Unternehmen Nach Taifun Haiyan: „Du fühlst dich wie in einem Kriegsgebiet“

Taifun „Haiyan“ hat auf den Philippinen Chaos und Zerstörung zurückgelassen. Der deutsche Möbelhersteller Dedon hat dort seine Produktionsstätten. Geschäftsführer Hervé Lampert spricht im Interview über die Lage vor Ort und erzählt, wie er den Wirbelsturm erlebt hat.

Seit mehr als zehn Jahren produziert das Lüneburger Familienunternehmen Dedon auf der philippinischen Insel Cebu geflochtene Outdoor-Möbel für den internationalen Vertrieb. Cebu gehört wie zur zentralen Visayas-Inselgruppe. Diese wurde besonders schwer von Taifun „Haiyan“ getroffen. Die Stadt Tacloban, die fast völlig zerstört wurde, liegt auf der Insel Leyte, etwa 150 Kilometer von Cebu City, dem Produktionsstandort von Dedon entfernt.

Von Anfang an war es der Firma ein Anliegen, sich vor Ort zu engagieren. In der März-Ausgabe stellte impulse ein Rehousing-Projekt vor, an dem sich Dedon beteiligt; Familien, die bisher auf Mülldeponien ein menschenunwürdiges Dasein gefristet haben, bekommen in einem neu gegründeten Dorf die Chance auf einen Neuanfang. Die Menschen wurden von Dedon beim Bau der neuen Häuser unterstützt, in einer Kooperative betreiben sie Landwirtschaft. Eine Geschichte, die Hoffnung macht.

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Ganz anders die Bilder und Nachrichten von den Philippinen, die aktuell in den Nachrichten zu sehen sind: Sie zeigen Chaos und Zerstörung. Sarah Katharina Schmidt hat mit Geschäftsführer Hervé Lampert über die Lage vor Ort gesprochen.

 

 

Herr Lampert, Sie sind schwer zu erreichen. Wo befinden Sie sich gerade?

Ich bin eben nach Cebu City zurückgekommen. Zusammen mit Firmengründer Bobby Dekeyser war ich in den am schlimmsten betroffenen Krisenregionen. Wir waren in Tacloban, der Stadt, die der Taifun komplett dem Erdboden gleich gemacht. Mit dem Flugzeug haben wir Wasser, Nahrung und Medikamente gebracht und uns erkundigt, wie wir dort in Zukunft unterstützen können. Danach waren wir noch im Norden der Insel Cebu.

Wie ist die Situation dort?

Dramatisch. „Haiyan“ hat alles zerstört, Häuser, Kirchen, Warenlager. Es gibt dort keine einzige Schule mehr, die noch ein Dach hat. Du fühlst dich wie in einem Kriegsgebiet, als hätte eine Atombombe eingeschlagen. Einige unserer Mitarbeiter kommen aus der Region, das macht es uns leichter zu helfen.

Ortskenntnis ist sicher hilfreich.

Ein Freund meines Patenonkels arbeitet bei einer französischen Hilfsorganisation. Die haben mich angerufen und gefragt, wo sie unterstützen können. Wir haben den Kontakt hergestellt, unsere Mitarbeiter haben das Team beim Bürgermeister vorgestellt, um alle bürokratischen Fragen zu klären. Jetzt sind 16 Leute im Einsatz – Ärzte, Ingenieure, Techniker. Vorhin waren sie gerade dabei, Bäume zu zersägen und abzutransportieren, die auf eine Halle gestürzt waren.

Wie hilft Dedon?

Morgen in aller Frühe starten wir mit einem großen Konvoi. Mit vier Lastwagen bringen wir Matratzen, Decken, Zelte und andere Hilfsgüter. 75 Dedon-Arbeiter werden Lebensmittelpakete für 4000 Leute verteilen. Das ist ein Anfang, aber wir werden nicht einfach nur Essen und Wasser bringen und dann wieder verschwinden. Cebu ist unsere zweite Heimat. Wir planen gerade, was wir mittel- und langfristig tun können.

Zum Beispiel …

Am dringendsten ist es, zentrale Orte wie die große Sporthalle zu sichern, die das französische Hilfsteam gerade von den umgestürzten Bäumen befreit. Beim Krankenhaus fehlen das Dach und mehrere Wände. Das wollen wir reparieren. Danach die Schulen, damit die Kinder in ein paar Wochen wieder zur Schule gehen können und zumindest ein bisschen zum normalen Leben zurückkehren. Im Moment sitzen sie auf der Straße und beobachten was passiert.

Viele Helfer beklagen die schlechte Organisation vor Ort, die bürokratischen Hürden. Macht die philippinische Regierung genug?

