Unternehmen Nachwuchs dringend gesucht

Krisenfeste Geschäfte, schwächeres Wachstum, höhere Anforderungen an künftige Partner - was das diesjährige Top-100-Ranking über die Branche verrät.

Verführerische Zahlen

Die Gesamtzahlen sind beeindruckend: Fast 1000 Franchisesysteme gibt es in Deutschland: mit 67.000 Franchisenehmern, fast 500.000 Mitarbeitern und einem Umsatz von mehr als 60 Mrd. Euro. So die offiziellen Zahlen für das Jahr 2011, erfasst vom Internationalen Cen­trum für Franchising und Cooperation in Münster für den Deutschen Franchise-Verband. Wer allerdings genauer hinschaut, dem offenbart sich, wie unterschiedlich die einzelnen Systeme dastehen: Sichtbar werden etablierte Ketten, die unter anderem aufgrund gesättigter Märkte nur noch langsam wachsen; einst erfolgreiche Systeme, die bereits seit Jahren schrumpfen; Ketten, die mit großem Elan an den Start gehen, sich dann aber leise wieder zurückziehen, wenn sie an der Expansion scheitern. Und junge Akteure, die mit zum Teil exzellenten ­Ideen auf den Plan treten, dynamisch wachsen und eine große Anziehungskraft für neue Franchisenehmer entwickeln.

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Wer also überlegt, selbst in die Branche einzusteigen, sollte sich nicht von pauschalen Zahlen blenden lassen, sondern sich im Detail informieren – zumal nicht jeder Unternehmertyp zu jedem Geschäftsmodell passt und ein eta­bliertes Konzept noch keine Erfolgsgarantie mit sich bringt. Das jährliche impulse-Ranking der besten Franchisesysteme, dem eine aufwendige Analyse aus Kennzahlen und Expertenbewertungen zugrunde liegt (Informationen zu den Kriterien auf Seite 36), will einen Beitrag dazu leisten, mehr Transparenz zu schaffen und Orientierung zu geben.

Boom der Fitnessketten

Die neue Rangliste zeigt vor allem einen übergreifenden Trend: Den Systemen fällt es zunehmend schwer, weiter zu wachsen – eine schlechte Nachricht für potenzielle Franchisenehmer, die sich Hoffnung auf einen Einstieg machen. Je weniger Neue ein System aufnimmt, desto geringer sind die eigenen Chancen. Schnell wachsende Systeme wie die Fitnesskette Mrs. Sporty (Platz 1), der Reifenservice Premio (17) oder – neu im Ranking – der Immobilienberaterverbund DIV (65) und Planer am Bau, ein Qualitätsmanagementsystem für Architekten und Ingenieure (76), sind eher die Ausnahme. Viele Systeme, etwa der Hausbauer Town & Country (4) oder der Immobilienmakler Re/Max (11), wachsen zwar weiter, aber längst nicht mehr so stark wie in der Vergangenheit.

Dass es gerade Mrs. Sporty – nach Top-Ten-Platzierungen in den vergangenen Jahren – erstmals auf Platz 1 schafft, spiegelt einen ­gesellschaftlichen Trend wider. Das Segment boomt: Ende 2011 waren hierzulande mehr als 7,6 Millionen Menschen Mitglied in einem Fitnessstudio, 600.000 mehr als ein Jahr zuvor. Auch andere Fitnessketten profitieren davon und rücken im Ranking nach vorn: Bodystreet schießt auf Platz 25 (von 86), Clever fit auf Platz 58 (von 88), Easy Fitness, zuletzt nicht in den Top 100, schafft es immerhin auf Platz 83. Etwas an Boden verliert indes Injoy. Die Fitness­kette wächst zwar weiterhin kontinuierlich, rutscht aber von Platz 26 auf Platz 48 ab, auch weil Franchisenehmer künftig sehr viel höhere Investitionen („ab 500 000 Euro“) vornehmen müssen – was die Attraktivität für Neueinsteiger mindert und dem System im Ranking weniger Punkte beschert. Injoy steht damit nicht ­allein (einen detaillierten Überblick über Investitionssummen, Gebühren und Dienstleistungen wichtiger Franchisesysteme veröffentlichen wir in der Oktoberausgabe).

