Unternehmen „Putin hat das super hingekriegt“

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Michail Chodorkowski nach einer Pressekonferenz in Berlin am 22. Dezember 2013. Zwei Tage zuvor war der 50-Jährige nach langer Haft aus dem russischen Straflager Segescha entlassen worden.

Michail Chodorkowski nach einer Pressekonferenz in Berlin am 22. Dezember 2013. Zwei Tage zuvor war der 50-Jährige nach langer Haft aus dem russischen Straflager Segescha entlassen worden.© AFP/Getty Images

Er ist der Superbauer Russlands: Stefan Dürr hat sich seit Anfang der 90er Jahre ein riesiges Agrarunternehmen aufgebaut. Im impulse-Interview erklärt er, warum er findet, dass der freigelassene Michail Chodorkowski in Deutschland falsch dargestellt wird – und weshalb Wladimir Putin gut für Russland ist.

Impulse: Herr Dürr, Sie leben seit Jahren als deutscher Unternehmer in Russland. Wie nehmen Sie die Freilassung Michail Chodorkowskis wahr?


Stefan Dürr: Dass er freigelassen wurde, ist eine super Sache, die hilft allen. In den deutsch-russischen Beziehungen ist endlich ein Knoten geplatzt, denn die Inhaftierung Chodorkowskis war ein Thema, das zwischen den Regierungen gestanden hat, weil man da unterschiedlicher Ansicht war. Mich irritiert aber, dass Chodorkowski in Deutschland nun fast wie ein Märtyrer hingestellt wird. 
 

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Wie sehen Sie ihn denn?


Trotz allem ist er ein Oligarch, der mit zweifelhaften Mitteln zu Wohlstand gekommen ist. Nicht nur, dass er sich in den 90ern im Rahmen der Loans-for-shares-Auktionen für ´nen Appel und ´nen Ei die Ölquellen erschlichen hat, als die russischen Staatsbetriebe privatisiert wurden. Auch die Methoden, mit denen er damals vorgegangen ist, muss man sehen.
 


Sie meinen die Gewalt, mit der damals in Russland Geschäfte gemacht wurden.


Ohne Gewalt war es damals nicht möglich, so viel Wohlstand zu erlangen, bei den anderen Oligarchen war das nicht anders. Man muss einfach sehen, dass Chodorkowski aus dieser Szene kommt – und sicher nicht aus der Menschenrechtsbewegung. Der ist groß geworden in dieser absolut brutalen Zeit in den 90ern, als man hier keinen Zeitungskiosk haben konnte, ohne mit der Mafia in Kontakt zu kommen. 
 


Chodorkowski ist aber nicht wegen Gewalttaten angeklagt worden, sondern wegen Steuerhinterziehung. Die Verurteilung galt international als politisch motiviert.


Man muss sehen, was damals passiert ist. Ich habe einen guten Freund, der damals im Kohlegeschäft war. Die haben die Kohle beispielsweise für 25 Dollar gefördert. Dann ging sie für 26 Dollar nach British Virgin Islands und wurde schließlich für 60 Dollar über eine Offshore-Firma auf dem Weltmarkt verkauft. Der russische Staat sah davon null Dollar Steuern. Putin hat das geändert. Er hat gesagt: Leute, wir vergessen alles, was ihr bisher gemacht habt, unter zwei Bedingungen. Erstens: Ab morgen wird alles ordentlich bezahlt. Zweitens: Ihr haltet euch aus der Politik raus. Meine Kohle-Freunde haben das natürlich gemacht. 
 


So ein Deal stinkt doch zum Himmel.


Klar, nach einem rechtsstaatlichen Verständnis hätte man damals alles wieder rückenteignen müssen. Und das hat man auch überlegt, als Putin an die Macht kam. Doch dann stellt sich die Frage: Wo fangen wir an, wo hören wir auf? Enteignet man auch den kleinen Cafébesitzer, der sich das Café selbst aufgebaut hat? Das war schwierig. Daher entschied man sich für eine Wirtschaftsamnestie. Putin hat gesagt: Wie die Besitzverhältnisse jetzt sind, so bleiben sie. Aber ab morgen werden die Steuern ordentlich bezahlt. 
 


Und daran hat sich Chodorkowski nicht gehalten. 

