Unternehmen Neustart am Nil

In Ägypten erfasst die Aufbruchstimmung des Arabischen Frühlings die Wirtschaft. Junge Unternehmer nutzen die gewonnene Freiheit. Auch deutsche Firmen profitieren.

Die Pyramide im Westen von Kairo, die Mohamed Mohsen stolz seinen Besuchern zeigt, ist aus Glas. Ein langer Tunnel führt hinein, dann öffnen sich die Türen ins Heiligste: zur Kantine des „Smart Village“. Hier kräftigen sich die vielen Gründer und Programmierer für ihre Mission: den modernen Industriepark aus Glasfassaden, großen Grünflächen mit Palmen und künstlichen Gewässern in ein nordafrikanisches Silicon Valley zu verwandeln.

Rund 100 Technologiefirmen, darunter Microsoft, Intel und IBM, sind schon da. Mohamed Mohsen, der für das Technology Innovation and Entrepreneurship Center der Regierung arbeitet, hilft kleineren Firmen dabei, sich ebenfalls hier anzusiedeln. Inzwischen arbeiten Tausende Fachleute im Smart Village, entwickeln zum Beispiel neue Programme für Smartphones und Tablets. Trotz leerer Staatskassen fördert Ägypten diese Technologien.

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„Die Zahl der Bewerber für die Förderung steigt jedoch schneller als unsere Mittel.“ Denn statt wie jahrzehntelang üblich einen sicheren Job im Staatsdienst anzustreben, setzen immer mehr Universitätsabsolventen ihre eigenen Ideen um. „Der gesellschaftliche Aufbruch ist in der Wirtschaft zu spüren“, sagt der Unternehmer Mohamed El Sawy, der eine der größten Werbeagenturen des Landes führt. „Menschen, die nie daran gedacht hätten, nehmen ihr Schicksal plötzlich selbst in die Hand. Viele von ihnen sind jung und gründen Firmen.“

Nachbarland
An den Außengrenzen der EU gelegen positioniert sich Ägypten nicht nur als günstiger Produktionsstandort auf der anderen Seite des Mittelmeers. Auch der riesige Absatzmarkt lockt.

Diese ägyptische Aufbruchstimmung ist es, die auch Usama Abu-Pascha auf Trab hält. Der Geschäftsführer von Exelution, einer deutschen Agentur für digitales Marketing, verbringt beinah so viel Zeit in Kairo wie in der Zentrale in München. „Als die Revolution ausbrach, hatten wir gerade mit dem Aufbau eines Büros in Kairo begonnen“, erzählt Abu-Pascha, der zum Teil in Ägypten aufwuchs und dort studierte. Mit dem Aufstand der ägyptischen Jugend vervielfachte sich die Zahl der Nutzer sozialer Netzwerke.

Die Revolutionäre umgingen den Staat, organisierten Massendemonstrationen mithilfe von Facebook, formierten sich per Twitter bei Straßenschlachten gegen die Sicherheitskräfte und verbreiteten über Youtube Bilder von den Gräueltaten der Polizei. Facebook konnte in Ägypten in wenigen Monaten die Zahl seiner User verdoppeln. Das blieb auch den werbetreibenden Unternehmen nicht verborgen. Der deutsche Mittelständler Exelution profitiert nun davon, indem er neue Formen der Werbung ermöglicht. „Die Begeisterung für Facebook, Twitter und andere Social Media beschränkt sich nicht nur auf politischen Aktivismus während der Revolution“, sagt auch Mohamed Mohsen.

Größter Markt der arabischen Welt

Moderne Apartments schießen vor allem in Kairo aus dem Boden, dorthin zieht es die jungen, gut ausgebildeten Leute, die zunehmend in der Dienstleistungsbranche arbeiten. „Mehr als 90 Prozent unserer Angestellten in Kairo sprechen fließend Deutsch“, erzählt Nick Pointon, Manager der Kairoer Niederlassung von SQS. Das Kölner Unternehmen testet im Auftrag seiner Kunden wie Volkswagen oder Daimler deren Computersysteme und Software. Seit 2008 ist SQS in Ägypten, rund 150 Computerspezialisten arbeiten in dem Büro in Kairo.

Viele Mitarbeiter sind auf eine der deutschen Schulen gegangen oder haben an der German University in Cairo studiert, die 2003 eröffnet wurde. Was aber nicht heißt, dass sich deutsche Manager vor Ort wie zu Hause fühlen würden. „Ein effizient durchgetakteter Tagesplan mit drei Kundengesprächen hintereinander, wie man das in Deutschland gewohnt ist, ist in Kairo schon aufgrund des unberechenbaren Verkehrs unmöglich“, erzählt Werbeprofi Usama Abu-Pascha von der Münchner Agentur Exelution.

