Unternehmen Schiesser und der Joop

Aus der Pleite an die Börse. Der Unterwäschehersteller Schiesser inszeniert ein perfektes Auferstehungsstück. Wäre da nicht der eigenwillige Hauptdarsteller Wolfgang Joop.

Karl-Heinz wirkt etwas schlaff. Schief baumelt er im Schaufenster einer schicken Herrenboutique im Hamburger Szeneviertel St. Georg. Aber das stört nicht. „Der Karl-Heinz geht am besten“, sagt Ladenbesitzer Philipp Korselt. Karl-Heinz heißt die Feinrippunterhose von Schiesser. Ein Verkaufsschlager. Korselt tippelt zum Schaufenster, nimmt einen der altmodischen Schlüpfer von der Kleiderstange, reibt andächtig den Rechts-links-Baumwollstrick zwischen Daumen und Zeigefinger, streicht über die blau-weiß gestreifte Knopfleiste und sagt: „Dieses Produkt ist so cool.“

Schiesser und cool. Das ist wie Papst und Pille. Geht irgendwie nicht. Ging noch nie. Soll aber. Muss. Demnächst werden die Aktien des insolventen Wäscheherstellers an der Börse gehandelt. Gläubiger und Gericht haben dem Plan zugestimmt. Alles andere hingegen bleibt im Dunklen.

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Wie soll das gehen? Was ist der Plan, was die Story, die den Anlegern verkauft werden soll? Das Schiesser-Management ist im ablaufenden Jahr nicht mehr zu sprechen. Die Insolvenzverwaltung hält sich mit Konkretem zurück. Auch die Mitarbeiter rätseln: „Wie das genau aussehen soll, kriegen wir nicht mit“, sagt eine Vertriebsangestellte. Ungenau ist auch viel schöner: aus der Insolvenz direkt an die Börse. Raunen, Staunen, Jubel im Publikum. So ist das gedacht.

Vorbild ist der amerikanische Autohersteller General Motors (GM). Vorgestern zwangsweise in die Insolvenz geschickt, gestern an der Börse durchgestartet. So erfolgreich, dass die Papiere statt für 26 schließlich für 33 Dollar in den Handel gingen. Die Schiesser-Gläubiger hoffen auf eine Art „German GM“, schließlich sollen sie mit den Erlösen ausbezahlt werden. Insgesamt bestehen Forderungen in Höhe von rund 67 Mio. Euro. Bei einem Jahresumsatz von zuletzt 126 Mio. Euro.

Jenseits aller Jubelarien heißt das: Die Börse ist die letzte Chance für den 1875 in Radolfzell am Bodensee gegründeten Wäschehersteller, der 2009 in die Pleite rutschte. Zwar habe es Übernahmeangebote anderer Hersteller gegeben, sagt Insolvenzverwalter Volker Grub, doch immer sei ein Pferdefuß dabei gewesen. Manche hätten die Produktion vollständig nach Fernost verlegen wollen. Feinripp made in China? Ein Marketing-GAU. Schlimm genug, dass Schiesser ohnehin nur made in Osteuropa ist. Nein. Grub, ein Star der Bankrottbranche, verkauft lieber die Geschichte vom wiederauferstandenen Phönix.

Viel Phönix, wenig Asche

Was aber ist mit der Asche, die jeder Phönix braucht? Wirklich marode sei Schiesser nie gewesen, sagt der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbands Gesamtmasche Markus Ostrop. „Die Firma hatte spezielle Probleme, die sie aber schnell in den Griff gekriegt hat.“ Die meisten längst vor dem Konkurs.

Beispiel Lizenzgeschäfte, einer der Hauptgründe für die Pleite. „Die Lizenzen waren schon alle vor der Insolvenz gekündigt“, räumt Grub ein. Schiesser hatte Unterwäsche für Marken wie Tommy Hilfiger, Puma oder Mexx hergestellt. Das Geschäft lief schleppend, beanspruchte gleichzeitig eine enorme Vertriebsmannschaft. Die eigene Marke litt.

Auch die IT-Probleme und damit verbundene Lieferschwierigkeiten hatte das Unternehmen bereits im Griff: Nach einer missglückten Umstellung der Betriebssoftware waren im Computerchaos Aufträge und Rechnungen verschwunden. Schiesser lieferte zu spät oder gar nicht, verprellte Lizenzgeber und Einzelhändler. Weil es kaum Daten gab, produzierte man zwischenzeitlich nach Erfahrungswerten – und am Markt vorbei. Die teure Wäsche landete auf den Wühltischen. „Seit 2008 funktioniert alles reibungslos“, stellte der damalige IT-Leiter zum Pleitezeitpunkt 2009 fest.

Schießer? Eher für die Älteren.

Ausgerechnet als die Krise so gut wie überstanden war, verlor der Mehrheitseigner, das Schweizer Familienkonglomerat Hesta, die Lust an dem Unterhosenprojekt. Gerade mal 3 Mio. Euro sollen gefehlt haben, als Hesta den Geldhahn zudrehte, erzählt ein ehemaliger Manager. „Grub hat sich einen Tag hingesetzt, die Zahlen angeschaut und uns dann laufen lassen.“ Der Insolvenzverwalter nutzt die Chance, um die Belegschaft um 600 Mitarbeiter zu reduzieren. Schiesser schreibt noch im Insolvenzjahr wieder schwarze Zahlen.

