Unternehmen Reichtum und Arbeitszeit: Darf’s ein bisschen weniger sein?

In Ruhe nachdenken: Statt im Büro sollten die Menschen mehr Zeit in der Hängematte verbringen, meint Robert Skidelsky.

In Ruhe nachdenken: Statt im Büro sollten die Menschen mehr Zeit in der Hängematte verbringen, meint Robert Skidelsky.© Irina Ukrainets - Fotolia.com

Mit der Kapitalismuskritik "Wie viel ist genug?" hat der Wirtschaftshistoriker Robert Skidelsky einen Nerv getroffen: Die Löhne in Deutschland hält er für zu niedrig, die Arbeitszeit für zu lang. Für ihn braucht der Mensch nur sechs "Basisgüter" zum Glück.

Lord Robert Skidelsky erfüllt früh die Erwartungen. Schon vor dem Gespräch lässt er einen Kommentar verteilen, den er für das Politikmagazin „New Statesman“ verfasst hat. Es geht darin um die britische Sparpolitik, die Skidelsky für ziemlich daneben hält – schließlich müsse der Staat in schweren Zeiten investieren, um die Wirtschaft anzuschieben. Skidelsky ist einer der schillerndsten Wirtschaftshistoriker weltweit, bekannt vor allem für seine Biografie des 1946 verstorbenen britischen Ökonomen John Maynard Keynes – wenig überraschend, dass so jemand Fan staat­licher Eingriffe ist.

Der Brite ist ins Hamburger Kulturhaus Kampnagel gekommen, um dort auf einer Diskussionsveranstaltung der Zeit-Stiftung über das Thema Zukunft zu sprechen. Aber natürlich will Skidelsky auch Werbung machen für sein Buch, die Kapitalismuskritik „Wie viel ist genug?“ Nun sitzt der 74-Jäh­rige in einer kleinen Küchenecke hinter der Bühne vor einer leeren Tasse Kaffee; ein lebhafter Mann im grauen Anzug, mit einem Akzent, wie man ihn sich britischer kaum denken kann.

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Herr Skidelsky, in Ihrem Buch kritisieren Sie die Wirtschaft als fehlgeleitet. Was läuft schief?
Ich denke, dass viele Menschen heute mehr arbeiten müssen, als sie von sich aus eigentlich wollen. Das hat vor allem zwei Gründe: Zum einen bekommen Angestellte meiner Meinung nach nicht den Anteil am Erfolg von Unternehmen, der ihnen zusteht – zu viel landet in der Tasche der Firmenchefs oder Gesell­schafter. Zum anderen stehen die Menschen unter einem enormen Druck, Dinge zu konsumieren. Die Werbung redet ihnen permanent ein, dass sie sich neue Sachen kaufen müssen – mit Verbesserungen, die eigentlich keine sind.

Das klingt ein wenig so, als ob Unternehmer ein Teil des Problems sind.
Sie sind es, wenn man sie als Kollektiv betrachtet. Unternehmer sind keine schlechten Menschen, und für sich genommen handeln sie nicht irrational – aber das muss nicht unbedingt gut sein für die Allgemeinheit. Ich würde allerdings unterscheiden zwischen einem Betrieb mit 500 Mitarbeitern und beispielsweise einer kleinen Schlachterei. In Familienbetrieben gibt es viele Werte, um die es mir ja gerade geht, Persönlichkeit etwa und enge Beziehungen zu den Angestellten. Je größer das Unternehmen wird, desto mehr verschwinden diese Eigenschaften.

Wie sieht Ihre Vision einer neuen Wirtschaft aus?
Ich denke, dass wir eine gerechtere Verteilung von Reichtum und Einkommen brauchen. Es stimmt zwar, dass wir in vielen europäischen Ländern im Durchschnitt hohe Löhne haben. Gleichzeitig aber stagnieren die Einkommen ärmerer Bürger, oder sie sinken sogar. Ich bin daher für ein bedingungsloses Grundeinkommen, also einen festen Betrag, den jeder Bürger vom Staat erhält. Dann könnte sich jeder frei entscheiden, wie viel er arbeiten möchte.

 

Mit diesen Ansichten hat Robert Skidelsky einen Nerv getroffen – auch in Deutschland. „Wie viel ist genug“ verkaufte sich hier seit März vergange­nen Jahres mehrere Zehntausend Mal. Gemeinsam mit seinem Sohn, dem Philosophieprofessor Edward Skidelsky, kommt er in dem Buch zu dem Ergebnis, dass die Ökonomie nicht mehr dem Menschen dient – sondern der Mensch der Wirtschaft. Die meisten Leute würden ihr Leben der Arbeit unterordnen, um sich Dinge kaufen zu können, die sie am Ende nicht glücklich machen.

