Unternehmen Piraten sind der Fluch am Horn von Afrika

95 Prozent aller Güter werden verschifft. Doch Freibeuter aus Somalia gehen immer drastischer vor. Reeder wollen Soldaten auf ihren Schiffen - doch die Ursachen für Piraterie lassen sich so nicht beheben.

Am Horn von Afrika ging es an Deck der „Samho Jewelry“ hoch her: Bei einer dramatischen Rettungsaktion befreiten südkoreanische Marinesoldaten die 21 Crewmitglieder des von somalischen Piraten gekaperten Chemiefrachters. Acht Seeräuber wurden erschossen. Der Zwischenfall zeigt, dass die Lage vor Somalias Küste keineswegs befriedet ist.

Die Angreifer wagen sich immer weiter auf See hinaus, sind mit Speedbooten und schweren Waffen ausgerüstet. Aktuell sind nach Angaben der Regierung 31 Handelsschiffe mit insgesamt mehr als 500 Besatzungsmitgliedern in der Gewalt von Piraten, darunter die deutsche „Ems River“. 2010 gab es fast 450 Angriffe, 53 Schiffe mit 1181 Geiseln wurden entführt, acht Matrosen starben, berichtet die Internationale Seefahrtsbehörde.

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„Bei diesen Gewaltverbrechen auf hoher See geht es allein um Menschenraub“, kritisierte der Verband Deutscher Reeder. Die Angreifer wollten schlicht Lösegeld erpressen. Die europäische Anti-Piraten-Mission „Atalanta“, an der die Bundeswehr mit Schiffen und bis zu 1400 Soldaten beteiligt ist, sei nicht schlagkräftig genug, sagen Kritiker. Die Reedereien fordern mobile Einsatzteams – also Soldaten oder Polizisten, die auf den Schiffen mitfahren, um Entführungen abzuwehren. Die Schiffseigner würden sich auch an den Kosten beteiligen.

Frei Handelswege dank Marine

Das aktuelle „Atalanta“-Mandat, das der Bundestag vor kurzem um ein Jahr verlängerte, erlaubt deutschen Marinesoldaten aber nicht, präventiv an Bord zu sein. Die Bundesregierung zeigt bisher wenig Neigung, etwas an den international vereinbarten Rahmenbedingungen zu ändern.

Grundsätzlich tritt Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) dafür ein, in der Sicherheitspolitik „offen und ohne Verklemmung“ auch wirtschaftliche Interessen zu berücksichtigen. Ex-Bundespräsident Horst Köhler hatte in jenem verhängnisvollen Interview auf dem Heimflug von einem Afghanistan-Besuch betont, dass „im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege“. Das löste einen Proteststurm aus – Köhler ging.

An diesem Montag hat der maritime Koordinator der Regierung, Wirtschaftsstaatssekretär Hans-Joachim Otto (FDP), die Branche zu Beratungen über neue Ansätze in der Piratenbekämpfung nach Berlin eingeladen. Auch Experten vom Außen-, Innen-, Justiz-, Verkehrs- und Verteidigungsministerium sind dabei, ebenso die Seemannsmission und die Gewerkschaft Verdi.

Armut, Anarchie, Ausweglosigkeit

Reedereien selbst haben den Schutz ihrer Schiffe und Besatzungen verstärkt. So gibt es Sicherheitsteams oder Schutzräume, wo sich die Mannschaft einschließen kann, bis Hilfe eintrifft. Auch die Präsenz von Kriegsschiffen dürfte eine gewisse abschreckende Wirkung haben. So ist die Zahl erfolgreicher Kaperungen zuletzt zurückgegangen.

Ende Dezember ließen somalische Piraten den deutschen Chemietanker „Marida Marguerite“ mit 22 Mann Besatzung nach über einem halben Jahr frei – aber erst, nachdem wohl ein Millionen-Lösegeld per Fallschirm abgeworfen wurde. Klar ist allen Beteiligten, dass mit Geld und Militärmacht allein das Problem nicht zu lösen ist.

Armut, Anarchie und Ausweglosigkeit in Ländern wie Somalia machen die Piraterie zu einem lukrativen Geschäft. Den Schaden für die Weltwirtschaft beziffern Studien auf jährlich 7 bis 12 Mrd. US- Dollar.

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