Unternehmen Piks ohne autsch

Soll in die Wand, nicht in den Daumen: Sieben Millionen sichere Reißnägel produziert die Metallwarenfabrik Gottschalk am Tag. Die Sauerländer haben nur einen Konkurrenten. Der sitzt in China.

Zwecke

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Gottschalk Arnsberg. Der Metallwarenhersteller produziert Zwecken für die eigene Marke Gowi und für fast alle anderen Anbieter. Pro Tag sieben Millionen, im Jahr 1,54 Milliarden. Wilhelm Gottschalk gründete die Firma 1900, heute – geleitet von Enkel Rolf – ist sie die letzte, die noch Heftzwecken stanzt. In China gibt’s noch jemanden, der macht die billigen, Gottschalk die Edelteile. Die rechts etwa für Herlitz. Gottschalk stellt auch Büroklammern her und Metallteile für Schuhe. Wenn es bei Sicherheitschecks an Flughäfen piepst und Füße extra gescannt werden, liegt’s nicht an eingetretenen Heftzwecken, sondern an Gottschalk-Metallverstärkungen in den Sohlen.

Doppelnietmaschine

Gottschalk Arnsberg. „So was gibt es nicht zu kaufen“, sagt Rolf Gottschalk. Denn: Seine Werkzeugbauer produzieren fast alle Maschinen selbst. Deshalb sind die Heftzwecken doppelt vernietet: Anders als früher oder heute in China kriegen sie, wenn der Draht ins Loch der Kopfplatte knallt, nicht nur einen Schlag von oben, sondern noch einen von unten. So fest, dass der Draht sich nie mehr aus dem Flachkopf lösen und Daumen stechen kann.

Einfüllwaage

Collischan Nürnberg. Gottschalk mischt die bunten Zwecken im Betonmischer. Der schüttet sie in eine supergenaue Dosierwaage. Immer 200 Zwecken landen in der Schachtel, obwohl nur gewogen, nie gezählt wird.

Etikett

Jogro Plettenberg. Macht die Zwecke zur Markenzwecke, zeigt Käufern: Das ist keine China-Zwecke. 15 Mitarbeiter von Jogro drucken und stanzen Klebeetiketten für alle Marken, die Gottschalk produziert, auch für die Herlitz-Zwecke.

Stanze

Linde Wuppertal. Die Firma gibt es nicht mehr, aber die alte Linde-Exzenterpresse stanzt noch immer aus den vom Kaltwalzwerk Boecker gelieferten 500 Meter langen Stahlrollen die Heftzweckköpfe mit kleinen Löchern in der Mitte. Die einzige Maschine, die nicht von Gottschalk selbst gebaut wurde.

Kopfplatte

Kaltwalzwerk Siegfried Boecker Hagen-Hohenlimburg. Familienbetrieb, einer der vielen Kaltwalzer im Lennetal. Sorgt dafür, dass Heftzweckköpfe richtig hart sind. Bei Boecker walzen 50 Mann Metallplatten so lange, bis sie 900 Newton Druck standhalten, der Kraft, die ein fester Schlag mit dem Metallhammer hat, wenn Schwung dahintersteckt. Gottschalk stanzt die Flachköpfe aus den Platten.

Plastikschachtel

Wilhelm Kaiser Meschede. Die Schachtel kommt auch aus dem Sauerland. Gerhard Kaisers Vater Wilhelm hat sie für Rolf Gottschalks Vater Helmut entwickelt. 35?000 am Tag aus Polystyrol im Spritzgussverfahren.

Händler

Herlitz Berlin. 1904 vom Buchhändler Carl Herlitz gegründet. Während der Berlin-Blockade einziger Händler, der in Rosinenbombern aus dem Westen Schreibwaren bekam. Ging danach in alle Welt, wurde AG und Konzern. Nach viel Kampf mit Familienfehden, Teilverkäufen, Besitzerwechseln, Heuschrecken, Insolvenzen von Töchtern seit 2010 Teil eines anderen Konzerns, Pelikan. Der wiederum gehört einem malaysischen Konzern. Herlitz, stark geschrumpft, ist noch immer einer der größten PBS-Verkäufer der Welt. PBS: Papier, Bürobedarf, Schreibwaren. 12?000 Artikel bietet Herlitz an. Ist heute vor allem in Osteuropa stark. Eine Zwecke kostet knapp 1 Cent.

Spitze

Wrede Marsberg. In die motorgetriebene Scheuertrommel passen 280 Liter Heftzwecken. Die sind noch stumpf, die Spitzen haben nach den Schlägen beim Nieten Propellerform. Dazu kommen Stahlketten und Holzspäne in die Trommel. Nach drei Stunden, in denen es halblaut raschelt, sind die Zwecken glatt poliert. Und spitz.

Holzspäne

Sägewerk Lattrich Holzen. Buchenholzspäne für die Trommel liefert das Sägewerk am Arnsberger Wald. Die Stahlketten kann Gottschalk immer wieder reinlegen. Späne aber müssen jedes Mal neu in die Trommel.

Draht

Lötters Draht Hemer. Familienbetrieb bei Gottschalk um die Ecke. Produziert Stahldrähte für Buchbinder, Floristen, Bürstenhersteller. Und Eisendraht für die Heftzwecken.

Messing

Galva-Metall Rödermark. Heftzwecken sehen goldig aus, weil Galvanikanoden von Galva klitzekleine Messingteile im Bottich unter Strom setzen. Zwecken kommen dazu, Moleküle finden sich, alles wird golden. Halt, eigentlich messingfarben, den Unterschied sieht aber niemand. Silberglanz wäre doppelt so teuer.

Hut

PHF Rietberg-Neuenkirchen. Das steht für Paul Hanswillemenke Folien. Die andere Tochter des Mittelständlers, HWM, schneidet Spanplatten zu. PHF kauft Folie von Chemiefirmen und schneidet sie zu Platten, aus denen Gottschalk die Zweckenköpfchen stanzt. PHF sitzt in einer lukrativen Nische, denn die Konzerne, die in dem Bereich unterwegs sind, verkaufen nur Masse in allen Farben. Klingt komisch, aber die Folie, die Gottschalk für Heftzweckköpfe braucht, ist Kleinkram. Die Deutschen wollen Zwecken am liebsten blau oder rot. Schweinchenrosa geht auch gut.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 07/2011.

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