Unternehmen Reizwort Werkvertrag – Meyer Werft wehrt sich gegen Vorwürfe

Zwei Mitarbeiter der Meyer Werft bei der Kiellegung des Forschungsschiff "Sonne" im April 2013.

Zwei Mitarbeiter der Meyer Werft bei der Kiellegung des Forschungsschiff "Sonne" im April 2013. © Meyer Werft

Werkverträge verbinden inzwischen viele mit Lohndumping, Ausbeutung und prekären Arbeits- und Wohnverhältnissen. Zum Teil zu Recht - aber bei weitem nicht alle Werkverträge sind problematisch.

Nach dem tragischen Tod zweier rumänischer Arbeiter in ihrer Unterkunft in Papenburg vor knapp zwei Wochen hat das Image der Meyer Werft Kratzer bekommen. Die 32 und 45 Jahre alten Männer arbeiteten für einen Subunternehmer des Unternehmens. Nun muss sich der Kreuzfahrtschiff-Bauer mit dem Vorwurf von Medien und Politikern auseinandersetzen, er beschäftige unter skandalösen Bedingungen Menschen aus Osteuropa zu Dumpinglöhnen.

Die Staatsanwaltschaft geht bereits dem Anfangsverdacht des Menschenhandels nach, auch wenn der sich nicht direkt gegen die Werft richtet. Berichte über ausbeuterische Arbeitsverhältnisse auf Schlachthöfen oder in der Baubranche hatten den Begriff „Werkvertrag“ schon zuvor zu einem Reizwort werden lassen.

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Flucht nach vorn

Als Reaktion auf die Diskussion sucht die Papenburger Werft die Flucht nach vorn: Mit der IG Metall will das Unternehmen nun über einen Tarifvertrag zu Werkverträgen mit verbindlichen Sozialstandards verhandeln und auch dem Betriebsrat Mitspracherechte einräumen. „Wir wollen nicht in eine Ecke gerückt werden, in die wir nicht gehören“, sagte Werft-Chef Bernard Meyer. Dieses Vorhaben stieß bei Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt bereits auf Ablehnung. Solche Regelungen seien unnötig, wurde er am Mittwoch von der Tageszeitung „Die Welt“ zitiert. Hundt setzt auf das Verantwortungsgefühl der
Unternehmer, die auf die Einhaltung von Gesetzen und Tarifverträgen achten müssten.

Vom Vorwurf des angeblichen Lohndumpings will man bei der weltweit bekannten Meyer Werft nichts hören. Die Arbeiter aus Rumänien seien über eine langjährigen Partnerfirma zur Werft gekommen, sagt Meyer-Sprecher Peter Hackmann. Sie seien eingesetzt worden, um eine Auftragsspitze bei Schweißarbeiten abzufangen. Auf die Stunde umgerechnet beziffert der Sprecher den Bruttolohn für die eingesetzten Arbeiter zwischen 27 und 28 Euro – das seien keine Dumpinglöhne. Es sei auch kein eigener Arbeiter durch osteuropäische Arbeitskräfte ersetzt worden.

Werkverträge gelten Experten zunächst einmal nicht als etwas Anstößiges. „Der Werkvertrag ist ein grundlegendes Element unserer Wirtschaft, keiner würde sagen, wir müssen ihn abschaffen“, sagt Christian Hohendanner vom Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.

Werkverträge: Genaue Zahlen gibt es nicht

Allerdings: Genaue Zahlen gibt es nicht. Keine Statistik gibt über das Ausmaß von Werkverträgen derzeit Auskunft. „Es ist sehr schwierig, dieses Phänomen in den Griff zu bekommen“, sagt Hohendanner. Es gebe alle möglichen Formen des Werkvertrags. Vom Fliesenleger über den Arbeiter auf dem Schlachthof bis hin zum hochbezahlten IT-Experten. „Es gibt nicht nur die Tarifflucht nach unten, sondern auch nach oben“, sagt Hohendanner.

Viele Tätigkeiten in der Industrie seien schon immer per Werkvertrag erledigt worden, sagt auch Thomas Müller vom IG-Metall-Bezirk Niedersachsen/Sachsen-Anhalt in Hannover. Etwa, wenn es darum geht, Wartungsarbeiten an Fabrikanlagen an externe Dienstleister zu vergeben.

Auch auf dem Bau sind Werkverträge normal. Ein Hochbaubetrieb soll beispielsweise ein Haus schlüsselfertig an den Auftraggeber übergeben. Der Unternehmer schließt Werkverträge mit einem Elektriker- und einem Klempnerbetrieb ab. Diese Auftragnehmer bringen dann ihre eigenen Mitarbeiter mit. So etwas sei unproblematisch, sagt Frank Schmidt-Hullmann, Leiter Internationales bei der IG Agrar-Bauen-Umwelt.

Allerdings vermuten Gewerkschafter und Politiker auch Missbrauch von Werkverträgen – etwa um Tarifverträge zu umgehen, um Löhne zu drücken und auch, um keine Abgaben an die Sozialkassen zu zahlen. „Wir glauben, dass der Missbrauch von Werkverträgen in ganz Deutschland in unterschiedlichen Branchen vorzufinden sein dürfte“, sagte etwa Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil (SPD) erst am Dienstag.

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