Unternehmen Schattenwirtschaft auf niedrigstem Stand seit 20 Jahren

Die Schwarzarbeit in Deutschland ist auf dem Rückzug. Ihr Anteil an der gesamten Wirtschaftsleistung dürfte in diesem Jahr auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren sinken. Das Volumen ist aber nach wie vor riesig.

Man findet sie fast überall: Im Taxi, auf Großbaustellen oder beim Rasenmähen in Nachbars Garten. Schwarzarbeit ist in Deutschland weit verbreitet. Fast jeder siebte verdiente Euro wird am Fiskus vorbeigeschleust, haben das Tübinger Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) und Schattenwirtschaftsexperte Friedrich Schneider von der Universität Linz am Mittwoch vorgerechnet. Dem Zoll gelingen zwar immer wieder aufsehenerregende Fahndungserfolge gegen Schwarzarbeit im großen Stil. Doch die Fahnder haben es schwer: Denn ein großer Teil der Schattenwirtschaft spielt sich in Privatwohnungen ab.

168.000 Ermittlungsverfahren haben die Schwarzarbeitsfahnder vom Zoll 2011 eingeleitet. Dabei ging es um Steuer- und Abgabenbetrug in Höhe von über 660 Millionen Euro. Für die Täter gab es am Ende zusammengerechnet 2100 Jahre Gefängnis und 49 Millionen Euro Geldstrafen. Und trotzdem ist das letztlich nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Denn insgesamt schätzen Schneider und das IAW das Volumen der Schattenwirtschaft in Deutschland für dieses Jahr auf 340 Milliarden Euro. Das sind 13,2 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP).

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Der Anteil der Schwarzarbeit an der gesamten Wirtschaftsleistung dürfte damit auf den niedrigsten Stand seit 20 Jahren sinken. „Die Menschen haben gute Chancen, einen Arbeitsplatz in der regulären Wirtschaft zu bekommen. Für Schwarzarbeit fehlt ihnen dadurch schlicht die Zeit und die Motivation“, erklärte IAW-Geschäftsführer Bernhard Boockmann den Rückgang.

Unter den Mitgliedsländern der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) steht Deutschland im Mittelfeld. Negativer Spitzenreiter im Ländervergleich ist Griechenland, wo der Studie zufolge in diesem Jahr 24,6 Prozent gemessen am Bruttoinlandsprodukt am Fiskus vorbeigeschleust werden. Ebenfalls stark ausgeprägt ist die Schattenwirtschaft in Italien mit 21,1 Prozent, in Portugal mit 19,0 Prozent und Spanien mit 18,6 Prozent des BIP. In den USA ist sie der Modellrechnung zufolge wegen niedriger Lohnnebenkosten mit 6,6 Prozent am geringsten.

Wo in Deutschland schwarz gearbeitet wird

Großbaustellen in Deutschland, auf denen der Zoll von Zeit zu Zeit Hunderte Schwarzarbeiter auffliegen lässt, sind das eine. Doch viel häufiger finde Schwarzarbeit im Kleinen statt, sagen Experten. Etwa beim Handwerker, der nach Feierabend noch eine Baustelle auf eigene Rechnung macht. Bei der Putzfrau, die ihr Geld jedes Mal in bar bekommt. Oder beim Nachbarsmädchen, das abends als Babysitterin arbeitet. Sobald bei solchen Gefälligkeiten nennenswerte Beträge fließen, sei das Schwarzarbeit, sagt Zoll-Sprecherin Silke Borning.

Etwa acht Millionen Menschen sind auf diese Weise als Nebenerwerbs-Schwarzarbeiter tätig, schätzt Schneider. Vollzeit-Schwarzarbeiter gebe es hingegen nur knapp eine Million – vor allem Arbeitslose und Frührentner.

Strafverfahren

Dabei ist Schwarzarbeit aus Sicht des Gesetzgebers kein Kavaliersdelikt. Einem Handwerker, der zum Beispiel schwarz das Badezimmer einer Wohnung fliest, droht ein Strafverfahren wegen Steuerhinterziehung und Vorenthaltung von Sozialabgaben. Ein Hartz-IV-Empfänger, der neben dem Geld von der Arbeitsagentur noch Lohn aus Schwarzarbeit kassiert, begeht Sozialbetrug. Der Zoll komme solchen Fällen oft auf die Spur, weil etwa Nachbarn die Behörden informiert haben, sagt Borning. Am Ende drohen hohe Strafen.

Am weitesten verbreitet ist die Schwarzarbeit nach Schneiders Berechnungen im Baugewerbe und Bauhandwerk, wo 38 Prozent am Fiskus vorbei verdient werden. Es folgen Hotels und Gaststätten sowie das Kfz-Gewerbe mit jeweils rund 17 Prozent. Auch in haushaltsnahen Dienstleistungen etwa bei Nachhilfe, Putzen oder Babysitten mache Schwarzarbeit noch 15 Prozent aus. „Das sind Bereiche, in denen man relativ leicht arbeiten kann, weil man nichts anderes als seine eigene Arbeitskraft braucht“, sagt Schneider.

Leidtragende seien die Steuerzahler – und auch die ehrlichen Betriebe der Branche. „Wer Steuern und Sozialabgaben zahlt, der kann eine Leistung natürlich nicht so günstig anbieten wie jemand, der das nicht tut“, sagt IAW-Geschäftsführer Bernhard Boockmann.

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