Unternehmen Nur Holz im Kopf

Hans Binder aus Tirol produziert mit seinen Biomassekraftwerken so viel Heizungswärme und Strom, dass er eigentlich keinen Versorger mehr braucht. Er spielt selbst eine Rolle auf dem Energiemarkt.

Auf den 5. November 1978 ist Hans Binder richtig stolz. Es war Sonntag, die Republik Österreich hatte ihre Bürger zur Volksabstimmung über den Bau des ersten Atomkraftwerks geladen, dem AKW Zwentendorf in Niederösterreich. Binder, damals 30 Jahre alt, stimmte mit Nein, wie eine knappe Mehrheit seiner Landsleute. So war es unter anderem seine Stimme, die damals den Unterschied machte. Der Meiler von Zwentendorf jedenfalls wurde zur Investitionsruine. Und in Österreich wurde nie ein Atomkraftwerk gebaut.

„Ich war damals schon der Meinung, dass wir genügend Energiequellen im Land haben“, erinnert sich Binder. „Wasser und Wind, die Sonne. Biomasse. Wir ließen das alles brachliegen.“ Inzwischen hat der Unternehmer die Sache selbst in die Hand genommen. Der Hauptsitz der Binderholz-Gruppe, mit 1200 Mitarbeitern einer der größten Holzverarbeiter Europas, funktioniert autark. Binder braucht keinen Lieferanten für Strom und Wärme mehr, beides macht er nämlich selbst. „Wir könnten uns von allen Netzen abkoppeln“, sagt der 62-jährige Unternehmer herausfordernd.

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In zwei Biomassekraftwerken auf dem Gelände des Sägewerks in Fügen im Zillertal produziert Binder so viel Energie, dass er damit nicht nur Verwaltungsgebäude und Holztrocknungskammern beheizen kann. Sondern per Fernwärme auch noch die komplette Gemeinde. Seine Dampfturbinen erzeugen doppelt so viel Elektrizität, wie der Unternehmer für Hobel, Förderbänder und Beleuchtung braucht. Den Rest speist er ins öffentliche Netz.

Binder ist ein drahtiger, braungebrannter Naturbursche, der an die Bergsteigerlegende Luis Trenker erinnert. Einer, der im eigens gepachteten Jagdrevier Reh, Gams und Hirsch erlegt, einen hochmotorisierten Audi A8 fährt. In den 70er-Jahren war er Formel-1-Pilot, der erste Tiroler überhaupt in der Rennserie. Ein Ökoideologe ist Binder bestimmt nicht. Bestenfalls einen „grünen Touch“ habe er, sagt der Unternehmer. Und lächelt fein.

Binder holt einen Ordner aus dem Regal, blättert sorgfältig durch akkurate Zahlenkolonnen: „Hier“, sagt er. „200 bis 400 Kilometer. So weit mussten wir unsere Holzabfälle früher per Lkw durch die Gegend fahren, um sie zu entsorgen.“ Es erschien ihm wirtschaftlich wesentlich vernünftiger, Baumrindenschnipsel, Äste und Sägespäne gleich im Werk zu verbrennen. Nicht nur billiger, als Strom vom Versorger zu kaufen und mit Öl zu heizen. Sondern auch CO2-neutral. Der Gedanke war naheliegend, weil die Holzindustrie ihre Trocknungskammern, in denen frischen Brettern die Feuchtigkeit entzogen wird, seit jeher mit Rindenstücken befeuert, die im Sägewerk übrig bleiben. Doch niemand hatte je auf Energieeffizienz geachtet. Die Hitze entwich fast ungehindert nach draußen. Und es blieben immer weit mehr Holzreste liegen, als die Kessel brauchten, sagt Binder. „Komisch, dass nicht eher einer auf die Idee gekommen ist, damit Gebäude zu heizen oder Strom zu erzeugen.“