Die anderen Oligarchen, Roman Abramowitsch oder Oleg Deripaska, haben sich dann aus der Politik rausgehalten. Chodorkowski hat aber gesagt: Ich will nicht nur der reichste Mann Russlands sein, ich will auch Präsident sein. Und seine Motivation war dabei sicher nicht, die Menschenrechte einzuführen. Die Zielsetzung war ganz klar: Volle Wirtschaftsliberalität, damit die starken Unternehmen das Land bestimmen können. Putin hingegen wollte Geld und Macht trennen.
 


Das scheint ihm nicht sonderlich gut gelungen zu sein. Es gibt nicht wenige in Russland, die glauben, dass er selbst der reichste Oligarch des Landes ist. 


Dass wir für Putin nicht sammeln gehen müssen, das glaube ich auch. Aber ich glaube schon, dass er versucht, Macht und Geld auseinander zu halten. Dass das auf verschiedenen Ebenen nicht immer gelingt, dass es auf der Ministerebene, auf der Gouverneursebene viele blöde Fälle gibt, ist klar.
 


Warum unterstützen Sie Putin trotzdem?


Ich sehe einfach, was in den 90er Jahren hier los war. Ich konnte mir damals nicht vorstellen, wie man aus dem Schlamassel rauskommen kann. Und da muss man einfach sagen: Das hat Putin super hingekriegt. Die Gesetzlosigkeit der 90er wurde ohne größeres Blutvergießen beendet. Heute können wir hier ganz normal wirtschaften und Geschäfte machen – das ist ein Riesenfortschritt. Natürlich sind viele andere Sachen schiefgelaufen. Ich glaube auch nicht, dass Putin ein Engel ist.


Sie haben als junger Mann einen grünen Ortsverband mitbegründet. Wie arrangiert man sich da mit der russischen Politik?


Ich weiß nicht, was Sie so grauslich an Russland finden. Ich habe mal ein Interview gegeben, in dem ich Frau Merkel kritisiert habe. Da habe ich einen richtigen Rüffel von der deutschen Botschaft gekriegt, das war massiv. Es ist nicht so, dass nur russische Politiker sensibel sind, wenn sie kritisiert werden. 
 


Es gibt aber auch noch andere Themen. Zum Beispiel den Minderheitenschutz. 


Bestimmt 95 Prozent der Russen sind gegen Homosexuelle – zumindest nach außen hin. Die Frage ist aber, wie man das ändert, ob durch Demonstrationen, Gesetze oder durch Aufklärung. Wenn ich sehe, dass ein Grüner wie Volker Beck nach Moskau kommt, um zu demonstrieren, dann halte ich das für naiv und blöd. 
 


Warum?


So jemand hat die politische Situation überhaupt nicht im Blick. Putins schwierigste Konkurrenten sind die Nationalisten. Er hat kaum eine andere Chance gehabt, als die Demonstrationen zu untersagen, wenn er nicht von den Nationalisten überrollt werden will, denn so eine Schwulendemo ist für die Rechten ein gefundenes Fressen. Und dass die Nationalisten an die Macht kommen – und da gibt es ein gewaltiges Potenzial –, ist das schlimmste Szenario, das passieren kann. Da finde ich es schon unverantwortlich, dass Leute hierherkommen und sagen, sie setzen sich für Homosexuelle ein. Und zwei Tage später fliegen sie wieder nach Hause ins schöne Berlin. Die denken nicht darüber nach, was hier passiert, wenn die Nationalisten drankommen. Dann könnte ich als Deutscher auch nur noch sehen, dass ich außer Landes komme, damit ich nicht als erster am Baum hänge.
 

 

 

Stefan Dürr, Gründer und Geschäftsführer der Ekosem-Agrar GmbH

Stefan Dürr, Gründer und Geschäftsführer der Ekosem-Agrar GmbH© Ekosem-Agrar

Stefan Dürr ist seit 1993 Geschäftsführender Gesellschafter und CEO der Ekosem-Agrar GmbH aus Walldorf sowie Präsident der russischen Tochtergesellschaft Ekoniva, eines der größten Agrarunternehmens Russlands. Ekosem-Agrar verfügt über eine Gesamtfläche von 186.000 Hektar Land – das entspricht einer Fläche von mehr als zwei Drittel des Saarlands – und ist mit einer jährlich erzeugten Milchmenge von über 84 Millionen Litern der größte Milchproduzent des Landes.

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