Unternehmen Liebe Apobank, wo fehlt’s uns denn?

Verluste, Klagen, Personalrochaden - das Image des Geldinstituts der Ärzte und Apotheker ist beschädigt. Die Kunden von Deutschlands größter genossenschaftlicher Filialbank sind zutiefst verunsichert. Hilft eine Rückkehr ins Kerngeschäft?

Seit über 30 Jahren ist Herbert Pfennig im Geldgewerbe. Seine Karriere führte den 55-Jährigen von der Dresdner Bank über die Frankfurter Sparkasse zur Deutschen Apotheker- und Ärztebank, wo er im Juli vergangenen Jahres anheuerte, als Vorstandschef. Ein erprobter Banker, der als Moderator gilt, als einer, der gut mit Menschen kann.

Seine freundliche Art, ohne jede Chefattitüde, gepaart mit fränkischer Mundart lässt ihn Gesprächspartner schnell für sich gewinnen.

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Sein bodenständiger Charme könnte ihm noch nützlich werden – weil die Bank jede Menge Ärger hat. Viele Teilhaber sind entsetzt, wie das einstmals tadellose Image des Instituts im Zuge der Finanzkrise gelitten hat. Denn auch am Düsseldorfer Stammsitz wollte man in der globalen Aufführung der Finanzjongleure mitspielen – und verlor erst den Durchblick und dann viel Geld. Hinzu kommen Beschwerden wegen zu hoch abgerechneter Kreditzinsen und Verlusten mit Kapitalanlagen, die Bankberater den Kunden empfohlen hatten.

Das Besondere daran: Bei der Apobank, wie sie gemeinhin genannt wird, sind die Teilhaber auch Kunden. Denn das Geldhaus ist eine Genossenschaft.

Von den über 330.000 Kunden sind gut 100.000 als „Mitglieder“ an dem Institut beteiligt. Ihnen gehört Deutschlands größte genossenschaftliche Filialbank.

Ein traditionsreiches Geldhaus, gegründet 1902, das sich der wirtschaftlichen Förderung der Heilberufe verschrieben hat und stets von geradezu langweiliger Seriosität und Solidität geprägt war. Keine Skandale, stetes Wachstum, hohe Rendite. Eine Weste so weiß wie die Kittel ihrer Kunden: Ärzte und Apotheker brachten „ihrer“ Bank seit jeher ein ähnlich hohes Vertrauen entgegen, wie sie es von ihren Patienten und Kunden selbst gewohnt sind.

Bankprimus Pfennig weiß, dass er es mit einer besonderen Klientel zu tun hat.

Jede Unzufriedenheit, jede Klage macht bei den gut vernetzten Pharmazeuten und Medizinern schnell die Runde. Deshalb steigt die Zahl der Genossen, die in Anbetracht der Probleme verunsichert sind und nicht wissen, ob sie von der Apobank fair behandelt werden. Und die um ihre gewohnte Dividende fürchten.

So erhielt Pfennig im vergangenen Herbst einen Brief vom Anwalt eines Genossen.

Darin zeigt sich der Jurist „zutiefst besorgt über eine etwaige Nachschusspflicht“ seines Mandanten. Er rechnet vor, dass 50 Bankanteile im Wert von 75.000 Euro schlimmstenfalls zu einer weiteren Pflichteinlage in derselben Höhe führen könnten. Seine Befürchtungen macht der Anwalt vor allem an einer Firma fest, an der sich die Apobank im Jahr 2005 mit 51 Prozent beteiligte:

AC Capital Partners, ansässig in Dublin. Über die irische Tochter stieg das Geldhaus in das ebenso lukrativ anmutende wie geheimnisvolle Geschäft mit Collateralized Dept Obligations und anderen hochkomplexen strukturierten Wertpapieren ein.

Lockruf des Geldes

Offenbar war man in Düsseldorf so überzeugt von den Geschäften im fernen Irland, dass der Gründer von AC Capital, Claus Wilsing, noch im Jahr 2005 von der Apobank angeworben und 2006 sogar in den Vorstand berufen wurde. Bis dahin war Wilsing in Diensten der Sachsen LB.

Bei der ostdeutschen Landesbank hatte der smarte Investmentbanker das internationale Kapitalmarktgeschäft aufgebaut, mit der in Dublin ansässigen Sachsen LB Europe im Zentrum. Doch 2007 riss die Tochter mit faktisch wertlosen Kreditprodukten ein Loch von 39 Mrd. Euro in die Bücher der Mutter und diese damit fast in die Pleite.

