Unternehmen Probleme überschatten EU-Beitritt Kroatiens

Europa hat Nachwuchs bekommen: Kroatien ist als 28. Staat der EU beigetreten und gilt sofort als Sorgenkind. Künftig können aber gerade deutsche Firmen an der Adria Erfolge feiern.

Steil fallen die Berge an Kroatiens Küste ins Meer. Die Landschaft rund um das Küstenstädtchen Senj ist karg, kein Baum stört den Ausblick. Die Wellen der blauen Adria schlagen auf dem Strand auf, am Horizont schimmern die Umrisse der Insel Krk in der Sonne. Schön hier. Doch dafür hat Hermann Wallenborn gerade gar keinen Blick.

Eilig marschiert der Dresdner Unternehmer von einem Windrad zum nächsten. 14 Anlagen, alle rund 18 Meter hoch, hat Wallenborn in die Landschaft gesetzt. Die Bora-Winde, die bis zu 200 Stundenkilometer erreichen, sorgen für eine traumhafte Energieausbeute. Der Windpark Senj gehört zu den ersten Windkraftparks in Kroatien, er kann 40 000 Haushalte mit Strom versorgen. Wallenborns Firma betreibt alles in Eigenregie. Ein gewagtes Projekt. „Der Standort ist ambitioniert“, sagt er.

Anzeige

Was für eine Untertreibung. Kroatien steckt in einer hartnäckigen Rezession fest. Die Wirtschaft schrumpft schon seit 2009, vergangenes Jahr ging es wieder um 2 Prozent hinab. Die Schulden dagegen wachsen. Nach einer Umfrage der Deutsch-Kroatischen Industrie- und Handelskammer (DKIHK) im März 2013 beurteilen 84 Prozent der Mitglieder die wirtschaftliche Lage des Landes als schlecht. Die Arbeitslosenquote pendelt um die 20 Prozent, bei den Jugendlichen ist sie noch viel höher.

Keine rechte Feierstimmung

Es liegt an diesen Zahlen, dass keine rechte Feierstimmung aufkommen mag, obwohl Kroatien es endlich geschafft hat: Seit dem 1. Juli ist das Land 28. Mitgliedsstaat der Europäische Union und mit ihm 4,5 Millionen Kroaten. Zwar lobt die EU-Kommission das Reformtempo des Landes und bescheinigt Kroatien, bereit zu sein, seinen Platz in der Gemeinschaft einzunehmen. Doch in Europa überwiegt die Sorge, sich mitten in der ungelösten Schuldenkrise das nächste Problemkind in die Familie zu holen.

Für Unternehmertypen wie Hermann Wallenborn wirkt die Skepsis der anderen wie eine Aufforderung. „Wir konnten uns sehr attraktive Flächen für künftige Windparks sichern, solange es kaum Konkurrenten gab“, erzählt er. Als er vor Jahren nach Kroatien ging, war das Land noch gezeichnet vom Zerfall Jugoslawiens und dem Bürgerkrieg. Investoren und Geldgeber schüttelten nur ungläubig den Kopf, wenn er von seinen Plänen erzählte. Nun kann Wallenborn beruhigt in die Zukunft blicken. Mit dem Beitritt zur Union sind seine Investitionen im Land nach EU-Recht geschützt.

Mit der Abschaffung der Grenzen wird die zeitraubende Zollabwicklung wegfallen, das spart Kosten. „Alles wird leichter“, freut sich auch Armin Reiche, Geschäftsführer der Duran Group, die in Kroatien Laborgläser produziert. „Wir exportieren 97 Prozent unserer Produkte, da spielt das Ende der Zollabfertigung eine große Rolle.“ Und die Anpassung der Gesetze an EU-Standards dürfte mittelfristig zum Abbau bürokratischer Hürden und zum Rückgang der Korruption führen.

Die Deutschen kommen

„Der Beitritt bedeutet mehr Rechtssicherheit“, bestätigt Gunther Neubert von der Handelskammer in Zagreb. „Es ist klar, in welche Richtung sich das Land entwickeln wird. Das macht Kroatien für Investoren und Unternehmer plötzlich interessant.“ So könnte der EU-Beitritt der kroatischen Wirtschaft beinahe automatisch einen Wachstumsschub bescheren. In einigen Sektoren zeichnet sich der Boom bereits ab. Beispiel Tourismus: Während vor zehn Jahren etwa sieben Millionen ausländische Touristen im Land Urlaub machten, waren es 2012 bereits mehr als zehn Millionen, viele davon aus Deutschland. Das lockt Hotelketten und Reiseveranstalter ins Land. Für die Tourismusbranche ist der schlagzeilenträchtige EU-Beitritt Kroatiens eine gute Werbung.  „Wir rechnen mit einem steigenden Interesse der deutschen Kunden“, sagt Josip Sojat, Geschäftsführer des Apartment-Vermieters Adrialin.

Auch die deutsche Industrie dürfte sich an der Adria zunehmend wohlfühlen. Für die exportstarken Hightech-Anbieter ist Kroatien ein Wachstumsmarkt in Wartestellung, auf dem sie bald ihre Stärken ausspielen können: erneuerbare Energien und Energieeffizienz. Vor allem die Windkraftindustrie steht im Südosten Europas vor einer einmaligen Gelegenheit. Mehr als 40 Prozent seines Stroms musste Kroatien bislang aus dem Ausland einkaufen. Ein enormes Energiedefizit. Nun will Zagreb mit der Windkraft die Importabhängigkeit verringern.

