Unternehmen Sonnenfinsternis in der deutschen Solarindustrie

Subventionen haben deutsche Solarunternehmen reich gemacht. Jetzt werden die Zuschüsse gekürzt, und die Empörung ist groß. Leider nicht die über eigene Fehler. Davon gab's einige.

Als sie entmachtet wurden, nickten sie nur. Zu müde, um zu rebellieren, zu entmutigt, um zu protestieren. 95 Prozent der Aktien, erklärte Q-Cells-Chef Nedim Cen auf der Hauptversammlung der Solarfirma im März in Leipzig, gehen über in die Hände der Gläubiger. „Nur so ist das Unternehmen sanierungsfähig“, sagte Cen. Und mehr als 200 Aktionäre nickten stumm. Sie hatten noch den zweiten Teil des Satzes im Ohr: Ansonsten sei die Insolvenz unausweichlich.

Noch vor vier Jahren galt der damals weltgrößte Solarzellenhersteller als Energiemulti der Zukunft, als DAX-Kandidat, Börsenliebling, Geldmaschine. Heute steht Q-Cells vor dem Bankrott. Die Aktie hat 99 Prozent ihres Werts verloren. Und am 30. April muss die Firma aus Bitterfeld eine Anleihe über 500 Mio. Euro endlich tilgen. Selbst wenn es danach irgendwie weitergeht, ist nicht abzusehen, wie Q-Cells mit der Konkurrenz aus Asien mithalten will. Die Chinesen haben die Deutschen vom Platz an der Sonne verdrängt. Jahrelang waren hiesige Unternehmen wie Q-Cells die Pioniere der globalen Fotovoltaik-Industrie. Gepäppelt von milliardenschweren Förderprogrammen wurden Garagenfirmen wie Solarworld oder Conergy zu Riesen. Doch just zu dem Zeitpunkt, an dem Sonnenstrom wettbewerbsfähig wird, gehen die Pioniere in die Knie.

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Am Weltmarkt tobt ein gnadenloser Preiskampf, die Deutschen können kaum noch mithalten. „Einige Unternehmen haben vielleicht verkannt, dass es internationalen Wettbewerb gibt“, sagt Frank Asbeck, Vorstandsvorsitzender von Solarworld. „Sie haben sich nur auf staatliche Anreize verlassen.“

Doch die werden ab April gekürzt. Jetzt, da das Überleben nicht mehr so üppig über das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) subventioniert wird, stellt sich heraus: Deutschland ist für ein technologisch relativ einfach herzustellendes und kopierbares Produkt wie Solarzellen offenbar nicht der richtige Standort. Der Solarpionier Solon und der Kraftwerksentwickler Solar Millennium mussten Insolvenz anmelden, außer Q-Cells ringt auch Conergy ums Überleben. Angesichts der Förderkürzungen wird mit weiteren Pleiten gerechnet. Bis zu drei Viertel der deutschen Solarunternehmen könnten kaputtgehen, befürchtet Carsten Körnig, Hauptgeschäftsführer des Bundesverbands Solarwirtschaft.

Doch liegt das wirklich an der gedrosselten Förderung – oder am härteren Wettbewerb? Stuart Brannigan, Europa-Chef des chinesischen Modulherstellers Yingli, kritisierte schon vor zwei Jahren: „Die deutschen Hersteller haben keinen Anreiz, die Kosten zu senken.“ Obwohl sie wussten, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis chinesische Konkurrenten technisch gleichziehen würden. Und billiger waren die Asiaten schon immer.

Jetzt stürzen die Preise für Solarmodule weltweit in den Keller. Viele Hersteller haben Überkapazitäten aufgebaut, nun werden sie ihre Produkte nicht mehr los oder müssen sie unter Herstellungskosten verramschen. Dass dieser Zeitpunkt mit dem Abbau der deutschen Subventionen zusammenfällt, beschleunigt nur die unvermeidliche Auslese.

Niemand zahlt für Premium

Solarzellen und -module sind relativ einfach kopierbar. Der Vorsprung der Pioniere lässt sich schnell einholen, sofern man Kapital besitzt – und daran mangelt es den chinesischen Wettbewerbern nicht, die von der Regierung mit billigen Krediten gepampert werden. „Die Chinesen wachsen so schnell, weil die 5000 Leute einstellen und ihnen einen Lötkolben in die Hand drücken“, sagt Solarworld-Chef Asbeck. Aber selbst wenn die deutschen Produkte tatsächlich länger halten und ein bisschen mehr Strom produzieren – der Preis liegt teilweise um bis zu 25 Prozent über dem der asiatischen Wettbewerber. Maximal fünf Prozent Premium-aufschlag, sagen die deutschen Hersteller, sei für viele Kunden die Schmerzgrenze.