Das war die Vergangenheit. In Zukunft muss sich das Unternehmen anderen Problemen widmen. Um die zu verstehen, führt der Weg hinaus aus Korselts Designerladen. Weg von der kleinen auf Retro gestylten Kultkollektion mit Karl-Heinz und Friedrich. Hin zum sogenannten Kerngeschäft, einige Hundert Meter weiter. Kaufhof, zweite Etage. Dort hängt auf billigen Plastikbügeln meterweise Feinripp, daneben Miederwaren. Seit Neuestem mit G- und H-Körbchen, erzählt die Verkäuferin. Die jungen Frauen kauften aber hauptsächlich Esprit. Schiesser? „Eher die Damen“, sagt die Verkäuferin und fügt hinzu, was sie eigentlich meint: „Die Älteren.“ Das ist die Gegenwart. Das ist Schiesser.

„Die haben schon so oft versucht, ihr Opa-Image abzustreifen“, sagt Mode- und Markenberater Franz Maximilian Schmid-Preissler. „Es ist immer eine alte Marke geblieben.“ Daran werde auch Grubs Wunderwaffe Wolfgang Joop nichts ändern. Der vermeintliche Jungbrunnen feierte kürzlich seinen 66. Geburtstag.

Joop sieht sich „als Stürmer im Team, das das Image der Marke verändern“ kann. Das bezweifeln viele. „Joop ist durch“, sagt Schmid-Preissler. „Das gibt’s doch an jeder Ecke.“

Obwohl Joop mit dem gleichnamigen Label längst nichts mehr zu tun hat, verspricht die Beliebigkeit, mit der sein Nachname auf Jeans, Bettwäsche oder Accessoires prangt, alles andere als „das Frische, die Simplizität“, für die der Altdesigner künftig bei Schiesser stehen möchte. Hinzu kommt: Wolfgang Joop sieht sich als Künstler, nicht als Rechner. Und gilt deshalb als unberechenbar. Seit er 2001 seine Anteile an Joop verkauft hat, restauriert er Villen, eröffnet ein Gourmetlokal, schreibt Bücher und kreiert sein neues Label Wunderkind. Als Geschäftsführer hält er es dort weniger als ein Jahr aus. Zwischendurch entwirft er eine Stützstrumpfkollektion.

Jetzt also Schiesser. Dort will der Modemacher eine wichtige Rolle spielen. Das ist schon länger klar, nur nicht, wie die aussehen soll. Das Drehbuch ändert sich oft: Kurz nach der Insolvenz möchte Joop sich mithilfe einer Investorengruppe das Unternehmen gleich komplett einverleiben. „Über eine geeignete Form der Übernahme wird man mit dem Insolvenzverwalter verhandeln“, ließ er damals verlauten. Und: „Wir trauen uns zu, den Umsatz innerhalb von drei Jahren zu verdoppeln.“

Heute ist weder vom einen noch vom anderen die Rede. Insolvenzverwalter Grub versteht Joop „in erster Linie als Berater“. Der hingegen gibt zu Protokoll: „Ich bin da nicht nur Berater, sondern will mit vollem Einsatz einsteigen.“ Und fordert 15 Prozent der Aktien obendrein. Grub sieht sich daraufhin bemüßigt, etwas klarzustellen: „Joops Aufgabe liegt bei Design und Marketing.“ Dann setzt er nach: „Er wird keine Vertretungsrechte für die Firma wahrnehmen.“

Es ist nicht leicht, den Kreativgeist wieder zurück in die Flasche zu bekommen. Doch Grub ist Profi. Er weiß, dass Joop für Gesprächsstoff sorgt, wenn auch nicht immer von der gewünschten Art. Mittlerweile will Joop „erst mal sicher mit beiden Füßen landen“ – und ein Aktienpaket von zehn Prozent. „Über eine Minderheitsbeteiligung ist der Einfluss gering“, betont Grub.

Wer wird Aktionär.

Wer die restlichen 90 Prozent der Schlüpfer-Aktie kaufen soll, ist unklar. Die Banken sehen gute Chancen, sagt Grub. Beim Verband der Insolvenzverwalter Deutschlands hingegen bezeichnet man den Börsengang als „Drahtseilakt“. Der Markt ist schwierig: Vor allem über den klassischen Weg in Kaufhäusern und Fachhandel werden die Hersteller ihre Ware nur mühsam los. „Heute gehen doch alle zu Tchibo oder H&M“, sagt Verbandschef Ostrop.

„Wer die Schiesser-Aktie kauft, muss ein Liebhaber sein“, sagt Markenberater Schmid-Preissler. Immerhin: Liebhaber gibt es. Das hat Schiesser schon bewiesen. Kurz nach dem Konkurs war der Umsatz durch Solidaritätskäufe um 20 Prozent in die Höhe geschossen.

„Damals haben die Leute gekauft wie verrückt“, erinnert sich auch Boutiquenbesitzer Philipp Korselt. Er hängt Karl-Heinz wieder zurück auf den Bügel, fährt sich durch den teuren Haarschnitt und sagt: „Schiesser an der Börse, da bin ich mal gespannt.“ Dann überlegt er kurz. Ja, vielleicht würde er sogar Aktien kaufen. Zumindest eine. „Für übers Bett.“

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