Unternehmen Leisetreter

Keine Schuhe: Im Büro laufen alle auf Socken. Kieran O'Neill will es so. Playfire ist das dritte Unternehmen des 23-Jährigen. Schon das erste machte ihn zum Millionär.

London, Soho, 40 Beak Street, erster Stock, linke Tür. Im Flur dahinter steht ein Regal, darauf fein säuberlich aneinandergereihte Sneakers. Wer für Kieran O’Neill und seine Internetfirma Playfire arbeiten will, muss im Büro auf Socken laufen, ein umgänglicher Typ sein und ziemlich begabt, so wie der Chef selbst.

Kieran O’Neill, 23 Jahre, acht davon Unternehmer, redet schneller, als Menschen zuhören können. Wer ihn etwas fragt, dem vermittelt er das Gefühl, ewig auf genau diese Frage zu warten und deshalb die Antwort längst parat zu haben, fertig zum Abspulen. Kurz blickt er zur Decke, Augenlider flattern, dann legt er los: „Erstens …, zweitens …, drittens …“ Sortiert, fast druckreif, sprudeln Businessweisheiten aus ihm heraus. Etwa die mit den Vitaminen und der Schmerztablette, aber dazu später mehr.

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Leicht gehetzt wirkt Kieran oft, doch vor allem unfassbar organisiert und effizient. Anders wäre seine Karriere wohl auch kaum möglich gewesen. Mit 15 gründete er seine erste Internetfirma, bald darauf die zweite, und mit 19 verkaufte er die erste Website an ein Unter­nehmen im Silicon Valley. Während er in den USA den Verkaufspreis verhandelte, standen in England diverse Uniklausuren an. Dafür lernte Kieran während der Transatlantikflüge.

Er arbeitet fast nie bis spät in die Nacht, lieber schnell und hart. Wenn er feiern geht, dann richtig, wenn er faulenzt, dann bewusst. Sogar Kierans Charme ist effizient. Keine zwei Minuten braucht er, um sein Gegenüber mit seinem intelligenten Witz um den Finger zu wickeln.

Er gehört nicht zu den Jungunternehmern, die schon als Grundschüler auf dem Schulhof um Panini-Karten gefeilscht haben. Er verkörpert einen anderen Schlag. Internetwunderkinder wie Kieran ticken anders. Ihnen geht es erst mal gar nicht ums Geschäft. Sie hängen viel vorm Computer ab; irgendwann haben sie eine Idee, mit der sich Geldverdienen nicht vermeiden lässt. In Kierans Fall war das eine Website für lustige Videos. Mit seinen Freunden hatte er sich selbst gemachte Animationsfilme zugemailt und – weil das so aufwendig war – eine Website programmiert, die er Holylemon nennt und auf die er die Videos hochladen kann. Das war 2003, Kieran war 15 Jahre alt, und es gab weder Youtube noch Myvideo.

Die Seite wurde innerhalb kurzer Zeit ein Hit, nicht nur unter seinen Freunden. Kieran informierte sich über Suchmaschinenoptimierung, und bald stand Holylemon auf Platz eins der Ergebnisliste, wenn man bei Google nach „funny Videos“ suchte. Jedes Mal, wenn Kieran aus der Schule kam, drückte er auf die On-Taste seines Computers. Während der Rechner hochfuhr, bollerte sein Herz. „Es war total irre“, erzählt er. „Am Anfang waren es vielleicht 5000 Besucher täglich, dann 50?000, irgendwann 150?000. Ich hockte in meinem Kinderzimmer und konnte es kaum glauben.“ Mit den Klicks kamen die Werbekunden und die ersten Anfragen, seine Seite zu kaufen.

Was Kieran morgens in der Schule im Wirtschaftsunterricht lernte, setzte er abends vor dem Computer um. Um Erfolg zu haben mit ­einer Website, brauche man am Anfang weder Kontakte noch unternehmerisches Geschick. „Läuft eine Website gut, bekommt man durch die Zahl der Klicks automatisch Autorität in der Branche. Dann kommen Investoren und Kaufinteressenten von selbst.“

Lange lehnt Kieran alle Angebote ab, doch Mitte 2007 schlägt er zu. Das Resultat des Sommers sind ein paar recht dürftig bestandene Prüfungen an der Uni. Und 1,25 Mio. Dollar für Holylemon.

