Unternehmen Stromnetze trotzen Kälte

Kritiker der Energiewende waren sich sicher: Im Winter brauchen die deutschen Stromnetze Unterstützung. Doch die Leitungen sind trotz eisiger Temperaturen stabil. Deutschland muss nicht importieren, sondern exportiert in diesen Tagen sogar Strom.

Es ist noch nicht lange her, als notorische Schwarzmaler, Nörgler und Pessimisten das Schlimmste befürchteten. In Deutschland gingen die Lichter aus, es drohe ein Kollaps der gesamten Energieversorgung. Im Zuge der Energiewende waren zuvor acht Kernkraftwerke vom Netz genommen worden. Und die Chefs der Energiekonzerne zeterten: Ohne Frankreichs Atommeiler drohe ein Stromausfall in Deutschland. „Im Winter werden wir uns nicht auf diese Helfer verlassen können“, warnte RWE-Chef Jürgen Großmann. Die Stabilität der Netze gerate in Gefahr, sekundierte Johannes Teyssen vom Eon-Konzern.

Doch nun zeigt sich, die Netze trotzen selbst der bittersten Kälte. „Die Lage ist angespannt, aber nicht kritisch“, sagt eine Sprecherin des Netzbetreibers TenNet. Positiv auf die derzeitige Lage wirkten sich die vielen Photovoltaik-Anlagen im Süden der Republik aus. TenNet hatte vor gut zwei Jahren das 10.700 Kilometer lange Höchstspannungsnetz von Eon übernommen. Alle Kraftwerke seien am Netz und die Last sei nicht extrem hoch. Nur einmal – aber das war vor dem Kälteeinbruch – griff TenNet auf eine Kaltreserve in Österreich zurück, als der Atommeiler Grundremmingen wegen eines Brennelementewechsels im vergangenen Jahr vorübergehend vom Netz musste.

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Normales Geschäft meldet auch der Netzbetreiber Amprion, der früher zum RWE-Konzern gehörte. Die Lage in den gut 12.000 Kilometer langen Höchstspannungsnetzen sei stabil, heißt es. Es müsste über einen längeren Zeitraum noch kälter sein und auch die Tagestemperaturen in den zweistelligen Minusbereich fallen, bevor Probleme entstünden, sagt Amprion-Sprecher Andreas Preuss. In Nordrhein-Westfalen drohe wegen der Nähe der stromerzeugenden RWE-Kraftwerke ohnehin kein Engpass.

Auch bei der Bundesnetzagentur werden kältebedingt keine außergewöhnlichen Aktivitäten zur Netzstabilisierung festgestellt. „Wir haben Vorsorge getroffen“, heißt es lapidar. Anfang September hatte die Behörde nach einer umfangreichen Inventur aller Stromerzeugungskapazitäten konventionelle Kraftwerke in Deutschland und Österreich mit jeweils gut 1000 Megawatt benannt, auf die die Netzbetreiber im Bedarfsfall zurückgreifen können – die sogenannte Kaltreserve.

Selbst im Außenhandel zeigt sich die Stromwirtschaft in diesen Tagen in bester Verfassung. In der täglichen Übersicht des Verbandes der europäischen Übertragungsnetzbetreiber Enso steht Deutschland in diesen Tagen häufig als Nettoexporteur von Strom da. Während die Franzosen in diesen Tagen verstärkt zum Energiesparen angehalten werden, liefert Deutschland Strom dorthin. Auch für das vergangene Jahr, so eine Studie für die Bundestagsfraktion der Grünen, sei Deutschland trotz der Abschaltung der Atommeiler nicht zum Stromimporteur geworden.

So bleibe über das gesamte Jahr unter dem Strich ein Netto-Export von rund 6000 Gigawatt. Insgesamt zeige sich dabei, das etwa drei Viertel der stillgelegten Kernkraftwerke durch entsprechende Strommengen im Inland ausgeglichen worden seien, davon auch ein guter Teil aus erneuerbaren Energien. Und deren Anteil am Strommix erhöhte sich nach Angaben des Bundesverbandes Energie und Wasserwirtschaft auf gut 20 Prozent.

Das starke Wachstum sei erfreulich, heißt es beim Verband, erhöhe aber zugleich auch den Handlungsdruck für den Netzausbau. Denn dieser halte nicht annähernd mit der Dynamik der Erneuerbaren Schritt. Der nächste Winter kommt bestimmt und weitere Atommeiler werden auch in den kommenden Jahren vom Netz gehen. Amprion-Sprecher Preuss: „Wir sind gewappnet, und hoffen, dass der Ernstfall nicht eintritt“.

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