Unternehmen Lumpen zu Luxus

Reese Fernandez-Ruiz bringt Stardesigner mit armen Müttern aus den Slums von Manila zusammen. Heraus kommt Eco-Ethical Fashion. Was das ist, erzählt die 27-Jährige selbst.

Payatas auf den Philippinen. Hier landet der Müll der Hauptstadt Manila. Payatas ist aber nicht nur eine riesige Deponie, sondern auch Wohnviertel. In der „Garbage Dump Site Community“ leben rund 12.000 Familien mit und vom Müll.

„Viele Bewohner haben kein sauberes Wasser, können kein gesundes Essen kaufen, weil das Geld fehlt. Irgendwann begannen die Leute, die Müllberge zu durchforsten. Mütter suchten auf der Deponie nach Lumpen, um diese dann zu Teppichen zu knüpfen und zu verkaufen. Daraus entwickelte sich ein ganz eigener Markt, der immer mehr Mittelsmänner anzog. Ein Händler verkaufte die Teppiche an den nächsten und kassierte eine Provision. Erst nach acht, neun, zehn Zwischenstationen landeten die Teppiche bei einem richtigen Kunden. Die Folge: Für die Mütter selbst, die die ganze Arbeit machten, blieb fast nichts übrig.

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Wir sind keine Charity-Organisation

Als Studentin kam ich jeden Sonntag nach Payatas, um Kinder in Mathematik und im Lesen zu unterrichten. Da erfuhr ich von diesem System. Es regte mich auf. Es war so unlogisch. Deshalb gründete ich vor vier Jahren zusammen mit Freunden Rags2Riches (R2R). Der Name ist unser Anspruch: Wie verwandeln Lumpen („rags“) in Luxusprodukte und verschaffen den Frauen damit ein Auskommen.

Wir sind keine Charity-Organisation, sondern ein Social-Enterprise-Unternehmen mit 14 Festangestellten für die Verwaltung und 450 Näherinnen. Was wir machen: Wir durchbrechen den Kreislauf, von dem so viele Mittelsmänner profitiert haben, nur nicht die Mütter von Payatas. Wir arbeiten wie eine dezentral organisierte Modemanufaktur. Rags2Riches produziert ökologisch-nachhaltige Teppiche, Handtaschen und Accessoires – in Handarbeit und mehreren ­Produktlinien, die überall auf der Welt verkauft werden. Auch über unseren Onlineshop.

Up­cycling“ nennen wir das

Der Modedesigner Rajo Laurel ist so etwas wie der Giorgio Armani der Philippinen. Ich habe ihn angerufen und gefragt, ob er für uns eine Kollektion entwerfen kann. Er hat sofort Ja ­gesagt. Er betrachtet die Lumpen von der Deponie nicht als Lumpen, sondern als Material, um daraus ein Luxusprodukt zu formen. „Up­cycling“ nennen wir das. Laurel hat den Frauen die Augen geöffnet, was sich alles aus den Lumpen machen lässt. Den Müll müssen sie übrigens nicht mehr durchsuchen. Wir sammeln überschüssige Stoffe in den Textilfabriken ein, bevor sie weggeworfen werden, und transportieren sie tonnenweise zu den Frauen nach Hause.“

Fernandez-Ruiz zeigt auf die Handtasche neben sich. Sie ist auffällig grün, die Struktur ist rau. Heute ist sie, wie so oft, schon mehrmals darauf angesprochen worden.

„Unsere Taschen sind alle sehr bunt. Jede Tasche hat unterschiedliche Formen und Struk­turen. Sie sehen anders aus als diese typischen braunen, schwarzen, ledernen Handtaschen. Sie regen oft zu spontanen Gesprächen auf der Straße oder in der U-Bahn an. Das ist die beste Werbung für uns. Unser Label R2R ist schon zu einer richtigen Marke geworden.

Für jede verkaufte Tasche pflanzen wir einen Baum

Wir nennen die Produkte nach uns, es gibt zum Beispiel eine „Reese-Yogamatte“ und einen „Javy-Brillenhalter“, benannt nach einem anderen Mitgründer. Diese Produkte gibt es auch schon in Hongkong und München zu kaufen!

Für jede verkaufte Tasche pflanzen wir einen Baum. Auf die Idee kam Oliver Tolentino, er ist Designer der Reichen und Schönen Hollywoods und lebt in Los Angeles. Er setzt sich sehr für ökologische und nachhaltige Mode ein und ­arbeitet auch für uns.

