Unternehmen Königliche Geschäfte in Saudi-Arabien

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Saudi-Arabien ist reich an Öl, hat aber hohen Nachholbedarf in der Infrastruktur des Landes

Saudi-Arabien ist reich an Öl, hat aber hohen Nachholbedarf in der Infrastruktur des Landes

Der ölreiche Golfstaat modernisiert die Wirtschaft: 700 Mrd. Dollar fließen in Straßen, Schienen, Schulen oder Kraftwerke in Saudi-Arabien. Deutsche Firmen profitieren davon - wie zum Beispiel ein Spezialist für Turmuhren aus Baden-Württemberg.

Wenn der Muezzin in Mekka abends zum Gebet ruft, dann verfärbt sich das Ziffernblatt der Turmuhr hoch über der geweihten Moschee grün. „Allahu Akbar“, Gott ist groß, leuchtet es dann auf die heilige Stadt herab. Die Mekka-Uhr ist das neue Wahrzeichen Saudi-Arabiens: 43 Meter Durchmesser, in 400 Metern Höhe, auch aus acht Kilometern Entfernung gut lesbar. Der Minutenzeiger wiegt sieben Tonnen, und doch ist die größte Turmuhr der Welt bis auf die Hunderttausendstelsekunde präzise. Genau wie man das von einem Schwarzwälder Uhrwerk erwartet.

Zehntausende Pilger richten jeden Tag ihre Blicke nach oben, fotografieren, filmen und staunen. Die drei Schöpfer aber, die haben ihr Meisterwerk noch nie in Aktion gesehen. Denn Andreas, Christoph und Johannes Perrot, die Inhaber der Perrot-Turmuhrenfabrik in Calw, dürfen Mekka nicht betreten, weil sie keine Muslime sind. Trotzdem haben die Brüder aus dem Nordschwarzwald den Zuschlag bekommen: vom saudischen König Abdullah persönlich. Dafür haben sie sich einiges einfallen lassen, waren geduldig und haben sich den örtlichen Gepflogenheiten angepasst. Jetzt zahlt es sich aus. „Das Mekka-Projekt war der Türöffner“, sagt Andreas Perrot. „Seither bekommen wir eine Reihe von Folgeaufträgen.“

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Golfstaat investiert viel

Der Rial rollt für deutsche Unternehmen in Saudi-Arabien. Um 40 Prozent sind die deutschen Exporte zwischen 2009 und 2011 hochgeschossen: auf 6,8 Mrd. Euro. Saudi-Arabien ist der weltgrößte Erdölexporteur und wächst jährlich um sechs bis sieben Prozent. Die wichtigste Volkswirtschaft des Nahen Ostens muss in seine Zukunft investieren. Sofort.

„Das Königshaus will vom Öl weg diversifizieren und Industrien aufbauen“, sagt Andreas Hergenröther, Chef der deutschen Außenhandelskammer. Ob in der Hauptstadt Riad, der Wirtschaftsmetropole Jeddah, in Mekka oder Medina: Überall wird gerade gebaut, was der Wüstensand zulässt. Autobahnnetze, Eisenbahntrassen, Entsalzungsanlagen, Kraftwerke. Bauprojekte mit mehr als 700 Mrd. Dollar Auftragsvolumen hat Saudi-Arabien angekündigt.

Bruttosozialprodukt pro Kopf auf dem Niveau Portugals

„Die Menschen hier brauchen eine Perspektive“, sagt Hergenröther. Trotz des Erdöls liegt das Bruttosozialprodukt pro Kopf gerade mal auf dem Niveau Portugals, fischen Frauen in der Altstadt Jeddahs Essensreste aus dem Müll, reihen sich Bauruinen aneinander. Auf den Straßen lungern junge Männer mit grünen Mappen unterm Arm herum – dem Signal: Ich bin auf Jobsuche. Experten schätzen die Jugendarbeitslosigkeit auf 30 bis 40 Prozent. Zwei Drittel der gut 28 Millionen Saudis sind unter 30, die Bevölkerung wächst rasant. Sie braucht Wohnungen, Straßen, Krankenhäuser, Strom und Jobs. Deshalb lässt das Königshaus richtig Geld springen, besonders seit der Arabische Frühling die Unzufriedenen in der gesamten Region auf die Straßen treibt.

„Der Nachholbedarf ist enorm“, sagt Hassan André Kaboni, Saudi-Arabien-Chef des niedersächsischen Mittelständlers Dehatec, der Sanitär-, Heizungs- und Haustechnik für große Gebäude konzipiert. Allein 100 Mrd. Dollar fließen in Wohnungsbau, Transportprojekte sowie die Gesundheitswirtschaft. Deutsche Unternehmen sind beim Aufbau überall dabei: von Siemens über Bilfinger Berger bis zu Linde.