Da kann Asbeck die Produkte aus Fernost noch so verächtlich „Wegwerfartikel“ nennen: Es ändert nichts an der Analyse von Zhengrong Shi, Gründer des chinesischen Konkurrenten Suntech: „Viele deutsche Solarfirmen sind einfach nicht mehr wettbewerbsfähig!“ Damit trifft der Chinese einen wunden Punkt.

Kein Aprilscherz
Eingespeist Die Bundesregierung plant, Solaranlagen weniger zu fördern. Die Einspeisevergütung, die für ins Netz eingespeisten Strom gezahlt wird, wird zum 1. April gekürzt: bei Anlagen auf Hausdächern je nach Größe um 20 bis 30 Prozent und bei Anlagen auf Freiflächen um rund 25 Prozent. Solarkraftwerke auf Freiflächen von mehr als zehn Megawatt erhalten gar keine Einspeisevergütung mehr.
Abgespeist Demnächst werden sich wohl die Verfassungsrichter mit dem Thema beschäftigen müssen: Die mangelnde Übergangsfrist für derzeit vorbereitete Großkraftwerke wird ebenso kritisiert wie der Verstoß gegen das Gleichheitsprinzip, weil große Anlagen nicht mehr gefördert werden, kleinere aber doch.

Anstatt konsequent ihre Produkte zu verbessern und Kosten zu senken, haben sich einige hiesige Unternehmen tatsächlich lange in den großzügigen Subventionen gesuhlt. 56 Prozent der EEG-Gelder entfallen auf Solar, dieser Bereich liefert aber nur 21 Prozent des regenerativen Stroms. Die Zeche zahlt der Verbraucher, und zwar über die nächsten 20 Jahre. So lange garantiert das EEG die Vergütung. Schon für die jetzt verbauten Module kommen mehr als 100 Mrd. Euro zusammen. Die „verfehlte Subventionspolitik“ rügt selbst Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU). Auch deshalb senke die Bundesregierung die Fördersätze.

Chinesen. Und hinter denen: Chinesen

Und doch stimmt Shis Behauptung nur zum Teil. Schließlich ist der internationale Wettbewerb alles andere als fair. Ein Beispiel sind die großen Solarparks. Wo immer in der Welt sie geplant werden, fast immer werden deutsche Hersteller von chinesischen Wettbewerbern unterboten. „Die gehen zu den Projektbetreibern und sagen: ,Sagt uns, wie viel die übrigen Anbieter verlangen, wir machen es billiger‘“, berichtet ein Außendienstler von Solarworld.

„Im Prinzip kämpfen wir hier gegen den Staat China“, sagt Solarworlds Südostasien-Vertreter Max von Romatowski. Peking unterstützt die heimischen Unternehmen ungeniert: Startups bekommen Geld aus Fonds, auf Steuern wird teilweise jahrelang verzichtet. Die Deutschen vermuten, dass der Staat seine Solarkonzerne zudem mit billigem Strom und kostenlosem Land sowie Nullzinskrediten versorgt – das ist die Grundlage, um die Konkurrenz mit Dumpingpreisen aus dem Weg zu räumen.

Solarworld hat in den USA gemeinsam mit sechs US-Wettbewerbern eine Anti-Dumping-Klage gegen die Chinesen eingeleitet. Zudem prüfen die Bonner ein Verfahren in der EU. Sollte Solarworld den Rechtsstreit gewinnen, müssten Suntech, Yingli und andere chinesische Konkurrenten künftig wohl Strafzölle zahlen.

Den Eroberungsfeldzug der Chinesen dürfte das kaum aufhalten. Gilt doch ihr Heimatland als größter Absatzmarkt der Zukunft. „Offiziell ist der chinesische Solarmarkt für alle offen“, sagt Solarworld-Manager von Romatowski.

„De facto ist er für ausländische Hersteller abgeschottet.“ So erhebe China, nur als Beispiel, auf importierte Solaranlagen eine Steuer von 17 Prozent. Protektionismus pur.

Unter solchen Wettbewerbsbedingungen sind gekürzte Fördergelder in Deutschland fast noch das geringste Problem.

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 04/2012.

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