Um neue Ideen waren die Binders indes selten verlegen. Firmengründer Franz Binder, Vater des heutigen Chefs, als Sohn eines Bergbauern in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, hatte sich Mitte der 50er-Jahre die Lizenz für den Betrieb eines Sägewerks besorgt. 1957 startete er das Geschäft in Fügen, beschäftigte bald zehn Mann. So richtig wuchs das Unternehmen erst ab 1968, als der älteste Sohn Hans ins elterliche Geschäft eintrat. Autodidakt Franz Binder machte seinen damals erst 20-jährigen Filius zum technischen Leiter, schließlich hatte der eine Ausbildung als Holztechniker absolviert. Und Hans Binder erweiterte die Produktion um immer mehr Wertschöpfungsstufen: Binderholz begann, ein- und mehrschichtige Massivholzplatten zu produzieren, Profilbretter, Bauelemente für Holzhäuser, Pellets.

Vorreiter der ökologischen Energiewende

1989 hatte der Familienbetrieb bereits zwei Standorte und 150 Beschäftigte, im Jahr 2000 waren es vier Werke, mit einer Belegschaft von 600 Mann. Inzwischen sind es doppelt so viele in sechs Werken, das größte davon im bayerischen Kösching in der Nähe von Ingolstadt. Binder senior hat sich längst aus dem Tagesgeschäft verabschiedet, Hans kümmert sich jetzt um Finanzen, Technik und Strategie, seine beiden jüngeren Brüder regeln den Vertrieb. Wie nebenbei haben sie Binderholz zum Vorreiter der ökologischen Energiewende gemacht.

Von Biomassekraftwerken hatte Hans Binder zum ersten Mal Anfang der 90er-Jahre gehört. Seit 1989 betrieb die Firma Binder ein Massivholzplattenwerk in Sankt Georgen bei Salzburg. Und seine Leute dort erzählten ihm bald, dass sie keinerlei Probleme hatten, ihren Holzabfall loszuwerden. Denn die Salzburger Landesregierung setzte sich stark für dezentrale Heizkraftwerke ein. Eine Gemeinde nach der anderen baute sich große Holzöfen und lokale Fernwärmenetze. Und diese Gemeinden kauften Sägewerken wie der Sankt Georgener Binder-Filiale dann mit Vergnügen die Reste ab.

Hans Binder dachte an seinen Heimatort Fügen, 4000 Einwohner plus Touristen, die zum Wandern an die Hänge des Zillertals kamen oder zum Skifahren auf den nahe gelegenen Hintertuxer Gletscher. Damals heizten alle Privathaushalte und Hotels in Fügen mit Öl, fünf Millionen Liter schickte die Gemeinde pro Jahr durch den Schornstein. Plus Kaminholz, was im Winter bisweilen dafür sorgte, dass schwere Rauchschwaden über den Häusern hingen. Und das alles, während Binder seine Holzreste mit schweren Lkw abtransportieren ließ.

Der Unternehmer schlug seinen Mitbürgern vor, auch in Fügen ein Biomassekraftwerk zu bauen. „Die Reaktion war zuerst ziemlich verhalten“, erinnert sich Binder. Die Gemeinde sorgte sich, ob Holz langfristig günstiger sei als Heizöl, ob die Versorgung auch sicher und die enormen Investitionen schnell amortisiert seien. Binder leistete Überzeugungsarbeit. Er lud die Experten der Salzburger Landesregierung für das Biomassekraftwerksprogramm nach Fügen ein. Er recherchierte, welche Fördertöpfe man anzapfen könnte. Und dann, im Herbst 1999, stand Binder in der Aula der Fügener Hauptschule vor den Bürgern der Gemeinde. Und zog sie endlich auf seine Seite.

160 Fügener versprachen, sie würden sich ans Biomasse-Fernwärme-Netz anschließen lassen. Das genügte. Und so ließen der Holzproduzent, die Gemeinde und das Land auf dem Binder’schen Firmengelände ein Heizwerk bauen und insgesamt 30 Kilometer Fernwärmeleitungen durch Fügen verlegen. Kostenpunkt: gut 10 Mio. Euro, von denen das Bundesland Tirol ein Drittel Förderungen gewährte, vom Rest übernahm die Gemeinde 25 Prozent und Binder selbst zehn Prozent. Den Rest teilten sich 70 private Gesellschafter.