Qualitätsarbeit made in Germany war in diesem Landstrich schon immer gefragt – nicht nur, wenn es um Leopard-Panzer geht. „1906, Arnold Jung, Jungenthal bei Kirchen/Sieg“, steht auf einer alten Dampflok in Madain Salih. Die Wüstenstadt im Norden war einst Durchgangsstation der Hedschasbahn von Damaskus nach Medina. Deutsche Ingenieure bauten das mehr als 1500 Kilometer lange Pionierwerk, das Pilger, Waffen und Soldaten des Osmanischen Reichs mit Tempo 30 quer durch die arabische Halbinsel transportierte. Nun beginnt ein neues Eisenbahnzeitalter: Heute hilft die Deutsche Bahn über ihre Tochter DB Interna­tional beim Bau einer mehr als 400 Kilometer langen Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Mekka und Medina.

100 Jahre soll die Uhr ticken

Wie die Bahn sind Deutschlands große Konzerne fast alle bereits vor Ort. Mittelständler hingegen zögern oft noch. So groß das Potenzial Saudi-Arabiens auch ist: „Der Anfang ist sehr schwer“, sagt Andreas Perrot. „Wir haben jahrelang vergeblich versucht, hier Aufträge zu bekommen.“ Den Schwarzwälder Uhrenmachern fehlten die Beziehungen. Das änderte sich, als der zum Islam konvertierte Stuttgarter Architekt Bodo Rasch mit dem Bau des Mekka-Turms beauftragt wurde – und er die Perrots ansprach. Eine Uhr mit 22 Meter langen, tonnenschweren Zeigern, 426 Meter über dem Erdboden, wo Orkane und Sandstürme wüten. Gewünschte Lebensdauer: 100 Jahre mindestens. Schwieriger geht es kaum. Doch die Perrots nahmen die Herausforderung an, ertüftelten ein technisches Konzept und lösten das Mekka-Problem: eine türkische Firma mit eigens für diesen Auftrag geschulten Arbeitern sollte die Montage vor Ort übernehmen.

Eines Tages rief Architekt Rasch aufgeregt in Calw an – mit einer dringenden Bitte. „Da hieß es: ‚Der König ist in Genf, kommt runter‘“, erzählt Andreas Perrot. Und die Perrots kamen. Tagelang mussten sie warten, dann gewährte ihnen Abdullah eine Audienz. 20 Minuten lang hörte seine Königliche Hoheit zu. Tags drauf bekamen die Deutschen den Zuschlag. Dem König und seiner Elite ist klar: Ohne ausländisches Know-how wird die Modernisierung der Wirtschaft ein Wunschtraum bleiben. Und so versucht die Regierung, das Land für internationale Investoren attraktiv zu machen.

Auf dem Papier ist der Standort neuerdings Weltklasse. Im Global Competitiveness Index liegt Saudi-Arabien auf Rang 17, in einer Weltbank-Studie hat sich das Land seit 2004 vom 67. auf den elften Platz hochgearbeitet. Gründern von Niederlassungen vor Ort soll der Start so leicht wie möglich gemacht werden. Anders als etwa in den Vereinigten Arabischen Emiraten brauchen ausländische Investoren offiziell keinen einheimischen Partner. Bürokratieabbau heißt die Maxime, die Verwaltung soll den Unternehmen dienen. „Wir wollen jeden Service der Regierung in höchstens 60 Minuten anbieten: 24 Stunden lang an sieben Tagen die Woche“, sagt Amr al-Dabbagh, der Leiter der saudischen Investitionsbehörde Sagia.

Bislang allerdings bleibt das eine gut gemeinte Vision. „Vieles liest sich gut, bei der Umsetzung aber treten immer wieder Probleme auf“, sagt Tobias Müller-Deku, Partner der Anwaltskanzlei Freshfields Bruckhaus Deringer in Riad: „Da kommen Anträge nicht voran, da werden Dokumente nachverlangt, die möglichst auf Arabisch übersetzt und beglaubigt sein müssen, da gibt es Ärger mit den Visa.“ Wer ein Unternehmen vor Ort gründen wolle, müsse mit vier bis sechs Monaten rechnen. Und ist der Behördendschungel durchquert, steht die größte Hürde erst bevor: die Suche nach qualifizierten Mitarbeitern. Die Regierung schreibt einen Mindestanteil von saudischen Arbeitskräften vor, aber qualifizierte Einheimische sind rar.