Bei der Apobank und AC Capital verfolgte Wilsing eine ähnliche Anlagestrategie wie zuvor bei den Sachsen. Auf immerhin 5,4 Mrd. Euro summieren sich dort heute die Positionen aus dem Geschäft mit Kreditderivaten. Und wie bei der Sachsen LB gerieten die Investments auch für die Apobank zum Deba- kel. Mehr als eine halbe Milliarde Euro musste das Institut in den Abschlüssen für 2007 und 2008 abschreiben.

Sogar Kundengelder waren im Spiel, wenn auch nur in geringem Umfang. Versorgungswerke von Ärzten hatten Geld in Produkten von AC Capital angelegt und drohten ihren Einsatz zu verlieren.

Bank-Anamnese
Die Deutsche Apotheker- und Ärztebank ist mit einer Bilanzsumme von gut 40 Mrd. Euro Deutschlands größte genossenschaftliche Filialbank. In drei Geschäftsbereichen hat das Institut aktuell mit Problemen zu kämpfen:
Kapitalmarktgeschäft Die Bank wollte hohe Renditen erzielen und stieg in das Geschäft mit strukturierten Wertpapieren ein. Seit Beginn der Finanzkrise musste das Geldhaus auf den Bestand bereits mehr als eine halbe Milliarde Euro abschreiben. Weitere Wertberichtigungen gelten als wahrscheinlich. Konsequenz: Die Bankteilhaber müssen 2010 wohl auf eine Dividende verzichten.
Kreditgeschäft Bei variabel verzinsten Darlehen hat die Bank mitunter zu hohe Zinsen berechnet. Teils erstattete sie freiwillig zu viel kassiertes Geld. Doch es kam auch zu Prozessen, die meist mit einem Vergleich, also ohne Urteil, endeten. Weitere Kunden erwägen, vor Gericht zu gehen.
Anlageberatung Geschlossene Immobilien- und Medienfonds, die das Institut an seine Kunden verkauft hatte, bringen nicht die erhofften Erträge. Kunden werfen der Apobank vor, sie nicht über Risiken aufgeklärt zu haben. Bisher bescheinigten die Gerichte dem Institut jedoch, korrekt gehandelt zu haben. Weitere Klagen sind geplant.

Einen solchen Eklat konnte und wollte die Apobank nicht riskieren. Sie stellte die Versorgungswerke 2008 verlustfrei, indem sie deren Risiken in die eigene Bilanz nahm.

Das hatte Konsequenzen: Ende 2008 ging Kapitalmarktvorstand Wilsing. Allerdings nicht so ganz. Als Berater und Mitgesellschafter von AC Capital ist er nach wie vor an Bord. Mittlerweile scheint Bankchef Pfennig jedoch mit einem Verkauf der missratenen Tochter zu liebäugeln. Die Zusammenarbeit mit dem Ex-Vorstand könnte bald enden.

Angst vor schlechten Noten

Mit Wilsings Erbe wird sich das Bankhaus aber noch lange herumschlagen. Erst im Oktober 2009 stufte die Ratingagentur Moody`s die Qualität der Finanzkraft der Apobank von „C“ auf „D“ herab – die zweitschlechteste Bewertung überhaupt.

Gleichzeitig stellten die Experten den Ausblick für das besonders wichtige Rating der langfristigen Verbindlichkeiten auf „Negativ“. Begründung: Angesichts des hohen Risikos ihrer strukturierten Papiere sei die Bank relativ schwach kapitalisiert. Sprich: Das Kreditinstitut braucht mehr Geld – und möglicherweise Hilfe von außen. „Die pure Größe und Komplexität dieses Portfolios stellen eine große Herausforderung für die Bank dar“, heißt es bei Moody`s.

Pfennig reagierte und sicherte der Bank bereits zum zweiten Mal eine Bürgschaft über 200 Millionen Euro vom Bundesverband der Volks- und Raiffeisenbanken, dem sie angehört. Das Risikoportfolio will er „sukzessive abbauen“.

„Die Halbierung bis 2014“, so Pfennig, „ist ein realistisches Ziel.“ Zuvor aber sind weitere Abschreibungen zu erwarten, womöglich in dreistelliger Millionenhöhe. Ein Jahresverlust ist nicht auszuschließen – es wäre der erste in der Geschichte der Bank. Für diesen Fall stünden Rücklagen von mehr als 700 Millionen Euro zur Verfügung, heißt es bei dem Institut. Allerdings gäbe es bei einem Jahresfehlbetrag voraussichtlich keine Dividende für die Bankeigner.

Die Apobank soll nun schnell wieder in die Erfolgsspur finden. Vor allem durch eine Rückbesinnung auf das Kerngeschäft der Bank: die Finanzierung von Arztpraxen und Apotheken. Kein anderes Geldhaus ist in diesem Bereich so stark positioniert. Nach eigenen Angaben finanziert die Apobank etwa 60 Prozent aller Praxisneugründungen. Und das Geschäft boomt: Im vergangenen Jahr hat die Bank „über vier Milliarden Euro Neugeschäft akquiriert“, sagt Pfennig – so viel wie nie zuvor. Dahinter verbergen sich rund 11.000 neue Kunden.

