Unternehmen Künstlerisch wertvoll

Documenta-Kunst ist für Michael Andreae-Jäckering keine Investition, sondern bloße Leidenschaft. Nichtsdestotrotz debattierte er nach dem Besuch der Ausstellung ihren Wert mit Unternehmern.

Am Ende des Ganges empfängt die Dunkelheit. Die Schemen der Ent­gegenkommenden sind gerade noch auszumachen, wie Zombies staksen sie gen Licht. Ein Schritt noch, und nichts ist mehr zu erkennen, nicht einmal zu erahnen. Es gluckst, fiept, schmatzt rhythmisch aus allen Richtungen. Plötzlich ein Schnalzen, ganz nah. Dann Stille. Langsam gewöhnen sich die Augen ans Dunkel und machen die Gestalten aus, die im Raum stehen, sitzen, umhergehen. „Ich konnte den Atem spüren und die Spucke!“, sagt später Unternehmerin Sophia von Rundstedt.

Als das immateriellste Kunstwerk der Documenta hatte es Michael Andreae-Jäckering ­angekündigt, der Familienunternehmer und Kunstsammler, der an diesem Tag beim sechsten impulse-Netzwerktreffen durch die Ausstellung führt. Ein schwarzer Raum, in dem kein Fotografieren gestattet ist, dessen Performance nicht aufgezeichnet werden darf, nicht reproduzierbar ist. Der keinen Namen trägt und dessen Seite im Ausstellungskatalog fehlt. „Tino Sehgal, This Variation, Seite 438“ steht im ­Inhaltsverzeichnis. Andreae-Jäckering blättert: Auf Seite 436 folgt Seite 440.

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Welche Bestandteile genau im Hugenottenhaus nebenan das Werk bilden, ist schwer auszumachen. Künstler wohnen hier für die Dauer der Documenta, der weltweit wichtigsten Ausstellung für zeitgenössische Kunst. Für 100 Tage. Wo enden deren (Lebens-)Räume, die nur eine vorgespannte Kordel zur Privatsphäre erklärt, wo beginnt das Kunstwerk? Und was geschieht mit dem renovierungsbedürftigen Haus, wenn die Ausstellung vorüber ist, fragen sich die Unternehmer. Wird es verkauft? Und wenn ja: Steigert es seinen Wert, dass es einmal zu ­einem Documenta-Kunstwerk wurde?

Nicht nur über die finanzielle Seite der Kunst diskutieren die Unternehmer, auch über die politische, motivierende, sogar heilende. Françoise Wilhelmi de Toledo und ihr Mann Raimund Wilhelmi etwa sammeln seit rund 25 Jahren Kunst, vor allem für ihre Kliniken. Etwa 500 Wände hätten sie da zu verschönern, sagt Frau Wilhelmi de Toledo – ein Platzangebot, das ihnen Sammler Andreae-Jäckering sofort neidet. Doch in den Kliniken dient die Kunst nicht der bloßen Verschönerung, sagt Wilhelmi: „Kunst wirkt. Das Bild, das überm Bett hängt, nimmt man mit in seinen Traum.“ Mittlerweile böten ihre Kliniken sogar Kunsttherapie an.

Auch bei Andreae-Jäckering hat die Kunst schon lindernde Wirkung gezeigt – in schwierigen Geschäftsverhandlungen. In einem Konferenzraum seiner Jäckering Mühlen- und Nährmittelwerke in Hamm hängt das Werk einer jungen Künstlerin, die sich an jedem Morgen ­eines Jahres nach dem Aufstehen fotografiert hat. Mal ausgeschlafen, mal übermüdet, mal in Begleitung. „Ich habe schon schwierige Verhandlungen gehabt, in denen mein Gegenüber gesagt hat: ,Wenn du mir eine Kopie von dem Kunstwerk gibst, gehe ich auf deine Forderung ein‘“, sagt Andreae-Jäckering. Das Werk wirke sich eben immer auf die Atmosphäre aus.

So ist es auch auf der Documenta. „Es ist so viel Leben dahinter“, sagt Unternehmerin Daniela Eberspächer-Roth, die mit ihrem Mann Manfred die Profilmetall-Gruppe in Hirrlingen leitet, „nicht wie bei Dürer, auf dem jeder den Vogel erkennt“. Bei den Documenta-Werken ist das Erkennen ohne Anleitung tatsächlich eine Herausforderung. Bei manchen kommt in der Unternehmerrunde gar die Frage auf, ob es sich überhaupt um Kunst handelt. Andreae-Jäckering selbst wirft die Frage auf, bei dem Schmetterlingsgarten, dem von ihm mitfinanzierten Hundeparcours und einem von der Kuratorin Carolyn Christov-Bakargiev gepflanzten Apfelbaum. Da bedarf es zumindest der Information, dass es sich um einen Korbiniansapfel handelt, der dem KZ Dachau entstammt.

Er steht in einer Reihe mit anderen Pflanzen, die bei der diesjährigen Documenta eine große Rolle spielen: von der Xylothek, der Baumbibliothek Carl Schildbachs, die der Künstler Mark Dion erweitert hat, über die Zeichnungen auf der fiktiven Währung Soil-erg, die die Künst­lerin Claire Pentecost mit einer Art Komposttee gefärbt hat, bis zu einer schwimmenden Brücke mit Mangoldbeeten.

Ganz in der Nähe, am Rande der Karlsaue, hat die Kunstkritikerin Lori Waxman einen Pavillon aufgebaut. Dort kritisiert sie auf Wunsch die Werke, die ihr angedient werden. Konstruktive Kritik kann auch Kunst sein.

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