Zu optimistische Prognosen

Die Anforderungen steigen – nicht nur ­finanziell. Viele Systeme hatten zuletzt Schwierigkeiten, ausreichend qualifizierte Franchisenehmer zu finden. Oder trennten sich bewusst von Partnern. Die Zahlen zumindest sind ernüchternd: Die Fast-Food-Ketten Burger King und Subway etwa meldeten zuletzt weniger Franchisenehmer und rutschten – auch deshalb – im Ranking ab (von Platz 8 und 17 auf 29 und 28). Den wenigsten Systemen ist es gelungen, ihre Wachstumsprognosen zu erfüllen. Einige wie Town & Country Haus (4) oder der Renovierer Portas (9) halten an überaus optimistischen Prognosen fest, erhalten dafür im Ranking aber, wenn die Zahlen nicht plausibel erscheinen, einen Punktabzug. Fragwürdig erscheinen allzu rosige Wachstumsprognosen vor allem dann, wenn die Systeme zuletzt gar nicht mehr gewachsen, sondern – zum Teil über Jahre hinweg – geschrumpft sind, also weniger Vertragspartner haben. Beispiele sind der Telekommunikationsdienstleister Mobilcom-Debitel (von 16 auf 27), die Musikschule Fröhlich (28 auf 48) oder das Sonnenstudio Sunpoint (45 auf 73). Sie verlieren im Ranking zum Teil deutlich an Boden.

Viele Systeme reagieren auf das schwächere Wachstum, schrauben ihre Prognosen zurück und warten mit realistischeren Zahlen auf: Die Optikerkette Apollo (7) etwa rechnete vor einem Jahr noch mit 180 Franchisenehmern bis Ende 2013, jetzt werden bis Ende 2014 nur noch 160 angepeilt, Re/Max (11) hat sein Ziel für die nächsten drei Jahre von 350 auf 300 ­herabgesetzt, der Pizzabringdienst Joey’s Pizza (9) von 150 auf 145, der Raumdeckenspezialist Plameco (14) von 150 auf 140.

Laxe Partnerauswahl

Auch wenn die Chancen, in ein System einzusteigen, für potenzielle Franchisenehmer bei geringerem Expansionstempo kleiner werden – für das System selbst kann ein schwächeres Wachstum sehr heilsam sein. Viele Ketten sind zuletzt zu schnell gewachsen, eine zu laxe Auswahl geeigneter Partner rächt sich jetzt. Eine Konsolidierung bietet die Chance, sich für die Zukunft stabiler aufzustellen – und auch künftigen Franchisenehmern bessere Chancen zu bieten.

Ein langsameres Wachstum muss zudem nicht immer ein Zeichen der Schwäche sein – wie die großen etablierten Systeme zeigen (siehe ihre guten Platzierungen in den Top-Ten-Listen rechts). Neueinsteiger haben es aber schwer. Der Tiernahrungshändler Fressnapf zum Beispiel, auf Platz 5 im Gesamtranking, sucht künftig jedes Jahr nur eine Handvoll Partner. Auch McDonald’s (Platz 3 im ­Gesamtranking, die Nummer eins in der Gastronomie) kann nicht mit Dynamik punkten, dafür ist der Markt zu gesättigt und die Kette mit 1415 Restaurants hierzulande bereits zu stark präsent. Gerade einmal vier neue Franchisenehmer wurden 2011 in der McFamily ­begrüßt – bei 2000 Bewerbern (siehe die Titelgeschichte ab Seite 18). Punkten kann die Kette dafür umso mehr beim Verdienst und der Stabilität des Geschäftsmodells.

Wachstum entsteht in diesen ausgeklügelten Systemen vor allem über Produktinnovationen – und dem Unternehmergeist der Fran­chisenehmer. Wenn sie gut sind, haben sie oft die Möglichkeit, weitere Standorte zu eröffnen und so den Umsatz hochzuschrauben. Für New­comer ist das allerdings Zukunftsmusik, sie müssen zunächst den Einstieg schaffen. Dazu bedarf es nicht nur einer nüchternen Einschätzung der eigenen Stärken und Schwächen, sondern auch möglichst guter Informationen über interessante Systeme.