Das Neugeschäft läuft wie geschmiert, weil die Bank durch Existenzgründerseminare an den medizinischen Fakultäten auf sich aufmerksam macht oder von Empfehlungen der Kassenärztlichen Vereinigungen (KV), die stark mit der Apobank kooperieren, profitiert.

Auch Paul Homberg wurde auf Empfehlung der KV Kunde und Mitglied der Apobank, als er 1993 seine Praxis in Nastätten, einer Kleinstadt im Westtaunus, eröffnete. Die Bank finanzierte dem Facharzt für Allgemeinmedizin seine Praxis und zwei Immobilien. Alles lief reibungslos.

Obendrein waren die Darlehen in sechsstelliger Höhe günstig. Der Zinssatz bewegte sich variabel in einem Korridor:

Wenn das Zinsniveau am Markt fiel, sank auch Hombergs Schuldendienst.

Wenn der Leitzins stieg, musste der Arzt mehr zahlen.

Im Jahr 2005 aber bekam Homberg einen Hinweis von einem ehemaligen Apobank-Mitarbeiter, das Institut nähme es bei der Anpassung der Zinsen nicht immer so genau. Unter dem Strich würden Kunden zu hohe Zinsen berechnet.

Der Mediziner suchte Rat bei Gerd Krämer, Anwalt der Bonner Kanzlei Meilicke Hoffmann & Partner. Der Jurist ließ Hombergs Kredite penibelst prüfen und kam zu dem Ergebnis, dass sein Mandant über die Jahre gut 100 000 Euro Zinsen zu viel bezahlt habe.

Die Apobank gab zwar schnell zu, dass es Fehler bei der Abrechnung gegeben hatte, wollte aber nur gut 10 000 Euro rückvergüten. Erst vor Gericht knickten die Banker ein und stimmten letztlich einem Vergleich zu, der Homberg 104 000 Euro zusprach. Rückblickend ist der Arzt enttäuscht von seiner Bank: „Es gab nie eine Entschuldigung.“ Seine Anteile am Institut trat er nach dem Prozess an die Apobank ab.

Anwalt Krämer hat für rund 30 weitere Mandanten ebenfalls Vergleiche erzielt.

In einem Dutzend der Verfahren übernahm die Bank sogar Anwalts- und Gerichtskosten. Und Krämer hat wei tere Mandanten, für die er Klagen vorbereitet.

Die Apobank räumt ein, dass es Fälle von zu hoch berechneten Zinsen gab. Vielfach habe die Bank jedoch selbst darauf hingewiesen und den Kunden Geld rückvergütet.

Intime Kenntnisse der Kundschaft

Einen Imageschaden im Kreditgeschäft kann sich die Bank kaum erlauben. Zum einen, weil es das Gros der Erträge bringt.

Zum anderen aber auch, weil das Geldhaus an den Kreditnehmern langfristig verdienen will, über den Tag der letzten Darlehensrate hinaus. Und zwar in der Vermögensverwaltung. Hier hat das Institut einen großen Vorteil: Es kennt die Finanzen seiner Kunden bis ins Detail.

Denn die Bank lässt sich für Praxiskredite stets die Zahlungen der Kassenärztlichen Vereinigung, die die Rechnungen aller gesetzlich Versicherten begleicht, als Sicherheit abtreten. So weiß die Bank genau, wie gut oder schlecht ein Mediziner verdient. Darüber hinaus verlangt sie von Kreditkunden regelmäßig Auskünfte über die Vermögensverhältnisse.

Derart intime Kenntnisse der Kundschaft sind für Anlageberater ideale Voraussetzungen, die passenden Investments für den Vermögensaufbau zu finden, abgestimmt auf die individuellen Bedürfnisse. Mit diesem Pfund will Pfennig in Zukunft punkten: 45 neue Berater plant die Bank in diesem Jahr einzustellen.

Bislang gehen viele Ärzte und Apotheker mit ihrem Ersparten lieber zur Konkurrenz. Was durchaus mit schlechten Erfahrungen zusammenhängen könnte, die manch Apobank-Kunde mit den Anlagetipps seines Beraters in der Vergangenheit gemacht haben will.

Etwa Uwe Wegner aus Hannover. Der erfolgreiche Orthopäde und Sportmediziner erlebte die Beratungspraxis als besonders entspannt. Mit seinem Betreuer traf sich der Mediziner nur selten in der Bank, öfter aber im noblen Hannoveraner Zigarrenklub Havanna Lounge.