Eco-Ethical Fashion ist auch in Manila ein Trend. Die Konsumenten entwickeln ein Umweltbewusstsein. Das und die Namen berühmter Designer erlauben uns, hohe Preise zu nehmen. Unsere Produkte sind zwar nicht so teuer wie Louis Vuitton oder Gucci, aber verglichen mit anderen Sachen in den Philippinen sind sie sehr, sehr teuer. Umgerechnet kostet zum Beispiel eine Handtasche je nach Ausführung rund 50 Euro, das ist hier sehr viel. Deshalb liegen Taschen auch in den noblen Boutiquen. In Europa nehmen wir teils noch mehr.

Auf der Welt gibt es viele Menschen, die sehr reich sind. Und noch viel mehr, die arm sind. Wir lenken das Geld von denen, die es haben, zu denen, die es brauchen. An jeder Tasche hängt eine kleine Karte, auf der steht, wer sie gefertigt hat. Wir zahlen den Müttern je nach Produkt etwa 25 Prozent vom Verkaufspreis. Das ist ungefähr 100-mal mehr, als sie früher von den Mittelsmännern bekamen.

Die Frauen können einen richtigen Karriereweg einschlagen. Sie beginnen mit einfachen Fußmatten. Damit verdienen sie etwa 1 bis 2 Euro am Tag und arbeiten sich hoch, bis sie etwa 7 bis 8 Euro verdienen – je nachdem wie viel Zeit sie benötigen. Manche Stücke sind an einem Tag gemacht, andere brauchen deutlich länger. Um es vergleichen zu können: Das ist mehr als der Mindestlohn und mehr, als zum Beispiel ­eine Krankenschwester verdient. Unsere Mit­arbeiter schulen die Frauen, sodass sie Vorgaben der Designer auch umsetzen können und immer besser werden.

Die Frauen entscheiden selbst, wann und wie viel sie nähen wollen

Die Frauen entscheiden selbst, wann und wie viel sie nähen wollen. So können sie sich um ­ihre Kinder kümmern. Ein typisches Bild in der Gegend ist eine Mutter, die in der Hand ihr Nähzeug hält und mit dem Fuß die Wiege ihres Kindes bewegt. Wir bauen auch eine Art Sozial­system für die Mütter und ihre Familien auf. Für jedes Produkt, das fertiggestellt wird, zahlen wir einen Betrag auf ein Bankkonto ein. Das Geld kann dann für die Bildung der Kinder ­eingesetzt werden oder die Gesundheits- oder Altersvorsorge. All das ist für die Menschen in Payatas eigentlich unerreichbar.“

Ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen reiste Fer­nandez-Ruiz in den vergangenen Monaten unter anderem zum St. Gallen Symposium und in die USA, um Vorträge über ihre Arbeit zu halten.

„Ich bin wie so viele Philippiner katholisch getauft. Meine Mutter war als Missionarin unterwegs, meine erste Erinnerung sind Kirchen. Meine Freunde waren Straßenkinder. Da war ich vier, fünf Jahre alt. Mit einem Stipendium kam ich später auf die Ateneo Universität in Manila, wo ich Management studierte. Mein Wissen habe ich in Abendkursen in den Armenvierteln weitergereicht. Ich wollte den Armen helfen, sich selbst besser zu organisieren.

Was ich tue, soll etwas Gutes bewirken

Was ich tue, soll etwas Gutes bewirken. Deshalb wollte ich etwas Soziales tun. Gleichzeitig muss ich selbst ja auch Geld verdienen. Social Entrepreneurship erlaubt mir beides.

Wir haben große Pläne mit Rags2Riches, wollen bald 5000 Frauen beschäftigen. Dafür ­bauen wir eine Art Franchisesystem auf. Wir schreiben gerade ein Handbuch, in dem wir Qualitätsstandards festlegen und Handlungs­anweisungen geben. Es mangelt nicht an Talenten. Die Menschen brauchen nur eine reelle Chance, um sich aus der Armut zu befreien. Etwa 50 der Frauen haben inzwischen eine eigene Genossenschaft gegründet und sind als Gesellschafter bei Rags2Riches eingestiegen.

Mein Traum ist es, dass später das Kind einer unserer Mütter mein Nachfolger wird. Dann hätte es nämlich eine gute Ausbildung bekommen. Und wir hätten einen guten Job gemacht.“

Protokoll: Felix Wadewitz

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 11/2011.

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