Unternehmen „Mit Intuition zum Erfolg“

Dürfen sich Unternehmer von ihrem Bauchgefühl leiten lassen? Ja, sagt Wendelin von Boch. Der ehemalige Vorstandschef des Keramikherstellers Villeroy & Boch verrät impulse-Interview, warum intuitive Entscheidungen sogar besser sind als rationale.

Wendelin von Boch ist Schirmherr des 11. Kongresses für Familienunternehmer der Uni Witten/Herdecke. Bis 2007 war er Vorstandsvorsitzender des Keramikherstellers Villeroy & Boch und führte das traditionsreiche Familienunternehmen bereits in achter Generation.

impulse: Warum ist das Thema „Entscheiden“ gerade für Familienunternehmen so wichtig?

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Wendelin von Boch: Die Haltung hinter einer Entscheidung ist eine ganz andere. Kontinuität und Nachhaltigkeit sind besonders wichtig, da der Familienunternehmer Fehler auf eigene Rechnung bezahlt. Außerdem sind Familienunternehmen durch die regionale Verbundenheit sehr stark ethischen Prinzipien unterworfen.

Was ist mit dem Spagat zwischen Unternehmen und Familie? Machen die unterschiedlichen Anforderungen es nicht auch schwer, eine richtige Entscheidung zu treffen?

Nein. Die Firma kommt vor der Familie. Das ist bei uns schon immer so gewesen und ich kenne nur sehr wenige Unternehmen, die das anders handhaben. Wir haben klare Regeln, die wir gerade in einer Family Governance formulieren.

Was beinhaltet die Family Governance?

In der Family Governance soll das Zusammenwirken von Vorstand, Aufsichtsrat und Familiengesellschafter beschrieben werden, mit der Zielsetzung, die Familie an das Unternehmen zu binden und für das Unternehmen zu interessieren.
Ein wichtiger Bestandteil ist die Nachfolgeregelung, d. h. die Kriterien, die ein Familiengesellschafter erfüllen muss, wenn er sich um eine Führungsaufgabe bemüht. Eines der Kriterien ist eine mehrjährige erfolgreiche Tätigkeit in einem anderen Unternehmen.

Was war für Sie persönlich die größte Herausforderung?

Eine Wachstums- und Ergebniskrise Mitte der 90er Jahre zwang uns zu einer fundamentalen Neuorientierung, das heißt, wir haben uns um ein ganzheitliches Vermarktungskonzept unter dem Oberbegriff „House of Villeroy & Boch“ bemüht: Lifestyle Marke statt Herstellerkompetenz. Die erfolgreiche Globalisierungsstrategie hat in den letzten 10 Jahren zu dem Ausbau des Auslandsanteils von 46 Prozent auf 79 Prozent geführt.

Es geht beim Kongress auch um intuitive Entscheidungen. Was haben Sie für Erfahrungen mit Entscheidungen aus dem Bauch heraus?

Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass die Entscheidung zum Kauf von Gebrauchsgütern nur zu 15 Prozent von der Ratio bestimmt wird, also 85 Prozent vom Bauch. Es ist so gesehen nicht möglich, erfolgreiche Produkte allein mit Kalkül zu entwerfen. Intuition und Emotionen leiten uns, also muss ich als Unternehmer mein Bauchgefühl in meine Entscheidungen mit einbeziehen.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Es gibt gute Gründe dafür, warum fast alle Luxusgüter, die weltweit vermarktet werden, aus Europa stammen, nämlich aus Frankreich, Italien, England und Deutschland.
Der Verbraucher ist bereit, sehr hohe Preisprämien zu bezahlen, wenn er weiß, dass das von ihm erworbene Produkt aus einem traditionsreichen Haus mit einem besonderen kulturellen Umfeld kommt. Er erwirbt mit dem Produkt Prestige und soziale Anerkennung, basierend auf höchsten qualitativen und ästhetischen Ansprüchen, die über Generationen gelebt wurden. Es sind also vornehmlich emotionale Werte, die den Zusatznutzen ausmachen und die weit über den reinen Sachnutzen hinausgehen.

Kommt dieses Gespür mit der Erfahrung?

Ohne Zweifel trägt die Erfahrung dazu bei, das Gespür und die Sicherheit bei der Entscheidung zu entwickeln. In einem Umfeld, in dem ästhetische Fragen seit meiner Kindheit eine große Rolle spielten, habe ich meine spätere geschmackliche Sicherheit gewonnen.

Intuitive Entscheidungen führen also öfter zum Erfolg als rationale?

So würde ich es sagen. Stellen sie sich doch einmal vor, Sie haben zehn Dekore und können nur zwei davon auf den Markt bringen. Rein analytisch können Sie da nicht vorgehen. Sie brauchen ein tiefes Produktverständnis und ein Bauchgefühl, dass Ihnen sagt, welches der zehn Dekore am Schönsten ist bzw. welches sich am besten vermarkten lässt. In einem designorientierten Unternehmen ist so etwas natürlich anders zu bewerten als im Anlagenbau. Würde alleine die rationelle Entscheidung bestimmend sein für den Erfolg oder Nichterfolg von designaffinen Gebrauchsgütern – käme es also nicht auf emotionale oder geschmackliche Kriterien an – dann wären alle Produkte gleichermaßen erfolgreich.

Kann man es sich als Vorstand eines Unternehmens mit Verantwortung gegenüber seinen Mitarbeitern denn überhaupt erlauben Entscheidungen aus dem Bauch heraus zu treffen?

Das müssen sie sogar! Gerade im Human Resources Management ist Intuition oft wichtiger als Kalkül. Charisma, Loyalität, Leistungswillen und Motivation – darauf kommt es an – besonders in einem Familienunternehmen: der Zusammenhalt, die Streitkultur, die regionale Verbundenheit – das sind Emotionen pur.

Wie kam es zu der Schirmherrschaft des 11. Kongresses für Familienunternehmen?

Die Studenten der Uni Witten/Herdecke haben mein Buch „Globalisieren mit Tradition“ gelesen und mich angefragt. Ich kann mich erinnern, dass es für mich als Student wichtig war im direkten Kontakt mit der Wirtschaft zu stehen und heute ist es für mich schön, etwas davon zurückgeben zu können. Deshalb habe ich zugesagt.

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