Auf Anraten seines Beraters investierte Wegner in den 90er-Jahren einen sechsstelligen Betrag in vier geschlossene Immobilienfonds aus dem Medico- Programm des Initiators Gebau. Der Clou: Einen großen Teil der Anlagesumme konnte er als Verlust bei der Steuer geltend machen. Und um dem Finanzamt möglichst wenig zahlen zu müssen, nahm Wegner nicht nur Erspartes, sondern kaufte auch Fondsanteile auf Kredit – von der Apobank. Das Konzept ging auf, solange die Fonds wie geplant Erträge auszahlten, die zur Deckung des Schuldendiensts ausreichten.

Die Havanna Lounge ist heute pleite.

Und Wegners Fondsanlagen drohen zu einem Verlustgeschäft zu werden: Die Ausschüttungen fielen weit niedriger aus als erwartet, die Fondsanteile sind, wenn überhaupt, schwer zu verkaufen. Über diese Risiken sei er nie aufgeklärt worden, sagt der Arzt. Einen Fondsprospekt mit näheren Angaben zu den Investments habe er auch nie bekommen. Vielmehr habe ihm sein Berater stets nur ein Din-A4-Blatt zum Unterschreiben zugefaxt. Auf diesen Formularen bestätigte Wegner – schnell zwischen zwei Patienten – den Kauf von Fondsanteilen.

Fragwürdiger Umgang mit Kunden

Angesprochen auf eine mögliche Mitverantwortung, soll ihm sein Berater geantwortet haben, es sei doch sein unternehmerisches Risiko gewesen. Die Bank müsste für seine Verluste nicht geradestehen.

Der Arzt verlangt nun über den Bremer Rechtsanwalt Peter Hahn von der Kanzlei HRP die Rückabwicklung der Investments.

Die Apobank wollte sich zu dem Fall mit Verweis auf das Bankgeheimnis nicht äußern. Kunden bekämen jedoch grundsätzlich Prospekte ausgehändigt und würden über Anlagerisiken aufgeklärt.

An der Vermittlung von Steuersparmodellen wie den Medico-Fonds hat die Bank prächtig verdient. Die Initiatoren zahlten üppige Provisionen. Und zwar vom Geld der Anleger. Investoren wie Wegner war das jedoch nicht bewusst.

Joachim Schweiger, Kapitalmarktrechtler von der Kanzlei Dittke, Schweiger, Kehl & Partner in Düsseldorf, sieht in der Provisionspraxis einen Vertrauensbruch: „Die Beratung konnte gar nicht unabhängig sein. Wenn die Anleger von den Provisionszahlungen gewusst hätten, hätten sie sich nie und nimmer auf diese Beteiligungen eingelassen.“ Zahlreiche Ärzte und Apotheker zeichneten Medico-Fonds bei der Apobank.

Die meisten werden mögliche Verluste verkraften. Es gibt aber zumindest den einen Arzt, der wegen ausbleibender Fondsausschüttungen am Rande des Ruins steht. Praxiskredit und Fondsdarlehen übersteigen seine Finanzkraft. Der Mann, der unbedingt anonym bleiben möchte, ist wütend. Denn sein Apobank- Berater hatte ihm ausdrücklich dazu geraten, seine Fondsanteile zu 100 Prozent mit einem Kredit zu finanzieren. Bei dem Geldhaus gibt man sich erschüttert. Eine solche Empfehlung, heißt es, sei nicht gängige Beratungspraxis.

Fehler der Mitarbeiter

Eine ganz andere Praxis musste ein Augenarzt aus Baden-Württemberg erfahren.

Bereits zweimal erhielt er ein Schreiben von der Apobank aus München, Abteilung Regionale Kreditbetreuung Süd. In knappen Sätzen teilte ihm das Institut darin mit, dass die Bank ihm „ab dem 26. 1. 2010“ seinen bisherigen Kontokorrentkreditrahmen „nicht mehr zur Verfügung stellen“ werde. Für den Arzt war klar, dass dies eine Reaktion auf seine Klageandrohung wegen einer gefloppten Kapitalanlage war. Die Bank wollte sich zu dem Fall nicht äußern.

Vorstandschef Pfennig räumt ein, dass in der Apobank mit mehr als 2200 Mitarbeitern an über 60 Standorten Fehler nicht auszuschließen seien. Und während er das sagt, lacht er verlegen. Es wirkt wie das Eingeständnis, dass die Apobank eben doch nur eine Bank ist wie viele andere.

2 Kommentare
  • Dr.Blanz 25. Juni 2014 12:12

    Als jahrelange Bankkunden bitten wir um die genaue Adresse von RA Krämer wegen einer Klage über verlorenes Geld in größerer Menge.Danke Dr.Blanz und Frau

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