Zu den Pionieren kamen schnell weitere Fügener hinzu. Rinde und Hackschnitzel fürs Heizwerk, deren Holzduft das ganze Firmengelände erfüllt, gab es massenhaft und vor Ort. Die Heizenergie der Ortswärme Fügen GmbH kostete daher nur rund halb so viel wie die Heizung per Öl. Außerdem dachten Binder und Konsorten sich gemeinsam mit den örtlichen Installateuren noch ein Bonbon aus: Sie kauften jedem Fügener, der zur Ortswärme wechselte, seinen alten Ölheizkessel ab, kümmerten sich um die Demontage und verkauften die Kessel dann weiter. „2003 kam das erste Kraftwerk schon an seine Kapazitätsgrenze“, sagt Unternehmer Binder. Was ihn diebisch freut.

Also machte Binder Nägel mit Köpfen – diesmal im Alleingang. Er ließ für 20 Mio. Euro ein zweites Biomassekraftwerk bauen. Der zusätzliche Kessel liefert der Ortswärme nun im Winter die nötige Zusatzenergie fürs Fernwärmenetz. Denn inzwischen sind 95 Prozent der Fügener Privathaushalte und Unternehmen angeschlossen. Und aus der Wärme, die übrig bleibt, macht eine Turbine das ganze Jahr über bis zu acht Megawatt Strom, genug um 2500 Haushalte zu versorgen. Mehr als genug jedenfalls für die Firma Binder selbst, die sich seitdem autark nennen darf.

Hans Binder steht vor seinem „Feuerwerk“, wie er die Kraft-Wärme-Kopplungsanlage (KWK) poetisch getauft hat, und blickt auf einen meterhohen Haufen Rindenschnitzel. „Das ist wertvolle Biomasse“, sagt der Unternehmer. „Das darf man nicht einfach wegwerfen.“ Natürlich sind der Holzkessel und die Dampfturbine ein Geschäftsmodell: Er spart Heizöl, bekommt Geld für den Strom, den er ins Netz einspeist, rund 8 Mio. Euro pro Jahr.

Die vielen Jahre Überzeugungsarbeit für seine Idee haben Binder zu einem Überzeugungstäter gemacht: Gegnern, die ihm vorwarfen, seine KWK-Anlage würde die Luft verschmutzen, hat er Paroli geboten, indem er gleich vier Filter einbauen ließ. Wer ihn einen Ökospinner nennt, dem kann Binder vorrechnen, wie er an die 95 Prozent der Energie aus dem Holzabfall herausholt: Weil die Wärme nicht nur zum Heizen und für die Stromproduktion dient, sondern Binder damit auch Holzspäne trocknet, aus denen er dann Pellets herstellt.

Binder kann sich über KWK-Anlagen aufregen, die nur wegen irgendwelcher Fördermittel gebaut werden. „Wenn ich dann aber nur den Strom produziere und die Wärme nicht entsprechend nutze oder gar vernichte, ist eine KWK-Anlage nicht wirtschaftlich“, sagt der Unternehmer. Andererseits versteht er nicht, warum nicht viel mehr Unternehmer seinem Vorbild folgen. „Natürlich brauche ich eine Energiequelle“, sagt Binder. Aber Holzreste fallen in vielen Unternehmen an, etwa aus Einwegpaletten, die sonst weggeworfen würden. Wer große Hallendächer besitzt, könne sie mit Solarpaneelen bestücken. Oder ein Blockheizkraftwerk mit Gas oder Biogas betreiben.

„In Zukunft muss die Energie dezentral erzeugt werden“, ist Binder überzeugt. „Wenn es in Tirol noch ein paar Kraftwerke wie in Fügen gäbe, könnten die Netzkapazitäten deutlich kleiner sein.“ Unternehmer wie er, sagt der Holzproduzent, und jetzt klingt er wirklich überzeugt, könnten dabei eine wichtige Rolle spielen. „Sie haben ja auch etwas davon.“

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 07/2011.

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