Unternehmen „Mann, Mann, das war nicht optimal!“

Sebastian Stietzel ist dabei, wenn sich einmal im Jahr die Türen des Bundestags für Jungunternehmer öffnen. Stietzel hat ein Anliegen. Und wünscht sich von den Politikern offene Ohren. Ob das hilft?

Am Ende des Tages, noch während die anderen reden, reden, reden, kommt Sebastian Stietzel eine Idee, wie man die Sache vielleicht doch noch schnell zu einem Ergebnis bringen könnte. Geredet hat er heute schon genug, hat den Abgeordneten hier in Berlin die Sache direkt an den Kopf geworfen, sogar demonstriert hat er – er, ein Anzugträger! Wird trotzdem nicht viel bringen, weiß er schon. Also schreibt Stietzel seine Botschaft jetzt auf einen Zettel und schiebt ihn der Reporterin rüber. „Bringen Sie bitte unbedingt unter, dass ich Softwareentwickler dringend suche!“ steht da. „Softwareentwickler“ hat Stietzel ganz groß geschrieben.

Vielleicht, so seine Hoffnung, meldet sich ja einer, wenn er das hier liest. Wie er, der Jungunternehmer Sebastian Stietzel, im Berliner Politikbetrieb versucht, Gehör für eine wichtige Botschaft zu finden. Wie Wunsch auf Realität trifft und Entscheidungsfreude auf parlamentarische Entscheidungsprozesse.

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Einmal im Jahr, meistens wie jetzt im späten Frühjahr, ist die entscheidende Woche für Menschen wie Stietzel. Da öffnet der Bundestag seine Türen für junge Unternehmer und Führungskräfte wie ihn; Macher, die schon früh erfolgreich waren und die es bleiben wollen. Wirtschaftsjunioren nennen sie sich, ein Verband, der mitreden will, wenn Weichen gestellt werden für Unternehmen. Und nie sind die Junioren näher dran als in dieser Woche, wenn sie in Ausschüsse und Arbeitsgruppen dürfen, in Diskussionsrunden und Sitzungen. Da können sie denen in Berlin direkt unter die Nase reiben, wo es hakt im Leben eines Unternehmers und was die Politik dagegen tun könnte. Know-how-Transfer nennt sich das. Jedem jungen Chef wird ein Politiker zugeteilt, der eine lauscht den Sorgen des anderen und umgekehrt. „Wir werden hier mit offenen Armen empfangen“, sagt Stietzel, „die Politiker lechzen nach Informationen von uns. Die brauchen Input.“

Das sagt er am Anfang des Tages, als er ankommt im grauen Palast an der Spree, im schicken schwarzen Anzug, in der Cafeteria im Paul-Löbe-Haus noch schnell einen Kaffee bestellt, bevor es losgeht, bevor er ahnen kann, dass manches heute etwas anders kommen wird, als er sich das gerade ausmalt.

31 Jahre ist Stietzel gerade geworden, mit 16 hatte er sein erstes Gewerbe angemeldet, den „Computer Service Neustrelitz“. Stietzel wurde größer, sein Unternehmen auch. Heute betreibt er einen Dienstleister in Potsdam und Berlin, Tixoo, der online den Kauf und Verkauf von Veranstaltungstickets abwickelt. Unter den größten fünf im Ticketing-Bereich sei er, mit mehr als 500 Veranstaltern als Kunden. 20 Leute haben einen Job dort, aber Stietzel möchte gern noch mehr Stellen besetzen, damit der Laden richtig fliegen kann. Aber er findet keine Bewerber, die geeignet wären. Deswegen ist er wieder hier: weil die Politik endlich was unternehmen soll.

Fünfmal war Stietzel schon dabei, er ist so eine Art Know-how-Transfer-Profi. Er kennt sich bestens aus in den fahl ausgeleuchteten unterirdischen Gängen, über die man schneller zu den Sitzungssälen gelangt, verzieht nicht mal eine Augenbraue, wenn Franz Müntefering oder Karl Lauterbach ihn dort im Vorbeigehen beinahe streifen. Er weiß, dass sie die Verbindungsbrücke zwischen den Parlamentsgebäuden scherzhaft die „Beamtenlaufbahn“ nennen und die Kantine unten im Paul-Löbe-Haus den „Lampenladen“.

