Unternehmen Knapp 600 Classic-Jets müssen zur Kontrolle

Das Loch im Dach, das eine US-Verkehrsmaschine zur Notlandung gezwungen hatte, wird für Hersteller Boeing zu einer ernsten Angelegenheit. Denn das Unglück scheint auf einen Konstruktionsfehler beim Verkaufsschlager 737 hinzudeuten. Knapp 1900 Jets weltweit werden überprüft.

In Hunderten älterer Boeing 737 drohen Risse in der Außenhaut. „Das kommt nicht komplett unerwartet“, räumte der verantwortliche Konzernmanager Paul Richter am Dienstag ein. „Wir haben grundsätzlich damit gerechnet, dass wir die Flugzeuge ab einem bestimmten Zeitpunkt kontrollieren müssen.“ Allerdings sei Boeing davon ausgegangen, dass sich eine Ermüdung des Materials erst „viel, viel später“ zeige. „Wir sind alle beunruhigt über die jüngsten Entwicklungen.“

Von den anstehenden Kontrollen sind rund 1900 Modelle der zwischen 1988 bis 1999 gebauten 737er Baureihe betroffen. Darunter 570 aus der Classic-Reihe, der meist verkauften Flugzeugbaureihe weltweit. Die Kontrollen müssen innerhalb einer 20 Tagesfrist durchgeführt werden. In Europa sind 115 Modelle des Typs 737-300 in den Fokus der Kontrollbehörden geraten, darunter auch 32 Maschinen der Lufthansa. Das deutsche Luftfahrtbundesamt hat ebenfalls eine Anweisung für deutsche Fluggesellschaften veröffentlicht. Von den Sonderkontrollen seien 70 Boieng-Modelle betroffen. Die einzelnen Flugesellschaften wollte eine Sprecherin des deutschen Luftfahrtbundesamts nicht benennen.

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Die Boeing-Ingenieure scheinen sich verkalkuliert zu haben: Eigentlich sollte eine neue Fertigungstechnik die beliebten Kurz- und Mittelstreckenjets vom Typ 737 langlebiger machen. Doch was die Ingenieure vor 20 Jahren ersonnen haben, erweist sich immer mehr als Fehlgriff. Der US-Hersteller und Airbus-Konkurrent müht sich um Schadensbegrenzung.

Am Freitag hatte eine 15 Jahre alte 737-300 des US-Billigfliegers Southwest notlanden müssen, nachdem sich ein Loch im Dach aufgetan hatte. Southwest kontrollierte daraufhin alle ähnlichen Maschinen und stellte bei insgesamt fünf betagteren 737-Jets winzige Risse in der Außenhülle fest. Die US-Luftfahrtbehörde ordnete auch bei anderen Fluggesellschaften Überprüfungen älterer Boeing 737 an.

Schwachstelle sind laut Boeing die Schnittkanten, an denen die verwendeten Aluminiumplatten aufeinandertreffen. Bislang habe Boeing keine speziellen Prüfungen vorgeschrieben, gestand Richter. „Vor diesem Unfall war unser Plan, mit den Inspektionen bei 60.000 Flügen zu beginnen.“

Die Unglücksmaschine von Southwest hatte knapp 40.000 der strapaziösen Starts und Landungen hinter sich. Durch den unterschiedlichen Druck am Boden und in großen Höhen verformt sich das Material, besonders die Nähte leiden. Schon früher und bei anderen Flugzeugtypen war es deshalb zu Unglücken gekommen.

Die Maschinen sollten nun schon nach 30.000 Flügen zur Inspektion, sagte der Manager und setzte damit die gleiche Marke wie die US-Luftfahrtbehörde FAA. Anschließend empfiehlt Boeing alle 500 Flüge eine Nachkontrolle. Das ist eine ungewöhnlich kurze Zeitspanne. Viele Maschinen müssten demnach jedes Vierteljahr in eine gründliche Inspektion, bei der die Techniker mit Spezialgeräten die fürs menschliche Auge erst einmal unsichtbaren Risse suchen. Auch Lufthansa hatte drei 737 kontrolliert, jedoch nach Angaben eines Sprechers vom Dienstag nichts gefunden.

Boeing hatte die gründliche Überarbeitung der 737-Flieger in den 90er Jahren angestoßen als Antwort auf die immer beliebter werdenden A320-Konkurrenzmodelle von Airbus. Die 737 ist bis heute aber unbestritten das meistverkaufte Flugzeug der Welt. Nahezu alle großen Gesellschaften auf der Welt fliegen diesen Typ.

Bei Southwest müssen die Maschinen überdurchschnittlich viele Flüge am Tag absolvieren und altern dadurch schneller. Boeing-Manager Richter nahm seinen Großkunden aber in Schutz: „Southwest unterhält eine der größten 737-Flotten der Welt und sicherlich die größte Flotte an 737 „Classic“.“ Dass es gerade hier zu Vorfällen komme, sei deshalb nicht weiter verwunderlich. „Es ist einfach eine statistische Wahrscheinlichkeit.“

Und auch Boeing bekommt Schützenhilfe aus dem Heimatland: Der ehemalige Chef des Ausschusses für Verkehrssicherheit, Mark Rosenker, räumte im „Wall Street Journal“ zwar ein, dass Boeing sich verrechnet habe. „Aber auch kein anderer hat das Problem erkannt.“

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