Unternehmen Mittelständler können eigene Schulen gründen

Eine eigene Schule. Auf dem Firmengelände. Mit Öffnungszeiten so lang wie die Arbeitszeiten der Mitarbeiter. Mit praxisnahem Unterricht und individueller Förderung. In Englisch. Das soll funktionieren? Ja, sagt ein Dienstleister.

Das größte deutsche Bildungsunternehmen, die Stuttgarter Klett AG, bietet neuerdings Schulen in Kooperation mit Unternehmen an. „Da gibt es ein wachsendes Interesse, vor allem an einer internationalen Ausrichtung und an bilingualen Angeboten“, sagt Vorstandssprecher Philipp Haußmann, „und wir wollen der beste Dienstleister für Firmen auf diesem Gebiet sein.“ Es gebe konkrete Gespräche mit Unternehmen, ein schwäbischer Mittelständler etwa würde gern eine privat betriebene Grundschule und einen Kindergarten am Firmensitz haben. „Unternehmen sehen Schulen als Teil ihrer Corporate Social Responsibility“, sagt Haußmann, „die wollen ihre Mitarbeiter dabei unterstützen, Beruf und Familie besser zu vereinbaren.“

Eine unternehmenseigene Schule kann mehr sein als ein Incentive für berufstätige Eltern: Im besten Fall könnte damit der Nachwuchs fürs eigene Unternehmen herangezogen werden. Klett jedenfalls ist offen für Sonderwünsche. Wünscht etwa ein Autohersteller mehr Technikunterricht für die Kinder oder ein Chemieproduzent mehr Chemieunterricht, ließe sich das auch im Rahmen der staatlichen Lehrpläne umsetzen. Außerdem könnte man für Praxiskurse Werkstätten und Labore nutzen. „Durch den Ganztagsbetrieb haben wir mehr Spielraum“, sagt Haußmann. „Wir können Unternehmen ein maßgeschneidertes Angebot machen.“

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Erfahrungen in dem Segment haben die Stuttgarter bereits gesammelt mit der Swiss International School (SIS), von der Klett in Deutschland vier Einrichtungen in einem Joint Venture mit dem Schweizer Bildungsunternehmen Kalaidos betreibt. Diese Schulen, die eine Betreuung von 7.30 bis 18 Uhr anbieten, gründet Klett an wirtschaftsstarken Standorten, an denen sich mehrere Firmen zusammentun.

Was die Industrie wünscht

Zwei der SIS, in Ingolstadt und Friedrichshafen, sind auf ausdrücklichen Wunsch der Industrie vor Ort entstanden. In Ingolstadt hatten Unternehmen wie Audi, Media-Saturn, Bauer und Cassidian eigens einen Förderverein gegründet, um die Ansiedlung der bilingualen Ganztagsschule zu unterstützen. „Wir möchten damit die Region stärken, um hier attraktive Arbeitsplätze anbieten zu können“, sagt Stefan Reindl, Personalleiter des Bau- und Maschinenbaukonzerns Bauer. Und Ernst von der Heide, Bereichsleiter Personal bei Media-Saturn, sagt: „Die Schule erleichtert die Mitnahme der Familie beim Zuzug aus dem Ausland.“

Die Unternehmen unterstützen die Schule durch Sachspenden wie Computer oder Bücher, aber vor allem mit Stipendien für bedürftige Schüler. Auch haben Firmen zugesagt, Plätze an der Schule mit Mitarbeiterkindern zu belegen und die dafür fälligen Gebühren in Höhe von maximal 1010 Euro im Monat zu zahlen.

Noch din Kooperationen selten

In Friedrichshafen hatten Firmen wie ZF Friedrichshafen, Tognum und EADS Druck auf die Stadt gemacht; sie wollten am Standort eine internationale Schule haben – und sind bereit, dafür zu zahlen. „Wir haben beschlossen, die Swiss International School maßgeblich finanziell zu fördern“, heißt es bei ZF Friedrichshafen, konkreter will ein Sprecher das nicht beziffern. Immerhin besucht auch die Tochter von Rolf Lutz, Leiter des ZF-Bereichs Nutzfahrzeug- und Sonderantriebstechnik, die Schule.

Noch sind solche Kooperationen von Unternehmen für Bildungseinrichtungen selten. Die meisten Firmen sind eher noch damit beschäftigt, Betriebskitas einzurichten. Doch einzelne Konzerne wie etwa RWE schieben schon mal mehr oder weniger allein eine Schule an. Mit einer privaten Spende von 5 Mio. Euro hat RWE-Chef Jürgen Großmann die Gründung einer internationalen Schule in Essen vorangetrieben, unterstützt vom Initiativkreis Ruhr, einem Zusammenschluss regionaler Unternehmen.

Zum vergangenen Schuljahr startete die Einrichtung. „Der Bedarf ist groß“, sagt Walter Burk, Projektleiter beim Betreiber der Schule, der Schweizer Firma SBW Haus des Lernens. Internationale Schulen, deren Abschluss weltweit anerkannt ist, verlangen Gebühren von jährlich bis zu 15.000 Euro, die allerdings oft vom Arbeitgeber übernommen werden. Auch bei RWE gibt es Überlegungen, sich an den Kosten für Kinder von Mitarbeitern aus dem Ausland zu beteiligen. „Wir sind ein internationales Unternehmen, für uns ist die Schule Teil der strategischen Personalplanung“, sagt Wolfgang Straßburg von RWE.

Nicht alle diese Projekte gelingen. Der PME Familienservice, bundesweit größter privater Anbieter von betrieblicher Kinderbetreuung, hatte zum Schuljahr 2009/2010 eine Ganztagsschule in Berlin-Mitte eröffnet, die sich an berufstätige Eltern wandte und von Firmen unterstützt werden sollte. In diesem Sommer musste die Schule schon wieder schließen – wegen zu hoher Schulgebühren. Es gab zu wenig Firmen, die Plätze sponsern wollten.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 12/2011.

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