Unternehmen Steinmeier, die neue Liebe der Unternehmer

Die Verärgerung in der Wirtschaft über Schwarz-Gelb ist so groß, dass ihre Vertreter Gefallen an einem Sozialdemokraten finden: Frank-Walter Steinmeier lässt sich in Berlin von Familienunternehmern feiern - als Garant für Verlässlichkeit.

Er kommt auf Krücken, müht sich Schritt für Schritt durch den festlichen Palais-Saal des Berliner Nobelhotels Adlon, hinauf aufs Podium, ein Lächeln auf den Lippen: Frank-Walter Steinmeier, ein Sozialdemokrat inmitten von Familienunternehmern. Vor anderthalb Jahren haben die Unternehmer mehrheitlich die FDP und die Union gewählt, nur wenige die SPD. Und doch hat der Ex-Außenminister ein Heimspiel an diesem Samstagmittag, trotz Handicap, das zu wunderbaren Metaphern über den Zustand seiner Partei einlädt. Weil er so anders ist als der für zu leicht befundene Guido Westerwelle, als der Blender Karl-Theodor zu Guttenberg oder die prinzipienlose Kanzlerin, allesamt haben zuletzt dramatisch an Reputation eingebüßt, bei den Bürgern, aber auch bei den Unternehmern.

Steinmeier verkörpert das, was den Familienunternehmern so wichtig ist: Bodenständigkeit, Berechenbarkeit, Verlässlichkeit. „Ein perfekter Außenminister“, schwärmt ein Unternehmer nach der Rede, in der Steinmeier einen Bogen von der Außenpolitik über die Währungskrise bis zur Energiewende schlägt. „Man müsste sich die Regierung selbst zusammenstellen können“, sagt der Unternehmer später, „die Besten aus allen Parteien.“

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Scharfe Kritik an Kanzlerin Merkel

Vor einem Jahr noch ließen sich die Unternehmer von Guttenberg mitreißen, standen auf und applaudierten, als der junge Minister, ihr Hoffnungsträger, schnellen Schrittes den Palaissaal durchschritt und sich hinter das Rednerpult schwang. Ein Mann mit Charisma! Zwölf Monate später ist die Ernüchterung groß – und die Verärgerung über eine angeschlagene Koalition, die einst als Wunschkonstellation galt. Die 300 Unternehmer, die zum „Tag des deutschen Familienunternehmens“ nach Berlin gekommen sind und Marken wie Brandt Zwieback oder Playmobil, Trigema oder Müller Milch, Otto oder Kärcher vertreten, nutzen die Gelegenheit zur Abrechnung, lassen FDP-General Christian Lindner ihren Unmut spüren, fordern offenen einen Putsch gegen Westerwelle, verabschieden CSU-Innenminister Hans-Peter Friedrich mit lauwarmem Applaus, äußern scharfe Kritik an der Kanzlerin – und feiern einen Sozialdemokraten.

„Das Konrad-Adenauer-Haus wird gerade innen und außen grün gestrichen“, sagt Steinmeier süffisant, „das verstehe ich nicht unter verlässlicher Politik.“ Und erntet starken Applaus. Der Unmut über Angela Merkel, die binnen weniger Tage die gesamte Energiepolitik auf den Kopf gestellt hat, ist groß unter den Unternehmern, sie haben ihr nicht verziehen, dass sie ihre Hoffnung so enttäuscht hat. International versäume es die Regierung, Einfluss auf die Veränderungsprozesse zu nehmen, reitet Steinmeier, betont sachlich, seinen nächsten Angriff auf Schwarz-Gelb. Dass US-Präsident Barack Obama bei seiner Europareise in Irland, Großbritannien, Frankreich und Polen Halt mache, aber nicht in Deutschland, sei ein alarmierendes Signal: „Das ist kein gutes Zeichen für die transatlantischen Beziehungen.“ Zustimmung im Saal. Deutschland werde nicht mehr als Land mit Gestaltungswillen wahrgenommen. „Wir sind zu sehr in die Rolle des Zuhörers zurückgefallen.“

Und dann findet der SPD-Mann am Ende zurück zur Situation in Deutschland – und macht ein Angebot zur Verbrüderung. Viele managergeführte Unternehmen hätten in den vergangenen zwei Jahren Vertrauen massiv zerstört. „Sie als Familienunternehmer wissen aber, dass es einen wirtschaftlichen Erfolg nie ohne soziale Balance gibt.“ Starker Applaus im Saal, als Steinmeier sich beim Publikum bedankt und zu seinen Krücken greift. Die Familienunternehmer hat er mitgerissen, die Bevölkerung ist weiter skeptisch. Am Wochenende melden die Agenturen: Erstmals seit 1906 hat die SPD weniger als 500.000 Mitglieder.

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