Aber die Motive hierherzukommen haben sich verändert. „Am Anfang wollte ich verstehen lernen, warum manche Entscheidungen so lange brauchen“, sagt Stietzel. Diesmal aber sind die Wirtschaftsjunioren ungeduldiger. Dramatisch sei die Situation in vielen Unternehmen, weil die Fachkräfte fehlten, sagen sie. Auf fünf Forderungen haben sie sich geeinigt, die sie, wo sie nur können, anbringen: bessere Bildung, bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf, mehr Zuwanderung, eine bessere Einbindung von älteren Arbeitnehmern und mehr Leistungsanreize, damit sich Leistung wieder lohnt.

Einer, der das doch verstehen müsste, ist Volker Kauder. Um 10.30 Uhr hockt er in Raum 3NOO8 auf dem Podium. Aber er öffnet seine Arme nicht, auch scheint der Vorsitzende der CDU-Fraktion nach nichts zu lechzen. Miesepetrig schaut er auf sein Publikum herab. Etwa 100 Wirtschaftsjunioren, frisch gewaschene Gesichter, stramme schwarze Anzüge. Dann legt Kauder los, bildet lange Sätze über erneuerbare Energien, über Gleichstrom und Wechselstrom, über den Atomausstieg. Stietzel kippelt, Stietzel fingert am Handy rum, eine bleierne Monotonie legt sich über die gut gekämmten Köpfe. 15 Minuten lassen die jungen Bosse Kauder gewähren, dann fährt ihm einer in die Parade: „Herr Kauder, wir haben doch noch so viele Themen anzubringen!“

Das hellt Kauders Laune nicht gerade auf, aber er hört jetzt zu, dem Fragen und Klagen über den Fachkräftemangel. Den gestellten Forderungen aber entgegnet er oft mit Sätzen, die mit „Jetzt will ich Ihnen aber mal was sagen“ beginnen und meistens nicht damit enden, was der Wirtschaftsnachwuchs hören will. Schließlich reißt es auch Stietzel vom Sitz. Er schnappt sich ein Mikro und berichtet mit fester Stimme von seiner unglücklichen Suche nach Softwareentwicklern für sein Unternehmen. Aber Kauder hat auch keine für ihn. Stietzel sinkt zurück auf seinen Stuhl, während der Fraktionschef mit vielen Worten wenig sagt. Ist er nun ein Stück weiter? „Die Antworten waren sehr ausweichend“, murmelt Stietzel.

So geht die Stunde zu Ende, bedröppelt suchen die Junioren den Weg nach draußen. „Mann, war der schlecht drauf“, hört man aus dem Gemurmel. „Nee, das war echt nicht optimal. Mann, Mann, Mann.“

Da kommt es gelegen, dass sie sich beim nächsten Tagesordnungspunkt etwas Luft machen können. „Heute gibt’s eine Premiere“, sagt Stietzel und weist den Weg Richtung Brandenburger Tor, „wir demonstrieren. Normalerweise machen wir so was nicht.“

Das merkt man. Verlegenes Kichern geht durch die gut gekleidete Truppe, die da auf den Pariser Platz zieht. Etwas schwerfällig drehen die Junioren zunächst an den mitgebrachten Rasseln. Aber dann, nach etwa zehn Minuten, steht der Pulk von Anzugträgern da wie ein summender Bienenstock, Plakate werden in die Höhe gehalten, „Frau Merkel, wir brauchen Fachkräfte!“ steht drauf. „Das ist heute die Gelegenheit, auf das Thema aufmerksam zu machen“, sagt Stietzel, „200 Anzugträger, die auf die Straße gehen, das gibt es nicht so oft.“ Die Touristen jedenfalls zücken erfreut die Kameras. Stietzel steht in der Menge mit einem Plakat in der Hand, bläst ab und zu in seine Trillerpfeife, während die Sonne ihm den blanken Schädel rosig färbt.

