Katar nur eine staubige Halb­insel im Arabischen Golf, halb so groß wie Hessen. Doch es ist pro Kopf gerechnet das reichste Land der Erde. Sein Vermögen investiert der Zwergstaat mit zwei Millionen Einwohnern weltweit und hat sich in Deutschland nicht nur an Siemens beteiligt, sondern auch am Bau­konzern Hochtief und an Volkswagen. Wer Katar als Gesellschafter an Bord hat, der kommt auffällig oft an Aufträge in der Heimat des spendablen Investors. Der sagenhafte Reichtum entsteht im Norden. Die schnurgerade Straße nach Ras Laffan führt vorbei an – nichts. Links die graue Wüste, rechts die graue Wüste. Am Straßenrand steht Scheich Hamad bin Chalifa Al Thani, über­lebensgroß auf einem meterhohen Plakat. Der Emir, der die Amtsgeschäfte Ende Juni an seinen Sohn übergab, hält einen hell leuchtenden Tropfen in den Händen. Flüssiges Erdgas.

Ras Laffan ist Hafen, Industriegebiet und Schatzkammer in einem. 80 Kilometer vor der Küste liegt das größte reine Gasfeld der Welt. Von etwa 190 Bohrinseln im Meer gelangt das Gas durch Pipelines ans Land, wo es so weit ­abgekühlt wird, bis es flüssig ist. Nun lässt es sich per Schiff in alle Welt transportieren.

Die Mächtigen geben – und nehmen

Anders als in anderen Golf-Staaten ist es nicht das Ende des Öls, das Katar zum Umbau seiner Wirtschaft bewegt. Das Gas wird noch sehr lange reichen – je nach Schätzung bis zu 300 Jahre. Es ist der Ehrgeiz der Herrscherfamilie. Sie hat einen pragmatischen Kurs eingeschlagen, der internationale Kooperationen erleichtert. So können Frauen hier unverschleiert auf die ­Straße gehen, in vielen Hotels wird Alkohol ausgeschenkt, der Nachrichtensender Al Jazeera sendet von hier. Nur daheim, da ist die Pressefreiheit eingeschränkt.

Denn bei aller Weltoffenheit: Die Macht des inneren Zirkels ist absolut. 80 Prozent der Bevölkerung kommen inzwischen aus dem Ausland. Es sind arme Gastarbeiter aus Indien, Pakistan oder Bangladesch, die oft unter unmenschlichen Bedingungen schuften, und außergewöhnlich gut bezahlte Fachkräfte aus dem Westen. Rund 1800 Deutsche leben zurzeit im Emirat. Sie kommen, weil sie Projekte in die Tat umsetzen können, von denen sie in Deutschland nur träumen könnten. Claudia Lux zum Beispiel, die als Chefin der Berliner Zentral- und Landesbibliothek die größte öffentliche Bibliothek Deutschlands leitete, baut in Katar aus dem Nichts einen neuen Büchertempel auf.

Oder ­Patrick Linke, der als Managing Director der „Qatar Sustainable ­Water and Energy Utilization Initative“ arbeitet. Er soll Obst und Gemüse in der Wüste anbauen, wofür riesige Mengen Meerwasser entsalzen werden müssen. „Der Strom dafür wird aus ­Solarkraftwerken kommen“, sagt Linke. Ob die Technologie dafür dann aus Deutschland, Japan oder China geliefert wird, das entscheiden die Kataris ganz pragmatisch danach, welche am besten für ihre Zwecke geeignet ist. Die ­Asiaten machen den Deutschen jedenfalls zunehmend Konkurrenz.

Stromnetze, Straßenbahnen, Hightech-Krankenhäuser – im WM-Jahr 2022 soll schon viel von der „Vision 2030“ zu sehen sein. Das Frankfurter Architektenbüro Albert Speer & Partner (AS & P) plant die Stadien, die mit ­erneuerbarer Energie klimatisiert werden. Um weniger Autoabgase in die Luft zu jagen, errichtet Doha ein U-Bahn-Netz mit vier Linien; um die Technik kümmert sich Siemens. Auch Baufirmen wie Züblin und Hochtief sind gut im Geschäft. Die ECE-Gruppe, die der Hamburger ­Familie Otto gehört, betreibt Shoppingcenter.

Geschäfte mit Freunden

Rund 80 deutsche Firmen im Land bemühen sich bereits darum, ein Stück vom Kuchen abzubekommen. Darunter sind der Hersteller von Baubeschlägen Häfele, der Industrietechnik­anbieter Audax Keck oder der Immobilienmakler Engel & Völkers. „Um ins Geschäft zu kommen, braucht es aber Zeit und Geduld“, sagt der Katar-Kenner Jürgen Hogrefe. Vom ersten Kontakt bis zur Vertragsunterzeichnung können Monate, manchmal Jahre vergehen. So lange eben, wie es braucht, um Freunde zu werden. Denn in arabischen Ländern werden Geschäfte zwischen Freunden gemacht. Präsenz vor Ort ist unabdingbar.

Zudem dürfen rein auslän­dische Firmen nur in bestimmten Sektoren agieren wie Industrie, Bildung und Medizin. In vielen Fällen muss ein Gemeinschaftsunternehmen gegründet werden, in dem der katarische Partner mindestens 51 Prozent der Anteile hält. Viele deutsche Mittelständler wären zudem ­allein zu klein, um sich um die großen Aufträge zu bewerben. Ihre Chancen erhöhen sich, wenn sie sich zusammentun. Was hilft: lokale Mit­arbeiter zu engagieren, die über Beziehungen zur Regierung verfügen. Das ist teuer, kann sich aber lohnen.

So manches Unternehmen ist trotz internationaler Erfahrung in Katar gescheitert. Der Baukonzern Bilfinger Berger liefert sich derzeit ­eine öffentliche Schlammschlacht mit einem Subunternehmer um nicht gezahlte Rechnungen – das kommt nicht gut an in einer Kultur, in der Geschäfte auf Vertrauen basieren. Das bayerische Familienunternehmen Lindner hatte über eine Tochterfirma den Auftrag ergattert, den Innenausbau des Flughafens in Doha zu übernehmen. Es kam zu Verzögerungen, man zertritt sich, jetzt klagt die staatliche Fluggesellschaft Qatar Airways gegen die Lindner-Tochter. Beide Fälle zeigen, wie wichtig der richtige lokale Partner in Katar ist. Denn der muss auch dann seine schützende Hand über das Unternehmen halten, wenn es mal nicht rund läuft.

cover_110 Aus dem impulse-Magazin 08/2013
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