Unternehmen Mit flexiblen Arbeitszeiten gegen den Fachkräftemangel

Fähige Mitarbeiter sind in Zeiten des Fachkräftemangels ein rares Gut - die Konkurrenz zwischen den Unternehmen ist groß. Flexible Arbeitszeiten sind ein geeignetes Lockmittel für qualifizierte Bewerber.

Da ist der Angestellte, der eine monatelange Motorradreise plant. Den Fahrtwind um die Nase wehen lassen, tolle Gegenden sehen, Freiheit genießen. Doch diese Art von Freiheit lässt ein Berufsleben nicht so einfach zu. Der Laser-Spezialist Trumpf aus dem schwäbischen Ditzingen will genau das aber möglich machen. Das Unternehmen kündigte bereits im Mai an, die Arbeitszeiten seiner Mitarbeiter weitgehend zu flexibilisieren. Auch für andere Unternehmen werden arbeitnehmerfreundliche Arbeitszeiten immer wichtiger im Werben um Fachkräfte.

„Wir wollen damit wesentlich attraktiver für Bewerber werden“, sagt Astrid Oellerer, die Leiterin des Personalwesens bei Trumpf. Seit der Bekanntgabe des Modells der flexiblen Arbeitszeit sei die Zahl der Bewerbungen stark gestiegen.

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Konkret sieht das Trumpf-Modell drei Bausteine vor. So können die Mitarbeiter alle zwei Jahre entscheiden, ob sie ihre Wochenarbeitszeit erhöhen oder senken wollen. Zudem können sie bis zu 1.000 Stunden auf ein Konto einbringen und für Freizeitblöcke wieder nutzen. Als dritte Möglichkeit können die Mitarbeiter bis zu zwei Jahre für den halben Lohn arbeiten und danach eine Auszeit nehmen, in der sie ebenfalls den halben Lohn beziehen.

Ein Trumpf-Mitarbeiter habe den Wunsch mit der Motorradreise geäußert, berichtet Oellerer. Ein anderer wolle ein Haus bauen. Und zwei Mitarbeiter in der Personalabteilung wollten Zeit ansammeln, um sich um ihre Eltern kümmern zu können, falls sie pflegebedürftig werden.

Die IG Metall findet das Streben nach mehr Freiheit zeitgemäß. „Die Beschäftigten wollen mehr Freiheit, als sich mit einem klassischen 35- oder 40-Stunden-Vertrag abbilden lässt“, sagt Hans Baur, der Erste Bevollmächtigte der IG Metall Stuttgart.

Laut Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände sieht das auch die Wirtschaft so. Mehr als 95 Prozent der Unternehmen böten bereits Maßnahmen zu einer familienfreundlichen Arbeitszeitgestaltung an. „Das ist für sie ein entscheidender Wettbewerbsvorteil bei der Suche nach Fachkräften“, sagt ein Sprecher. Zwischen 2003 und 2009 habe sich das Angebot an Telearbeit etwa fast verdreifacht.

Auch Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) sieht die Wirtschaft hier auf einem guten Weg. „Eine der guten Wirkungen des Fachkräftemangels ist, dass sich Unternehmen stärker auf die Wünsche und Bedürfnisse der Beschäftigten ausrichten“, sagt sie. Flexible Arbeitszeiten, Zeiten für Kindererziehung, Pflege und Weiterbildung und Karriere in Teilzeit seien heute ein Muss.

Die bereits länger eingeführte Gleitzeit allein reicht den Beschäftigten offenbar nicht mehr. Eine Sprecherin von Daimler betont, dass Teilzeitarbeit, Tele-Arbeitsplätze oder Sabbaticals im Unternehmen schon längst dazu gehörten. Allerdings sei dies sehr viel einfacher in der Verwaltung umzusetzen als in der Produktion. Das Presswerk beispielsweise müsse rund um die Uhr laufen, und die Schichten müssten durchgehend besetzt werden.

Wer Flexibilität will, muss also vorausschauend handeln. Und investieren. „Die Einführung und Verwaltung von Arbeitszeitkonten verursacht natürlich auch Kosten“, sagt die Arbeitsmarktexpertin Ines Zapf vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit. Die Unternehmen müssen beispielsweise Software anschaffen oder das Personalwesen verstärken. Bei Trumpf kümmert sich laut Oellerer inzwischen eine zusätzliche Person um die Arbeitszeitberatung.

Arbeitszeitkonten brächten außerdem auch gewisse Risiken mit sich, warnt Zapf. Grund sei, dass im Falle positiver Nachfrageschwankungen die Arbeitszeiten nach oben angepasst würden, um die Auftragslage zu bewältigen. „Daraus kann eine größere zeitliche Abhängigkeit für Arbeitnehmer entstehen.“

Nach Auffassung der IG Metall bedeutet Arbeitszeitflexibilisierung noch zu oft, eine Flexibilisierung zugunsten der Arbeitgeber. Die Menschen wollten mehr Zeitsouveränität, Selbstbestimmung und Lebensqualität, sagt Kay Ohl, Abteilungsleiter Tarifpolitik bei der Gewerkschaft. Voraussetzung hierfür sei aber „eine Balance von Arbeit und Leben, die planbar ist und nicht unter dem Diktat der Marktorientierung steht“.

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