Unternehmen Mehdorn macht Dampf am Hauptstadtflughafen

Simulation des neuen Berliner Flughafens

Simulation des neuen Berliner Flughafens© Alexander Obst / Marion Schmieding/Flughafen Berlin Brandenburg

Hartmut Mehdorn bezog vor 100 Tagen den Schleudersitz am Hauptstadtflughafen. Er hat viel Staub aufgewirbelt. Die Projektzukunft aber bleibt unklar.

Hartmut Mehdorns Hände dürfen nicht ruhen. Wenn er vom neuen Hauptstadtflughafen spricht, von der Schockstarre und dem Aufbruch an Deutschlands berüchtigtster Baustelle, dann führen Mehdorns Hände einen nervösen Tanz auf. Er faltet, knetet, reibt sie druckvoll, klopft auf den Tisch, ballt die Fäuste ineinander, linker Zeigefinger raus und wieder rein, Ehering links, Ehering rechts. Oft zappeln auch die Füße unterm Stuhl, dann vibriert der ganze Körper. So wie alle um ihn herum.

Ob Platzeck, Wowereit oder Ramsauer – in nur 100 Tagen an der Spitze der staatlichen Flughafengesellschaft hat Mehdorn sie alle schon ins Schwitzen gebracht. Nach einem Jahr Stillstand in Schönefeld drückt der knorrige 70-Jährige mächtig aufs Tempo, auch wenn nicht immer klar ist, auf welchem Weg er an sein Ziel gelangen will: den Flughafen so schnell wie möglich ans Netz zu bringen. Und wenn er dafür mit dem Kopf durch die Wand muss.

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Der Manager wirbelt viel Staub auf, wenn er ein Tabu nach dem anderen umstößt: die lange beschlossene Schließung des Flughafens Tegel – auf den Prüfstand. Die Pläne für den spektakulären Umzug von Tegel und dem alten Flughafen Schönefeld zum Neubau in einer Nacht – in den Papierkorb. Die vor einem Jahr mit Pauken und Trompeten fortgejagten Architekten aus dem renommierten Büro Gerkan – zurück auf die Baustelle. Den millionenteuren Schallschutz für die ohnehin aufgebrachten Anwohner – unbedingt lockern.

Mehdorn ist Widerstand gewohnt
Nur bei seinem Plan, den Flughafen Schritt für Schritt in Betrieb zu nehmen, weiß Mehdorn alle Eigentümer hinter sich, den Bund, Berlin und Brandenburg. Sonst hat er immer mindestens einen von ihnen gegen sich. „Es ist sehr viel stärker politisch“, vergleicht Mehdorn die Arbeit am Flughafen mit seinen früheren Arbeitgebern, unter denen immerhin die Bahn als wichtiger Staatskonzern ist. „Das habe ich in keinem Unternehmen so erlebt.“

Doch Widerstand hat der erfahrene Manager nie gescheut. Bei Air Berlin drückte er einen Sparkurs durch, die Bahn machte er für den umstrittenen Gang an die Börse fit – wohin sie der Bund aber nicht ziehen ließ. Der Konzernchef stürzte dann über eine Affäre um Massenkontrollen von Mitarbeiterdaten.

„Sie haben mich geholt, jetzt müssen sie mich auch aushalten“, drohte Mehdorn bei seiner Vorstellung am Flughafen im März. Dazu lächelte der Aufsichtsratschef, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck (SPD), noch. Jetzt muss er Streit schlichten. Der Neue hat sich mit seinem Technikchef Horst Amann überworfen, der noch immer ausgiebig nach Baufehlern sucht . „Da treffen zwei Alphatiere aufeinander“, sagt der Vorsitzende des Berliner Flughafen-Untersuchungsausschusses, Martin Delius. Es sei nicht Mehdorns Art, Mitarbeiter an seinen Entscheidungen zu beteiligen.

„Man führt über Ziele“
Das sieht der Flughafenchef anders. „Man führt heute kein Unternehmen mehr wie früher: über schwarze Bretter und Ansagen“, sagt er. „Man führt über Ziele.“ Mehdorns Ziel ist der schnelle Start, Amann mit seinen ellenlangen Mängellisten betreibt ihm zu viel „Ahnenforschung“. „Diejenigen, die mir im Weg stehen, den sagte ich das. Und da spreche ich auch nicht durch die Blume.“

Mehdorn hat das Projekt in Module zerlegt, ihre Leiter arbeiten in einem Großraumbüro im Terminal und klären Probleme auf Zuruf – das hat es dort bisher so nicht gegeben. Erste Entscheidungen: grundlegende Umbauten der Sprinkler- und Entrauchungsanlage, an der die Eröffnung vor einem Jahr scheiterte.

Der Flughafen sei fertig, betont Mehdorn dennoch. Es fehlten nur die letzten drei Prozent der Funktionalität, hauptsächlich gehe es um Programmierarbeit. In die Karten lässt sich der Flughafen trotz aller Transparenzversprechen nicht blicken: Seit einem halben Jahr durfte niemand mit Kamera oder Notizblock das Terminal betreten.

Auf einen neuen Eröffnungstermin will der 70-Jährige sich erst im Herbst festlegen. Dann wird er vermutlich auch weitere Mehrkosten bekanntgeben. Mehdorn weiß, dass er mit dem Termin nicht daneben liegen darf – auch wenn er einen Dreijahresvertrag hat. Er wirbt: „Der BER wird für Berlin, für Deutschland, insgesamt eine sehr schöne Sache.“

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