Attraktive Einspeisevergütungen für Windkraftanlagen

Rund 200 neue Windkraftprojekte sind in Vorbereitung, fast alle davon an der Küste. Um Investoren zu gewinnen, wurden erst kürzlich attraktive Einspeisevergütungen festgelegt, die für die nächsten 14 Jahre garantiert sind. „Damit hat Kroatien seinen Kurs bekräftigt, Investitionen in erneuerbare Energien zu fördern“, freut sich Andreas Chollet vom Windkraft-Unternehmen wpd. Die Bremer haben vergangenes Jahr bei Sibenik bereits ihren dritten Windpark in Kroatien eingeweiht.

Bislang ist die Planung solcher Megaprojekte in Kroatien nur etwas für Hartnäckige. Im Doing Business Report der Weltbank liegt das Land abgeschlagen auf Platz 80, was bedeutet: Um hier Geschäfte zu machen, braucht es einen langen Atem. „Das Problem in Kroatien ist weniger die Korruption“, erzählt Unternehmer Wallenborn – wobei auch die für europäische Verhältnisse geradezu grassiert. „Es ist die mangelnde Abstimmung verschiedener Verwaltungsebenen. Oft weiß die eine Hand nicht, was die andere tut.“ Der Erwerb neuer Flächen, die Umweltverträglichkeitsprüfung und andere Genehmigungen dauern deutlich länger als in Deutschland.

Beginn eines Baubooms

Doch auch hier tut sich etwas.Die Regierung in Zagreb hat das Tokio-Protokoll unterzeichnet und sich verpflichtet, den Ausstoß an Treibhausgasen bis 2020 um 20 Prozent zu senken. Um das zu erreichen, müssen viele Genehmigungsverfahren einfacher, muss die Verwaltung insgesamt effektiver werden. „Der Staat bemüht sich sehr, die Auflagen zu erfüllen. Die Vergütung wird immer pünktlich und ordentlich ausgezahlt, daran können sich die Deutschen ein Beispiel nehmen“, sagt Hermann Wallenborn. Überhaupt sei der Umgang mit der Windkraft ein anderer hier am Rande der Europäischen Union. „In Kroatien werden wir von der Bevölkerung mit offenen Armen empfangen“, sagt Wallenborn. „Die Leute in Senj sind froh, dass es keine Stromausfälle mehr gibt. Und die Stadt profitiert von unseren Abgaben.“ Bürgerproteste gegen Windparks, die zwischen Rhein und Oder zum Alltag gehören, hat er hier nicht zu befürchten.

Um nicht nur mehr Energie zu erzeugen, sondern auch zu sparen, hat die Regierung längst ambitionierte Pläne zur umfangreichen Sanierung von Gebäuden in der Schublade. Bislang fehlte es aber am Geld für die Umsetzung. „Nach dem Beitritt kann der Bereich weitgehend aus EU-Mitteln finanziert werden“, sagt Gunther Neubert von der Handelskammer in Zagreb. „Die großen Aufträge dürften international ausgeschrieben werden. Der Sektor wird boomen.“

Vor allem bei der Sanierung von 11 000 öffentlichen Gebäuden könnten deutsche Firmen zum Zuge kommen. Die umweltgerechte Umrüstung ist eine Spezialität der Deutschen: Seit der Wiedervereinigung wurden in der ehemaligen DDR Millionen Quadratmeter Wohn- und Industrieraum saniert, die Unternehmen haben dabei neue Erfahrungen gesammelt und Technologien entwickelt. Nun kann dieses Wissen in Kroatien eingesetzt werden, wo etwa 85 Prozent der Bausubstanz nicht den modernen Wärmeschutzstandards entspricht. Auch die einheimische Industrie muss ihre Anlagen modernisieren und Energiekosten senken, um auch ohne Zölle wettbewerbsfähig zu bleiben.

Positive Prognose

Es überrascht also nicht, dass in diesen Tagen viel Schlechtes über den EU-Debütanten zu lesen ist. Doch die Unternehmer vor Ort zeichnen ein anderes Bild von Kroatien. Die Mehrheit ist überzeugt, dass sich der Beitritt positiv auf ihre Geschäfte auswirken wird. Die Verkehrsinfrastruktur ist gut entwickelt, die Häfen und die Telekomnetze sind ausgebaut. Kroatiens Bevölkerung ist gut ausgebildet, viele Menschen sprechen mehrere Fremdsprachen. „Es gibt sehr gute Arbeitskräfte hier, die bereit sind, Leistung zu bringen“, sagt Armin Reiche von der Duran Group. „Kroatien wird in der EU seinen Platz finden.“

Auch Windradbauer Wallenborn hat viel vor: Sechs weitere Großprojekte hat er angeschoben. Die neuen Wettbewerber, die nach dem EU-Beitritt aus aller Welt nach Kroatien strömen werden, fürchtet er nicht. „In Deutschland haben wir 20 Jahre Erfahrung mit erneuerbaren Energien“, sagt der Ingenieur. „Das sind zehn Jahre Vorsprung gegenüber der Konkurrenz aus anderen Ländern.“ Und außerdem: Die deutsche Gründlichkeit – die sei auch in Kroatien ein unschätzbares Verkaufsargument.

 

imp_201307_100Mehr dazu sowie über das Baltikum als kleines, aber feines Ziel für Investitionen lesen Sie im aktuellen impulse-Magazin
Abonnenten erhalten die neueste Ausgabe jeden Monat frisch nach Hause geliefert. Und über die impulse-App für iOS- und Android-Geräte können Sie die neuen Ausgaben im PDF-Format herunterladen und bequem auf Tablet oder Smartphone lesen.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...