Mehr Standorte

Mit Transparenz allerdings, auch das zeigt das Ranking, tun sich immer noch viele schwer. Umsatzzahlen werden oft zurückgehalten (was in der Bewertung zu einem Punktabzug führt), die Selbstbedienungsbäckereikette Back-Fac­tory (21) zierte sich sogar, die aktuelle Anzahl der Franchisenehmer anzugeben – dabei wäre es gerade in einer Phase des Umbruchs und der Konsolidierung wichtig, transparent Auskunft zu geben. Auch wenn der Wettbewerb unter­einander zuweilen mit harten Bandagen aus­getragen wird – gegenüber künftigen Partnern bedarf es voller Transparenz. Nur so können potenzielle Franchisenehmer einschätzen, worauf sie sich einlassen. Und auf Dauer – das zeigen die Erfahrungen der Vergangenheit – sind nur die Systeme nachhaltig erfolgreich, bei denen Franchisegeber und ihre Partner gleichermaßen profitieren.

Die Methodik

Die Franchise-Top-100-Analyse
Kriterien
Bewertet werden 13 Kriterien in fünf Bereichen, wovon drei auf einer Kennzahlenanalyse, zwei auf Expertenbewertungen basieren. Punktabzug gibt es bei unvollständigen Angaben im Fragebogen. Verschiebungen im Ranking bei gleicher Punktzahl kann es geben, wenn neue Systeme sich beteiligen oder etablierte – wie in diesem Jahr etwa ­Vapiano, Tchibo oder Pirtek – aussetzen.
Stabilität
Bewertet werden Firmenalter, Partneranzahl und Umsatz der Zentrale. Ein System, das lange aktiv ist, punktet stärker als ein junges; ein großes stärker als ein kleines. Und je mehr eine Zentrale etwa durch Gebühren oder Warenlieferungen einnimmt, desto professioneller, so die Annahme, kann sie auch als Dienstleister für Partner auftreten. (max. 30 Punkte)
Dynamik
Bewertet werden reales und geplantes Wachstum. Überzogene Expansionspläne führen zu Punktabzug. Wachsende Ketten, die vielen Newcomern eine Chance bieten, punkten stärker. (max. 20 Punkte)
Verdienst
Je weniger Franchisepartner investieren müssen, ­desto mehr Punkte erhält ein System. Bewertet werden auch Expansions- und Verdienstchancen: Wer Partnern mehrere Standorte erlaubt, punktet mehr. (max. 20 Punkte)
Markt
Das Marktumfeld wird von den Branchenexperten bewertet: Wie erfolgreich ist die Geschäftsidee? Hat sie als Franchisesystem Zukunft? Und wie stark ist die Konkurrenz? (max. 30 Punkte)
Attraktivität
Auch dieser Aspekt wird von Experten bewertet: Wie attraktiv ist ein System für neue Partner? Lohnt sich ein finanzielles Engagement? Wie stark ist die Marke? Wie zufrieden sind die Partner? Und gibt es aktuelle ­Ereignisse, die die Attraktivität ­eines Systems verändern? (max. 30 Punkte)
Experten
Zum Gremium, das unabhängig voneinander die Systeme bewertet, gehören Marco Hero (Kanzlei Tigges Rechtsanwälte), Dr. Dagmar Waldzus (Kanzlei Buse Heberer Fromm), die Franchiseberater Jörg Eckhold, Felix Peckert und Reinhard Wingral, Dr. Martin Ahlert (Internationales Centrum für Franchising und Cooperation, Uni Münster), Prof. Dr. Roland Mattmüller (European Business School), Stephan Jansen (Verband Dt. Bürgschaftsbanken), Holger Schwabe (KfW Bankengruppe) und impulse. Die Redaktion gründet ihre Bewertung auf Recherchen und bezieht die Expertise des Deutschen Franchise-Verbands ein.
Hinweis
Mehr zu diesem Thema erfahren Sie in der impulse-Ausgabe 09/2012.

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