13.30 Uhr, der Magen rumpelt, Stietzel soll nun „seinen“ Abgeordneten Christoph Poland treffen. Aber Stietzel, der Bundestagsprofi, sucht erst mal ein Plätzchen zum Verschnaufen. „Hier ticken die Uhren anders“, sagt er. „Aus einem Ausschuss kommen die Abgeordneten eh nie pünktlich raus.“ Am Anfang, erzählt Stietzel nun, fand er den Apparat einfach nur rätselhaft. „Heute habe ich aber riesengroßes Verständnis für den Beruf des Politikers.“ In einem Unternehmen trifft man Entscheidungen und sieht zu, dass sie schnell umgesetzt werden. „Das geht hier so nicht“, sagt Stietzel. „Für eine Idee muss man erst eine Mehrheit in der eigenen Fraktion finden, dann den Ausschuss überstehen, all die Diskussionen, und immer noch ist man noch lange nicht im Bundestag und Bundesrat damit.“ Sieht er, der Entscheider, keine Möglichkeit für eine Abkürzung? „Würde man das beschleunigen wollen, müsste man sich von der Demokratie verabschieden.“

In Sachen Pünktlichkeit jedenfalls hat Stietzel recht. Zehn Minuten zu spät kommt er zur Verabredung mit Poland – vom Politiker noch keine Spur. Ein gemütliches Büro hat der Fraktionsabgeordnete der CDU/CSU im vierten Stock, mit viel Kunst an den Wänden. Über Kunst und Kultur erfährt Stietzel denn auch sehr viel, als Poland schließlich auftaucht. Der Mann kann einfach nicht anders, Kultur und Medien sind sein Schwerpunkt. Er redet von Konzerten und Opern, Kulturprojekten und Theater. Immerhin kann Stietzel beim Mittagessen noch ein paar Worte über den Fachkräftemangel loswerden, über den Kündigungsschutz und wie schädlich der für Unternehmer wäre.

Dann eilt der Politiker auch schon wieder davon, und auf den Unternehmer wartet der Kulturausschuss. „Gestern war ich schon in der Arbeitsgruppe, da wurden ein paar Ideen angebracht, mal sehen, was daraus wird“, sagt Stietzel und verschwindet hinter einer schweren Tür, hinter die heute nur die Abgeordneten und Wirtschaftsjunioren dürfen.

Als die sich nach einer Stunde wieder öffnet, sind die Ideen immer noch nur Ideen. „Die haben sich da drin ganz schön in Diskussionen verstrickt“, sagt Stietzel schon auf dem Weg zum nächsten Termin. Eine Diskussionsrunde mit Christine Scheel, der Mittelstandsbeauftragten der Grünen. Was soll ein junger Wirtschaftsboss da schon erwarten?

Eine Überraschung, wie sich schnell rausstellt. „Fachkräftemangel. Ja, das ist ein wichtiges Thema“, sagt Scheel. Bessere Kinderbetreuung? Unbedingt! Mehr Aus- und Fortbildung? Schlimm, dass da die Gelder zusammengestrichen werden. Gründerkultur? In Deutschland noch unterentwickelt. Verständnis. Endlich. Ausgerechnet von den Grünen. „Frau Scheel“, sagt einer der Junioren, „Ihnen fliegen hier gerade die Wählerstimmen zu.“ Stietzel bleibt skeptisch. „Ja, das hört sich alles toll an“, sagt er. Aber er weiß ja, wie das läuft. „So denkt vielleicht Frau Scheel und noch ein paar andere. Mehrheitsfähig ist das deswegen noch lange nicht.“

18.30 Uhr, die Gesichter werden müde, Diskussionsrunde in der Vertretung der Europäischen Kommission. Fachkräftemangel, bessere Kinderbetreuung, bessere Ausbildung, Kündigungsschutz … Die Leute reden, reden, reden. Da zückt Stietzel seinen Stift und schreibt seine Botschaft auf. Bis um 20 Uhr hört er sich das noch an, dann eilt er davon. Ins Büro. Noch ein paar Sachen erledigen.

Auf die Schnelle.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 06/2011.

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