Unternehmen Stuttgart bekommt grünen Oberbürgermeister

Der Grüne Fritz Kuhn hat für seine Partei den ersten Oberbürgermeister-Posten in einer Landeshauptstadt erobert. Er gilt als wertkonservativ, bürgerlich - und als Stuttgart-21-Kritiker. Das Nachsehen in der Stichwahl hatte Sebastian Turner, Gründer der Werbeagentur Scholz & Friends.

Stuttgart wird grün: Nachdem die CDU vor eineinhalb Jahren bereits das Amt des Ministerpräsidenten an die Grünen verlor, muss sie nun auch den Oberbürgermeister-Posten an die Konkurrenz abgeben. Grünen-Realpolitiker Fritz Kuhn wird erster Rathauschef seiner Partei in einer Landeshauptstadt überhaupt. Während die Grünen den Triumph am Sonntag ausgelassen feiern, hat die Stimmung bei der Südwest-CDU einen weiteren Tiefpunkt erreicht. Sie hatte den OB-Sessel 38 Jahre inne.

Der von CDU, FDP und Freien Wählern aufgestellte parteilose Kandidat und Gründer der Werbeagentur Scholz & Friends, Sebastian Turner, lag mit 45,3 Prozent der Stimmen weit abgeschlagen auf dem zweiten Platz. Kuhn war ihm mit 52,9 Prozent um Nasenlängen voraus. Er profitierte auch davon, dass die von der SPD aufgestellte Kandidatin Bettina Wilhelm und der Stuttgart-21 -Gegner Hannes Rockenbauch im zweiten Wahlgang nicht mehr angetreten waren. Ein Großteil der Stimmen für Wilhelm und Rockenbauch dürften nun auf Kuhn entfallen sein – die SPD hatte zum zweiten Wahlgang ausdrücklich für den Grünen geworben. Dagegen ging der Plan von Turner, das bürgerliche Lager noch stärker für sich zu mobilisieren, nicht auf.

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So schließt sich ein Kreis dort, wo er vor mehr als 30 Jahren seinen Anfang genommen hatte: Es war in Baden-Württemberg, wo die Grünen 1980 ihren Bundesverband gründeten und das erste Mal in einem Flächenland in einen Landtag einzogen. Fritz Kuhn war damals dabei, bevor er in der Bundespolitik als Partei- und Fraktionschef Karriere machte. Schon 1996 schickten sich die Grünen an, in Stuttgart den OB zu stellen. Doch Rezzo Schlauch – ebenfalls ein ausgewiesener Realo – lag damals knapp hinter Wolfgang Schuster (CDU), der die Stadt bis jetzt führt und nicht für eine dritte Amtszeit zur Verfügung stand. Im Gemeinderat sind die Grünen bereits seit 2009 stärkste Kraft.

Kuhn bezeichnet sich als wertkonservativ und als bürgerlich – im Sinne eines Menschen, der sich in die Belange des Gemeinwesens einmischt. Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der sich als „Landesvater“ ungebrochener Popularität erfreut, geht wandern, ist Naturfreund und Mitglied in einem Schützenverein. Mit dieser Bodenständigkeit kommen die Realos offensichtlich auch im gutbürgerlichen Milieu an. Ihre Stärke dürfte aber auch etwas mit der Schwäche der anderen zu tun haben: Die Südwest-CDU hat sich noch nicht von der verlorenen Landtagswahl erholt. Die Nachwehen des umstrittenen EnBW-Milliardendeals unter dem damaligen Regierungschef Stefan Mappus (CDU) beschäftigen bis heute Öffentlichkeit und Landtag.

Der Streit um das Bahn-Megaprojekt Stuttgart 21 hat zwar an Sprengkraft verloren, ist aber noch nicht ganz beigelegt. Kuhn gilt als Kritiker. Der Grüne will aber das Ergebnis der Volksabstimmung aus dem Herbst 2011 akzeptieren, in der die Baden-Württemberger mehrheitlich für den Weiterbau stimmten.

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