Ja und nein. Letztlich muss man das für die einzelnen Personen differenziert betrachten. Heute im Norden von Cebu habe ich erlebt, was für eine großartige Arbeit der Ortsvorsteher und seine Frau, eine Krankenschwester, machen. Sie haben ein Lager eingerichtet, in dem 2000 Leute aus Tacloban versorgt werden. Dann gibt es aber auch die Politiker, die jetzt, Tage nach dem Unglück noch immer über das Vorgehen diskutieren, statt zu handeln.

Es fehlt ein Plan für eine solche Katastrophe?

Das haben wir gemerkt, als wir uns um das französische Hilfsteam gekümmert haben, es gab einfach niemanden, der ihnen sagen konnte, wo sie benötigt werden. Die Hilfe aus dem Ausland ist großartig. Am Flughafen, wo sonst jeden Tag acht Flieger ankommen, starten und landen gerade alle zwei Minuten Flugzeuge. Die US-Armee war einen Tag nach „Haiyan“ mit Dutzenden Maschinen vor Ort – sie liefern Hilfsgüter in die Krisenregionen und fliegen auf dem Rückweg Menschen aus. Die Lufthansa, aber auch Dubai und Abu Dhabi haben Flugzeuge geschickt. Die Israelis haben 68 Ärzte und ein ganzes Krankenhaus nach Cebu gebracht. Die koordinieren sich einfach selbst, die wissen, wo sie hinmüssen und machen einfach.

Die Philippinen werden regelmäßig von Taifunen heimgesucht – hätte man sich nicht besser vorbereiten können?

Ich lebe jetzt seit 13 Jahren auf den Philippinen – die meisten Taifune waren sehr viel schwächer und die meisten ziehen an Cebu vorbei. Hätte „Haiyan“ Cebu mit voller Wucht erwischt, ich bin sicher, auch hier hätte es ein Desaster gegeben. Auf so etwas kann man sich nicht vorbereiten. Diese Dimension war neu.

Wie haben Sie den Wirbelsturm erlebt?

Das Gute war: Wir wussten, dass der Taifun kommt. Im Internet konnte man sich informieren. Vier, fünf Tage vorher wussten wir, dass der Taifun besonders heftig wird. Speziell als Expatriate nimmt man solche Warnungen sehr ernst. Wir haben mit unseren Leuten gesprochen, alle Arbeiter informiert. Am Tag vorher haben wir die Fabrik geschlossen, damit alle nach Hause gehen und ihre Familien in Sicherheit bringen können. In der Fabrik haben wir alles von den Fenstern weggerückt, die Maschinen auf Tische gestellt – für den Fall, dass Wasser eindringt. Wir haben die Computer gesichert, die Server runtergefahren. Ähnlich sind mein Bruder und ich dann auch bei unseren eigenen Häusern vorgegangen.

Wenn dann so ein Sturm über einen hinwegfegt, ist das vermutlich dennoch sehr bedrohlich.

Ich bin mit meiner Frau und den Kindern den ganzen Tag im Erdgeschoss geblieben. Das war das Sicherste, was wir tun konnten. Draußen bogen sich die Bäume zur Erde, überall flogen Äste herum, der Sturm peitschte den starken Regen horizontal durch die Luft. Das war wirklich heftig. Und dann realisierst du, das sind 250 km/h Windgeschwindigkeit, im Norden hatten sie bis zu 375 km/h.

Und am Tag darauf war dann alles überstanden?

Das Verrückte war, dass wir strahlenden Sonnenschein hatten, kaum ein Wölkchen am Himmel – als wäre nichts gewesen. Doch überall lagen Sachen herum, die Straßen waren komplett grün voller Blätter, Zweige und ganzer Bäume. Kurzzeitig hatten wir auch in Cebu City kein fließend Wasser, zwei Tage lang ist der Strom ausgefallen. An der Fabrik waren auch nur kleinere Dinge kaputt – am Montag konnten wir wieder mit der Arbeit anfangen.

An „business as usual“ war aber vermutlich nicht zu denken.

Zur ersten Schicht fehlten 40 Leute. Unsere Personalabteilung hat dann erst einmal alle abtelefoniert. Gott sei Dank gab es keine Todesopfer. Nach drei Tagen hatten wir eine Übersicht. 135 Mitarbeiter haben ihr Dach oder ihr gesamtes Zuhause verloren.

Die neuen Häuser im Rehousing-Projekt haben aber dem Sturm standgehalten?

Zum Glück. Allen geht es gut. Bei einem der Häuser haben sich die geflochtenen Wandpaneele gelöst, aber das war alles. Das Projekt entwickelt sich wirklich toll, der Gemüseanbau läuft, jetzt haben die Familien auch Schweine und Hühner – alles bio. Ich war wirklich beeindruckt, als ich das letzte Mal dort war.

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