Eigentlich, so die Skidelskys, brauche ein Mensch nur sechs „Basisgüter“ zum Glück: Gesundheit, Sicher­heit, Respekt, Persönlichkeit, Harmonie mit der Natur und Freundschaft – was darüber hinausgehe, sei Luxus. Neben dem Grundeinkommen haben die Autoren eine Reihe Ideen, wie der Staat diese Güter in die Mitte der Gesellschaft rücken könnte: mit einer Luxussteuer etwa, einer Besteuerung von Werbeausgaben oder mit Beschränkungen des Außenhandels.

 

Der Wirtschaftshistoriker Robert Skidelsky

Der Wirtschaftshistoriker Robert Skidelsky© Robert Skidelsky

Viele Unternehmer finden das utopisch. Sie sagen: Wenn alle weniger arbeiten, dann siedeln ganze Branchen nach China über.
Weniger arbeiten heißt ja nicht, dass zwingend weniger Arbeit getan wird in einer Firma. Es heißt nur, dass mehr Leute die Arbeit machen. Bei Volkswagen gab es doch dieses Worksharing-Modell, bei dem mehr Leute beschäftigt waren und alle weniger gearbeitet haben. Es stimmt natürlich, dass jemand, der 25 Stunden arbeitet, nicht so viel verdient wie ein Arbeiter mit einer 40-Stunden-Woche. Aber ich denke, eigentlich müssten Angestellte auf nicht viel verzichten.

Trotzdem: Eine Firma, die im internationalen Wettbewerb steht, kann doch nicht nur im Fokus haben, Mitarbeiter glücklich zu machen.
In Deutschland gibt es dieses große Ziel, konkurrenzfähig zu sein in einer Welt, in der es überall billige Arbeit gibt. Deswegen werden die Löhne niedriger gehalten, als sie sein müssten. Man muss sich schon fragen: Welche Opfer wollen wir bringen, um die Exportmaschine am Laufen zu halten?

Man könnte argumentieren: Ein gewisser Druck treibt die Wirtschaft erst an.
Sagen das auch die Leute, die ihre Firma geerbt haben? Es ist ja nicht so, dass alle Leute ihr Unternehmen aus dem Nichts erschaffen; die meisten haben es von ihrem Vater übernommen. Es gibt eine ganze Menge Gründe, unternehmerisch tätig zu sein – nicht nur Geld. Ich sage ja auch nicht, dass ich das Arbeiten grundsätzlich würde abschaffen wollen. Aber stellen Sie sich vor, ein Angestellter hat plötzlich ein wenig mehr Freizeit. Vielleicht nutzt er sie, um zu sagen: Ich baue selbst etwas auf.

 

Robert Skidelsky hat einen Gutteil seiner akademischen Karriere mit der Lehre von John Maynard Keynes verbracht, seine Biografie des britischen Ökonomen gilt als Standardwerk. Politisch war Skidelsky in gleich drei Parteien engagiert: in der britischen Labour-Partei, bei den Sozialdemokraten und zuletzt den Konservativen, die er 2001 wieder verließ.

Bei aller Vielseitigkeit ist in vielen seiner Arbeiten die Sympathie für Keynes zu spüren. So auch in „Wie viel ist genug?“: Das Buch baut auf einer alten Keynes-Voraussage auf, nach der es den Menschen bis zum Jahr 2030 so gut gehen werde, dass sie nur noch 15 Stunden pro Woche arbeiten müssten. Wie Keynes setzt auch Skidelsky dabei eher auf den Staat – und nicht auf die Unternehmer.

 

Nehmen wir an, ein Unternehmer findet Ihre Ansätze richtig. Kann er selbst etwas tun, wenn er nicht auf den Staat warten möchte?
Wenn wir über Familienunternehmen mit moralischen Werten sprechen, machen die Unternehmer jetzt schon nichts verkehrt. Was ein Firmenchef eigentlich will, ist doch ein faires Einkommen für sich und gute Bedinungen für seine Angestellten – um Gewinnmaximierung geht es in kleinen Betrieben selten. Aber sie wollen natürlich auch überleben. Wenn Firmen in einem Wettbewerb stehen, in dem jeder dem anderen die Kehle durchschneiden will, ist es schwer zu wissen, was das Richtige ist. Vor dieser Situation muss der Staat Unternehmen schützen.

Es bleibt also dabei: Wenn sich jemand eine Wirtschaft in Ihrem Sinne wünscht, muss er auf den Staat setzen?
Es ist sicher nicht die Aufgabe von Firmen, für das Wohlbefinden eines ganzen Landes zu sorgen, aber Unternehmer sollten schon moralische Grundsätze haben. Auch für ihr eigenes Leben: Wenn ein Unternehmer 50, 60 oder 80 Stunden arbeitet, um seine Firma voranzutreiben, ist es schwer, runterzukommen. Vielen würde es helfen, wenn die ganze Wirtschaft nicht mehr unter so hohem Druck steht – und das kann nur der Staat ändern.

 
 

cover0114Dieser Artikel stammt aus der impulse-Wissen Winter 2013/2014.

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