Unternehmen Migranten sind gründungsfreudig in Deutschland

Die Zahl der Firmengründer mit ausländischen Wurzeln wächst in Deutschland seit Jahren. Eine neue Studie sagt: Migranten machen sich vor allem in Branchen selbstständig, die kein Studium voraussetzen und niedrige Einstiegshürden haben.

Der Dönermann an der Ecke, der Asiate mit seinem Schnellimbiss, die Reinigungsfirma eines orientalischen Inhabers: Beispiele, die das Bild ausländischer Firmengründer in Deutschland prägen. Vorurteile? Aber nein, urteilen Experten. „Das Klischee ist prinzipiell zutreffend“, sagte Elisabeth Müller, Professorin an der Frankfurt School of Finance & Management: „Die meisten Migranten machen sich tatsächlich in diesen Bereichen selbstständig. Dort ist es einfacher, weil die Eintrittsschranken viel geringer sind.“

Praktikabilität schlage die Aussicht auf größere Erlöse, die in anderen Branchen möglich wären, meint Müller. Sie ist die verantwortliche Wissenschaftlerin einer Studie, die jüngst im Auftrag des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) veröffentlicht wurde.

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Nur fünf Prozent der selbstständigen Migranten gründen demnach Unternehmen in „wissensintensiven“ Branchen. Damit sind Branchen gemeint, die „im Normalfall einen Studienabschluss voraussetzen oder einen hohen Anteil an Forschung und Entwicklung beinhalten“, sagte Müller. Dabei sei unter Migranten und Migrantenkindern die Bereitschaft zur Firmengründung äußerst hoch, gleiches gelte für Mut und Beherztheit.

Das Geld für wissensintensiven Bereiche fehlt

Zu den wissensintensiven Bereichen, in denen Migranten eher nicht gründen, gehören die forschungsintensive Industrie sowie bei den Dienstleistungen beispielsweise die Software-, Rechts-, Medien- oder Werbebranche. Eine exzellente Ausbildung ist dort meist Voraussetzung, um Fuß zu fassen. Für 77 Prozent aller hiesigen Firmengründer mit ausländischen Wurzeln gilt jedoch: Wenn sie sich selbstständig machen, kommen sie gerade aus der Arbeitslosigkeit.

„Das bedeutet auch, dass ihnen – wie auch vielen deutschen arbeitslosen Gründern – Geld fehlt“, sagt Marc Evers, Gründungsexperte beim Deutschen Industrie- und Handelskammertag (DIHK). Oft sei allenfalls das eher geringere Startkapital für eine Dönerbude oder ein kleines Geschäft vorhanden, nicht das für einen teureren Chemiebetrieb. Klassische Bildungsnachteile erschwerten vielen das Unternehmerleben weiter. Dazu kommen in manchen Fällen begrenzte Sprachkenntnisse, auch werden im Heimatland erworbene Bildungsabschlüsse in Deutschland oft nicht anerkannt.

Und so versuchen sich 95 Prozent der selbstständigen Ausländer in Deutschland auf vergleichsweise einfachem Terrain. Laut Statistik sehr beliebt: Gastronomie und Handel. „In beiden Bereichen kann ich mir leichter etwas aufbauen, wenn ich gut vernetzt bin und von Vorbildern in der Vätergeneration lernen kann. Dies gilt für viele Ausländer hierzulande“, sagte Evers. Von den so genannten „Native“-Deutschen, die sich selbstständig machen, versuchen sich laut Studie immerhin 14 Prozent in wissensintensiven Branchen.

Generell gilt, dass Menschen mit ausländischen Wurzeln hierzulande gründungsfreudig sind – gründungsfreudiger auch als die Deutschen. In den vergangenen dreieinhalb Jahren machten sieben Prozent der Migranten – darunter Menschen ohne deutschen Pass sowie die Kinder von Zugezogenen – ihr eigenes Unternehmen auf. Das ergab eine im April veröffentlichte Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB).

Bei Bundesbürgern ohne Migrationshintergrund waren es weniger als fünf Prozent. Vergangenes Jahr stieg die Zahl der Existenzgründer mit Migrationshintergrund nach DIHK-Angaben um 12,7 Prozent – damit wurde gut ein Drittel aller neuen Unternehmen von Migranten geführt.

Griechen sind gründungsfreudiger als die Deutschen

Seit Jahren schon stellen die Türken den größten Anteil unter den Gründern mit Migrationshintergrund. „Vor allem deshalb, weil sie nun mal auch die größte ausländische Community in Deutschland haben“, meint Evers. Stark vertreten seien auch Gründer aus Russland, Polen, dem Balkan, Kasachstan – zusammen genommen waren im vergangenen Jahr 35 Prozent aller Gründer mit Migrationshintergrund osteuropäischer Herkunft.

Entgegen aller gängigen Vorurteile sind „sogar die hier lebenden Griechen gründungsfreudiger als die Deutschen“, sagte Müller. Die Selbstständigenquote der Hellenen habe 2009 bei 13,5 Prozent gelegen – und damit deutlich über der der Deutschen.

Wie nachhaltig das alles ist, bleibt die Frage. Eine, auf die noch keine Zahlen Antwort geben. „Generell kann man nur sagen, dass 50 Prozent aller Unternehmen – egal von wem sie gegründet wurden – fünf Jahre später wieder vom Markt verschwunden sind“, berichtete Evers.

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