Zwischen Chaos und Aufbruch

Trotz der Hektik wirkt Abu-Pascha kein bisschen gestresst, als er mittags in einem Café in der Kairoer City sitzt. Das sei die „ägyptische Mentalität“, die Gelassenheit, die er in den vergangenen Jahren angenommen habe, erzählt er lachend. Anders könne man in der Metropole gar keine Geschäfte machen. In der Innenstadt sind die Auswirkungen der politischen Instabilität noch zu sehen. „Schau dir dieses Chaos an!“, schimpft Souvenirhändler Hossam. Er sitzt auf einem klapprigen Stuhl vor seinem Basar direkt neben dem berühmten Café Riche nahe der Haupteinkaufsstraße Talaat Harb, raucht eine Zigarette nach der anderen und zeigt auf die Schwarzhändler, die ungehindert importierte Ramschwaren von T-Shirts bis zu Elektronik und Haushaltswaren mitten auf dem einstigen Vorzeigeboulevard auf dem Boden ausbreiten.

Während Händler Hossam von den nur zögerlich nach Ägypten zurückkehrenden Touristen lebt, setzt Abu-Pascha auf die wachsende Mittelschicht des Landes. Mit steigendem Konsum wachsen auch die Werbeetats. „Die Ägypter sind empfänglicher für Onlinemarketing als Europäer“, erzählt Abu-Pascha, während er seinen Kaffee schlürft. So würden Werbeanzeigen auf Websites häufiger angeklickt, und diese Klicks führten zu mehr Onlineumsätzen. Das Potenzial für modernes Marketing sei riesig. „Unabhängig von der allgemeinen Konjunktur wird es hier eine Umschichtung bei den Marketingbudgets geben.“

Abu-Pascha ist ständig unterwegs, zwischen der Exelution-Zentrale in München, Kairo und Dubai, zwischen den Kunden und potenziellen neuen Auftraggebern der neuen Agenturfiliale in Ägypten. Langfristig will er mit der Agentur von Kairo aus auch andere Märkte bedienen. „Neben Dubai dient Kairo als Schaltzentrale für den ganzen Mittleren und Nahen Osten.“ Sie wissen gar nicht, wo sie anfangen sollen, so viele Möglichkeiten gibt es.

Handbuch für Ägypten
Wer hilft beim Markteintritt? Wo gibt es Informationen für Unternehmer? Welche Messen lohnen sich? impulse beantwortet die wichtigsten Fragen.
Organisationen und Netzwerke Die Deutsch-Arabische Industrie- und Handelskammer berät beim Markteintritt und vermittelt Kontakte in Ägypten. Jeden ersten Dienstag im Monat treffen sich deutsche Unternehmer in Kairo zum Erfahrungsaustausch. Gäste sind willkommen. www.aegypten.ahk.de

Der deutsch-arabische Verein Ghorfa, Arab-German Chamber of Commerce and Industry e. V., informiert über die Region und lohnende Branchen und organisiert Delegationsreisen. Auch der Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft unterstützt hiesige Unternehmen beim Markteintritt. www.ghorfa.de, www.afrikaverein.de

Wichtige Branchentreffen Die Maschinenbaumesse Mactech findet vom 22. bis 25. November 2012 in Kairo statt. Deutscher Partner ist der Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau. www.ifg-eg.com/macteck

Fachmesse für die Wasserwirtschaft vom 4. bis 7. November 2012 in Kairo.www.waterna.com

Bei der Hotelmesse Hace geht es vom 1. bis 4. Oktober 2012 um Hotelbedarf, Catering, Backwaren, Möbel und Reinigungstechnik. www.hace.com.eg

Internationale Baumesse vom 8. bis 11. November 2012 in Kairo. www.cairobuildfair.com

Delegationsreisen Die IHK Lahn-Dill organisiert eine Unternehmerreise nach Ägypten vom 18. bis 22. November. Sie ist offen für alle Branchen. www.ihk-lahndill.de
Investitionsförderung Die nationale Investitionsagentur General Authority for Investment liefert Branchendaten für gefragte Wirtschaftszweige in Ägypten und hilft bei der Orientierung vor dem Markteintritt. www.gafinet.org
Visa Informationen zur aktuellen Sicherheitslage und zu Einreisebestimmungen gibt es bei der deutschen Botschaft in Kairo. www.kairo.diplo.de

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