Unternehmen Renaissance eines Klimaschädlings

Die Braunkohle boomt fast wie zu DDR-Zeiten. Seit 1990 wurde nicht mehr so viel Braunkohlestrom erzeugt. Obwohl mit über 20 Milliarden Euro erneuerbare Energien gefördert wurden, steigen im Zuge des Atomausstiegs die CO2-Emissionen. Viel Arbeit für Minister Gabriel.

Peitz-Ost ist ein unscheinbarer kleiner Bahnhof nahe Cottbus. Hinter dem verwitterten roten Backsteinbau lockt eine Sumpf- und Seenlandschaft zum Wandern. Vögel nisten hier, Karpfen ziehen ihre Bahnen. Aber die Bahnhofstraße herunter ist es vorbei mit der Idylle. Waggons mit Brennstoff rangieren. Kohlegeruch sticht in der Nase. Aus neun Kühltürmen quellen dichte Dampfwolken. Ein Schwarm Wildgänse fliegt schnatternd durch den grau-weißen Kraftwerksqualm.

Umweltschützer brandmarken das Braunkohlekraftwerk Jänschwalde als einen der größten CO2-Verursacher bei der Kohleverstromung, der Tagebau lässt die Gegend drumherum wie eine Mondlandschaft aussehen. Mit 3000 Megawatt gilt die Vattenfall-Anlage nach dem RWE-Kraftwerk Neurath als zweitgrößtes Braunkohlekraftwerk in Deutschland. Es hat einen großen Anteil an einem Rekord, der so gar nicht zu der von der Bundespolitik propagierten Vision einer grünen Energiewende passt.

Anzeige

Mehr als 162 Milliarden Kilowattstunden (kWh) Strom wurden 2013 in deutschen Braunkohlekraftwerken erzeugt, hat die AG Energiebilanzen ermittelt, ein Bündnis der Energiewirtschaft, das die Zahlen zur Stromproduktion zu einer Gesamtbilanz für Deutschland zusammenführt.

Seit 1990 wurde nicht mehr so viel Braunkohlestrom erzeugt

Zuletzt wurde 1990 mit 171 Milliarden kWh mehr Braunkohlestrom erzeugt. Während der Anteil des Atomstroms seit der Fukushima-Wende von 140,6 Milliarden kWh (2010) auf 97 Milliarden gesunken ist, kletterte zwar auch die Stromgewinnung aus erneuerbaren Energien (Wind, Wasser, Sonne, Biomasse) auf den neuen Spitzenwert von 147,1 Milliarden kWh. Aber der Kollateralschaden des Atomausstiegs ist laut Experten wohl ein höherer CO2-Ausstoß im zweiten Jahr in Folge. Zumal auch Steinkohlestrom zugelegt hat, 2013 auf über 124 Milliarden kWh.

Energieminister Sigmar Gabriel (SPD) ist bisher nicht für einen kohlekritischen Kurs bekannt. Es gibt derzeit kein Steuerungselement, um etwa CO2-ärmere Gaskraftwerke wieder lukrativer zu machen. Im SPD-regierten Brandenburg wird zudem im September ein neuer Landtag gewählt: An der Braunkohleindustrie in der Lausitz hängen Tausende Jobs. Daneben ist Nordrhein-Westfalen Hort der Braunkohle – hier regiert Hannelore Kraft. Da viele NRW-Kommunen Anteilseigner an RWE sind, kann ein Ende des Kohlebooms einen Einnahmeeinbruch bedeuten.

Die Grünen gehen die SPD in dieser Frage frontal an. Gerald Neubauer von Greenpeace betont: „Der Kohleboom gefährdet inzwischen auch international die Glaubwürdigkeit Deutschlands bei Klimaschutz und Energiewende.“ In einer millionenschweren PR-Kampagne hatte die Atomlobby einst von „Deutschlands ungeliebten Klimaschützern“ gesprochen. Unabhängig wie man zu den Gefahren der Kernenergie steht, hat sie tatsächlich den deutschen Kohlendioxid-Ausstoß gedrosselt.

