Unternehmen „Mode hat mich nie interessiert“

Eigentlich wollte er nur für ein Praktikum nach Schanghai. Dann stieg der Ecuadorianer Carlos Moncayo in China ins Geschäft mit Klamotten ein und wurde später "Asiens bester Jungunternehmer".

China war für mich ein Land, das ich aus Filmen kannte. Ich wusste fast nichts, als ich in Schanghai landete. Acht Wochen wollte ich bleiben für ein Praktikum, acht Jahre später bin ich immer noch da. Ich leite die von mir gegründete Unternehmensgruppe Asiam. Wir wickeln einen großen Teil des Textilhandels zwischen China und Südamerika ab.

Aber der Reihe nach. Die ersten 22 Jahre meines Lebens lebte ich in Quito, der Hauptstadt von Ecuador. Mein Vater ist Immobilienmakler, Hundezüchter und Kunsthändler. Als ich klein war, gab es ein besonderes Bonussystem: Auf dem Heimweg von der Schule hielt ich im Bus immer Ausschau nach neuen Baustellen. Mein Vater versuchte dann, Bilder an die Bauherren zu verkaufen. Klappte es, gab es extra Taschengeld. Das war recht einträglich für mich. Seitdem träumte ich von einem eigenen Unternehmen.

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Beim Jurastudium in den USA arbeitete ich für einen Professor, der unterschiedliche Rechtssysteme miteinander verglich. Ich übernahm China. Später bekam ich ein Stipendium, um die Sprache zu lernen. Ich bewarb mich bei 100 Kanzleien um ein Praktikum. Antworten bekam ich nur von fünf. Aber eine davon zählte zu den größten Kanzleien des Landes. So kam ich nach Schanghai und fing an, jeden Tag mit einem Lehrer Mandarin zu lernen und als Anwalt zu arbeiten.

Zu der Zeit, 2004, begannen immer mehr südamerikanische Firmen damit, in China Produkte und Waren einzukaufen. Es gab viele Missverständnisse zwischen Auftraggebern und -nehmern. Was fehlte, war ein Vermittler, der beide Seiten versteht. Da gründete ich Asiam. Ich arbeitete weiterhin zwei Stunden pro Tag für die Kanzlei, ohne Gehalt, dafür durfte ich aber den Rest des Tages meinen Schreibtisch weiter nutzen.

Los ging es mit Listen mit Hunderten Lieferanten, die für südamerikanische Textilfirmen arbeiten könnten. Heute gibt es dafür Internetsuchmaschinen, damals noch nicht. Dann begannen wir die Qualitätskontrolle für die südamerikanischen Einkäufer zu übernehmen. Wir spezialisierten uns immer stärker auf große bekannte Ketten mit vielen Filialen in ganz Südamerika. Heute betreuen wir für sie den gesamten Prozess, von den ersten Entwürfen bis zum Export. Wenn früher sechs Monate verstrichen von der Bestellung bis zum Schiffstransport, dann schaffen wir das heute in vier.

Brasilien ist unser größter Markt, etwa 60 Prozent unseres Umsatzes erzielen wir dort. Etwa 40 Mitarbeiter koordinieren unsere Aufträge in China und Südamerika. Als ich 2009 mit 27 Jahren zu „Asiens bestem Jungunternehmer“ gewählt wurde, war das eine besondere Ehre: Ich bin der erste Preisträger, der gar nicht in Fernost geboren worden ist.

Jetzt bauen wir eigene Modemarken auf. Funky Fish etwa ist in Südamerika und Israel erfolgreich. Damit expandieren wir nach Europa und Neuseeland. Bald könnten unsere eigenen Marken unsere größten Kunden sein. Nicht schlecht für einen, der sich nie für Mode interessiert hat.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 03/2012.

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