Schwierige Suche nach umzugswilligem Personal

Noch viel schwerer fällt es westlichen Firmen, Mitarbeiter aus dem eigenen Haus für Saudi-Arabien zu gewinnen. „Sie finden nicht ohne Weiteres gutes Personal, das mit Frau und Kindern hierher ziehen will“, sagt Dehatec-Chef Kaboni, der selbst Deutsch-Syrer ist. „Saudi-Arabien hat ein Imageproblem.“

Tatsächlich ist das Leben im Mutterland des Islam für Westler gewöhnungsbedürftig. Es herrscht der Wahhabismus, eine der konservativsten Auslegungen des Korans, was bedeutet: keine Kinos, keine Theater, keine Konzerte, keine Klubs, keine Bars mit Alkoholausschank. Durch die Straßen patrouilliert die Religionspolizei und zwingt die Muslime zum Gebet. Toleranz gegenüber Andersgläubigen und anderen Lebensstilen ist unbekannt im Scharia-Staat. Ausländern, die während des Fastenmonats bei 50 Grad Hitze auf der Straße einen Schluck Wasser trinken, droht die Ausweisung. Die meisten Expats leben in Vierteln, die von hohen Mauern und bewaffneten Wächtern von der saudischen Wirklichkeit abgetrennt werden. „Das Privatleben ist eingeschränkt“, sagt Kaboni. „Aber die Saudis erwarten, dass man vor Ort ist. Und hat man sich einmal mit den Umständen arrangiert, kann man hier recht gut leben und gute Geschäfte machen.“

Dehatec jedenfalls macht blendende Geschäfte in Saudi-Arabien. Das Unternehmen hat gerade wieder einen Großauftrag bekommen: die Wasserversorgung eines Luxushotels in Mekka. Eine besondere Herausforderung, erzählt Kaboni: „Fünfmal täglich, wenn zum Gebet gerufen wird, folgt die rituelle Waschung. Die erledigen die Gäste dann alle gleichzeitig, auf 44 Etagen, und trotzdem muss der Wasserdruck jederzeit perfekt stimmen.“

Die Dehatec-Ingenieure werden eine Lösung für dieses Mekka-spezifische Problem finden, so wie einst die Perrots. Deren Turmuhr schätzen saudische Religionsgelehrte mittlerweile so sehr, dass sie sie zum Herzstück einer neuen Zeitzone machen wollen. Die Arabia Standard Time soll die Greenwich Mean Time als wichtigste Richtzeit der islamischen Welt ablösen. Und sollte etwas mit der Technik schiefgehen, so haben die Perrots vorgebaut. Übers Internet können sie die Uhr notfalls auch von daheim aus steuern. Pünktlichkeit ist schließlich die deutscheste aller Tugenden.

Handbuch für Saudi-Arabien
Wer hilft beim Markteintritt? Wo gibt es Informationen für Unternehmer? Welche Messen lohnen sich? impulse beantwortet die wichtigsten Fragen.
Organisationen und Netzwerke Die deutsch-arabische Industrie- und Handelskammer Ghorfa unterstützt Unternehmen bei der Anbahnung von Geschäften und veranstaltet Branchenkongresse.
www.ghorfa.de

Die IHK Ostwestfalen hat 2011 den bundesweit ersten „Saudi Arabia Desk“ gegründet. Ziel der Plattform ist etwa der Aufbau von Netzwerken.
www.ostwestfalen.ihk.de

Messen Das Arab-German Energy Forum findet am 11. und 12. Oktober in Berlin statt.
www.gaef.ghorfa.de

Die Saudi Transtec vom 11. bis 13. November in Dammam ist die Messe für Lager­haltung, Transport und Logistik.
www.sauditranstec.com

Die Saudi Build findet in Riad vom 11. bis 14. November statt – es geht um Bautechnologie, Sicherheitssysteme und Infrastruktur.
www.saudibuild-expo.com

Um Bildung dreht sich das vierte German-Arab Education and Vocational Training Forum am 28. und 29. November in Berlin. Der Hintergrund: Saudi-Arabien und andere Golfstaaten krempeln diese Sektoren gerade radikal um.
www.imove-germany.de

Die Makinat vom 26. bis 29. Mai 2013 ist die internationale Messe für Maschinen und Anlagenbau in der Hauptstadt Riad.
www.makinat-saudiarabia.com

Investitionsförderung Die nationale Investitionsagentur Sagia vermittelt Geschäftspartner.
www.sagia.gov.sa
Delegationsreisen Vom 23. bis 27. November findet eine Tour der AHK Riad für Architekten und Inge­nieure nach Jeddah und Riad statt. Die IHK Potsdam veranstaltet eine Unternehmerreise vom 7. bis 15. November. Stationen sind Riad und die Ölmetropole Dammam am Persischen Golf.
www.saudiarabien.ahk.de
www.potsdam.ihk24.de

Baden-Württemberg International fährt nach Riad und Dammam vom 23. bis 29. November.
www.bw-i.de

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