Effizientere Technik zur Stromerzeugung

Es ist schon paradox. Da sind zum einem die hohen Kosten der Energiewende. Nach 20,3 Milliarden 2013 werden 2014 etwa 23,5 Milliarden Euro Förderkosten für Solaranlagen, Windparks und Biomassekraftwerke über die Strompreise in Deutschland gewälzt. Ein Vier-Personen-Haushalt zahlt etwa 220 Euro Ökostrom-Umlage.

Zum anderen verpufft das klimapolitisch weitgehend, wenn zugleich Braunkohlestrom auf einem Niveau wie zu DDR-Zeiten produziert wird. Zwar wird heute wegen effizienterer Technik weniger Braunkohle eingesetzt, um dieselbe Menge Strom zu erzeugen. Sie hat aber einen niedrigen Energiegehalt als Steinkohle, entsprechend viel muss verfeuert werden, um Strom zu gewinnen. Was ist der Grund für die Renaissance der besonders klimaschädlichen Stromproduktion?

Zum einen gingen seit 2012 neue, sehr leistungsstarke Blöcke ans Netz, während alte Anlagen – auch zur Sicherung der Versorgung im Winter – oft in Betrieb bleiben. Zum anderen dümpelt der Preis für CO2-Verschmutzungsrechte im EU-Emissionshandel zwischen drei und fünf Euro statt erhofften 30 Euro. So ist die Stromgewinnung billig. Es gibt zu viele Zertifikate. Den Preis steigern würde eine Erhöhung des EU-Klimaziels von 20 auf 30 Prozent weniger CO2 bis 2020 – mit einer entsprechenden Verknappung der CO2-Rechte. Und: Der Braunkohletagebau genießt millionenschwere Rabatte bei den Ökostrom-Förderkosten.

Gaskraftwerke stehen wegen höherer Kosten oft still

Eigentlich sollten CO2-ärmere Gaskraftwerke als Brückentechnologie bei der Energiewende dienen, doch die stehen wegen deutlich höherer Brennstoffkosten oft still. Branchenkenner sehen inzwischen ein florierendes Geschäftsmodell mit deutschem Kohlestrom im Ausland.

Denn während in Deutschland Solarstrom gerade mittags häufig die Preise drückt, lässt sich der Kohlestrom anderswo zu dieser Zeit oft für gutes Geld verkaufen. Es überrascht daher nicht, dass 2013 mit über 33 Milliarden Kilowattstunden Strom auch ein neuer Rekord beim Exportüberschuss erzielt worden ist. Selbst wenn die Preise schlecht sind, ist es oft günstiger, alte Meiler durchlaufen zu lassen statt herunterzufahren. „Diese verdrängen damit Gaskraftwerke nicht nur im Inland, sondern auch im Ausland – insbesondere in den Niederlanden“, sagt Patrick Graichen von der Berliner Denkfabrik Agora Energiewende.

1 Kommentar
  • Renaissance eines Klimaschädlings 8. Januar 2014 07:41

    Klimaschädling?
    Bis jetzt ist es immer noch eine durch nichts bewiesene Theorie, daß der durch Menschen verursachte CO2 Ausstoß daß Klima signifikant verändert. Wenn dies so wäre, dann würde sich anschließend die Frage stellen, ob das Klima schlechter oder besser würde. In wärmeren Perioden hat es historisch betrachtet weniger Katastrophen für die Menschen gegeben als in kälteren (römisches Klimaoptimum…).
    In allen möglichen Artikeln wird ungeachtet der Tatsache, daß die wilde Theorie der Klimaschädlichkeit eben nur eine Theorie ist, postuliert, daß die Verbrennung von Kohlenstoff durch Menschen problematisch ist. Dies erinnert an das von einigen Pseudowissenschaftlern (Hoimar von Dithfurt..) postulierte Ende des deutschen Waldes.
    Bevor Politiker und Journalisten versuchen ganze Volkswirtschaften durch wilden Aktivismus zu ruinieren, sollten vielleicht erst mal Zahlen betrachtet werden.

Hinterlassen Sie einen Kommentar

(Kommentare werden von der Redaktion montags bis freitags von 10 bis 18 Uhr freigeschaltet)

Bitte beantworten Sie die Sicherheitsabfrage (Anti-Spam-Schutz): *Captcha loading...