Unternehmen Onlinehändler mischen Reifenbranche auf

Reifenwechsel

Reifenwechsel© Imageteam - Fotolia.com

Das Geschäft mit den Winterreifen gewinnt an Fahrt. Tausende Autofahrer machen sich auf zum Wechseln der Pneus. Internet-Reifenhändler wirbeln dabei inzwischen die ganze Branche auf. Doch die Offline-Händler wollen online zurückschlagen.

Die Nachricht sorgte jüngst in der Branche für großes Aufsehen: Europas größter Online-Reifenhändler Delticom kauft den Berliner Konkurrenten Tirendo – und wird damit noch größer. Delticom ist noch keine 15 Jahre alt, inzwischen aber schon in 42 Ländern aktiv. Und der Online-Vertrieb, bei dem die bestellten Pneus direkt an die Verbraucher oder an ausgewählte Werkstattpartner gehen, mischt die Branche kräftig auf.

Der Umsatz des 1999 in Hannover gegründeten Unternehmens bewegt sich nach eigenen Angaben inzwischen in Richtung einer halben Milliarde Euro, im Geschäftsjahr 2012 zählte Delticom allein 470.000 Bestandskunden. Erstkontakt mit Neukunden vergangenes Jahr: 850.000 Mal. 96 Prozent des Geschäfts laufen direkt mit den Endverbrauchern, der Rest entfällt auf den Großhandel, der auch über Delticom-Kanäle bezieht.

Anzeige

Über Online-Vertriebe wie Delticom gingen vergangenes Jahr nach Angaben des Bundesverbands Reifenhandel und Vulkaniseur-Handwerk (BRV) hierzulande 7,6 Prozent des gesamten Pkw-Reifen-Verkaufs an die Verbraucher. Das sind 3,6 Millionen Reifen. Und der Trend zeigt nach oben. „Etwa 15 Prozent Anteil bis zum Jahr 2020 halten wir für realistisch“, berichtet BRV-Geschäftsführer Hans-Jürgen Drechsler. „Wir gehen davon aus, dass das sukzessive an Bedeutung gewinnt.“

Neue Player wirbeln die Branche auf

Neue Mitspieler wie Delticom und Tirendo wirbeln das über Jahrzehnte gewachsene Gefüge aus Herstellern, Autohäusern, Kfz-Werkstätten sowie Groß- und Fachhandel kräftig auf. Bisher herrschte beim Gros der Branche laut Drechsler eine Mischkalkulation in dem Geschäft, bei dem sich die Serviceleistungen wie Räder einlagern, umstecken oder auswuchten kombinieren mit der Marge aus dem Reifeneinkauf, wenn der Kunde wieder neue braucht. Doch die bestellt der Kunde nun immer öfter selbst online.

Die Werkstätten und Autohäuser verbindet eine Hassliebe zum zunehmenden Online-Wettbewerb; denn die unliebsame neue Konkurrenz verschafft ihnen weiterhin viele Kunden. Delticom hat 8400 Servicepartner in Deutschland, zu denen Kunden ihre online gekauften Reifen schicken lassen können. Etwa 80 Prozent der Internetkunden, so schätzt der BRV, verfahren so oder bringen die Reifen selber zu einem Montagepartner. Die restlichen 20 Prozent erledigten das mit eigenem Aufziehwerkzeug oder beim Bekannten in der Hinterhofwerkstatt. Oder sie bestellten gleich mit Felge und schraubten die Räder selber fest.

Die Reifenwelt ist mit dem Thema nicht allein. Der Online-Kanal hat auch Branchen wie Bücher oder Pauschalreisen stark verändert. Der Offline-Handel verweist dann gerne auf sein Unterscheidungsmerkmal Service. So auch bei Reifen: „Wir haben ja ein erklärungsbedürftiges High-Tech-Produkt“, sagt Alexander Bahlmann von Continental. Doch auch wenn der Branchenriese aus Hannover am liebsten sieht, dass Fachleute seine Reifen erklären und montieren – er boykottiert das Thema nicht. Die Tochter Vergölst bedient den Online-Kanal. „Es hat eine gewisse Relevanz im Markt, das können wir nicht ignorieren“, sagt Bahlmann.

Reifenfachhandel startet Gegenangriff mit eigener Plattform

Online-Marktführer Delticom ist guter Dinge. „Der Anteil online verkaufter Reifen ist nach wie vor vergleichsweise gering, allerdings gewinnt das Internet als Absatzkanal im Reifenhandel zunehmend an Bedeutung“, heißt es in der mittelfristigen Prognose des Unternehmens. In den nächsten Jahren seien „hinsichtlich Umsatz und Ergebnis weiterhin zweistellige jährliche Wachstumsraten“ drin. Doch Delticoms klassische Konkurrenz schläft nicht: Der Reifenfachhandel hat mit dem Onlineportal Gripgate schon eine Plattform für den Gegenangriff. „Wir geben jetzt Gas“, sagt BRV-Geschäftsführer Drechsler. Denn bei einem gesättigten Markt wie Deutschland ist klar: Online gewinnt auf Kosten von Offline.

Delticoms Gründer Rainer Binder und Andreas Prüfer sind übrigens alte Bekannte in der Branche. Sie waren früher Continental-Manager.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...