Im Eiltempo muss er vom pubertierenden Computerfreak zum Geschäftsmann werden, der sich bei Verhandlungen mit Profis im Silicon Valley nicht über den Tisch ziehen lässt. Dem Zufall überlässt er dabei nichts. Sein Businesswissen sucht er sich aus Büchern zusammen, mindestens 50 Biografien von erfolgreichen Unternehmern, so erzählt er, habe er gelesen. Er ist keiner, der mit dem Bauch entscheidet, eher ein Denker.

Äußerlich ist Kieran bis heute kein typischer Businesstyp, sondern ein junger Mann in Jeans und T-Shirt. Auf Socken geht Kieran durch die Büros seiner dritten Firma, Playfire. „Das ist ­einer unserer Entwickler, Aaron“, sagt er. „Das ist Abbey, Designer“. Junge Männer springen auf, die aussehen, als hätten sie ihr Skateboard nur kurz weggelegt. Dabei sind viele von ihnen Absolventen der britischen Topuniversitäten. Kieran stellt nur Spitzenleute ein. Die seien von allein motiviert, sagt er, und er müsse sich nicht als Chef aufspielen. Es sei schon komisch genug, Bewerbungsgespräche zu führen mit Kandidaten, die älter sind als er selbst.

„Unser Auswahlverfahren ist aufwendig“, erzählt Kieran. „Unsere Programmierer mussten schwierige Probeaufgaben lösen.“ Der Aufwand habe sich gelohnt. Es sei zwar schwierig, wirklich gute Leute zu finden, aber die seien dann kaum teurer als der Durchschnitt. „Die meisten Entwickler verlangen denselben Lohn, also sollte man sich die Besten aussuchen.“ Oft wüssten die Programmierer gar nicht so recht, was sie wirklich wert sind.

Kieran braucht ein gutes Team. Denn Play­fire ist ein Spiel mit dem Feuer. 3,1 Mio. Dollar stecken drin. Ihn macht das nicht besonders nervös. Kieran weiß, was er kann und was er wert ist. Eigentlich würde er lieber ohne Fremdkapital auskommen. „Fundraising dauert lange, und es ist das teuerste Kapital, das man bekommen kann.“ Ob er einen Tipp habe, wie junge Gründer an Startkapital kommen können? Kieran blickt zur Decke, plinkert mit den Lidern, legt los: „Erstens: Mach so viel wie möglich, bevor du Kapital suchst. Man muss zeigen, dass man ein funktionierendes Geschäftsmodell hat. Zweitens: Sprich mit Business Angels und anderen Unternehmern. Die sind eher bereit, in einem früheren Stadium zu investieren als Beteiligungsgesellschaften. Drittens: Lass dich bei Investoren von Leuten vorstellen, die sie schätzen, etwa von Unternehmern, in die sie bereits investiert haben. Das ist effektiver als Kaltakquise.“

Vitamine und Schmerztabletten

Das wichtigste Erfolgsrezept sei, etwas zu entwickeln, was die Leute wirklich brauchen. „Es ist wie bei Vitaminen und Schmerztabletten“, sagt Kieran. Vitamine sind gut, wenn man sie nimmt, aber man vermisst sie nicht, wenn sie weg sind. „An eine Schmerztablette erinnert man sich, wenn man Schmerzen hat. Die will man dann unbedingt haben.“

Playfire scheint für manche Menschen den Schmerztablettenstatus zu haben. Mehr als 300?000 Nutzer hat dieses soziale Netzwerk für Fans von Computerspielen, sogenannte Gamer. Dort können sie ihre Highscores austauschen oder sich Tipps für bestimmte Spiele geben. Geld verdient Playfire vor allem durch Werbeeinnahmen von Spieleproduzenten.

Alles läuft super, im Moment. Kieran ist ­lange genug dabei, um zu wissen: Es kommen immer mal wieder schlechte Zeiten. Darauf hat er sich eingestellt. „Man braucht positive Routinen“, sagt er. „Motivation bringt einen dazu anzufangen, Routinen helfen einem durchzuhalten.“ Zumindest bis halb sieben. Sein Hirn sei dann leer, sagt er. Also geht er zum Schuhregal, zieht seine Sneakers an und fährt nach Hause. Er wohnt mit seiner Freundin in einer normalen Wohnung, nichts Besonderes, sagt er. Kieran O’Neill ist 23, Selfmade-Millionär, und seine Firma hat ein Büro im schicken Soho. Aber er ist auf dem Boden ­geblieben, mit beiden Socken.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 01/2011.

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