Unternehmen Süffig im Abgang

Braumeister Marc Rauschmann macht Bier, das nach Blumen riecht.

Braumeister Marc Rauschmann macht Bier, das nach Blumen riecht.© Malte Jäger

Marc Rauschmann ist promovierter Braumeister und bringt Edelbiere auf den ­deutschen Markt. Die werden degustiert wie Wein. Und auch so bezahlt.

Sind die betrunken, oder was ist hier los? Auf den roten Barhockern in Harry’s New York Bar in Berlin sitzen Männer und Frauen, die vorsichtig Bier aus ­Rotweingläsern nippen. Sie schwenken und schnüffeln – am Bier! Reden von Körpern und Abgängen – von Bier! In ihrer Mitte steht Marc Rauschmann, 43. Er wirkt ein wenig nervös. In der Hand hält er eine Flasche, die wie Cham­pagner aussieht. Daraus gießt er immer wieder Bier in die leeren Gläser.

Bei dieser „Bier-Degustation“ geht es nicht um Pils oder Weizen, sondern um „Gourmetbier“, erklärt Rauschmann. Bier, das wie guter Wein getrunken werden soll – und auch so viel kostet. Im Schnitt zahlen Kunden in Deutschland zwischen 1,20 und 1,50 Euro für einen ­Liter Bier. Die erfolgreichste Brauerei Deutschlands, Oettinger, verkauft gar einen ganzen Kasten (zehn Liter) für 5,99 Euro.

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Marc Rauschmann, promovierter Braumeister und Wirtschaftsingenieur, verlangt ein Vielfaches: 8 bis 10 Euro je Liter. Damit bricht er die wichtigste Regel des Markts: Bier hat billig und immer verfügbar zu sein. „Für die Deutschen ist Bier so was wie Milch oder Wasser aus dem Hahn – nichts, worüber man sich Gedanken macht“, sagt der amerikanische Autor und Braumeister Garrett Oliver, der zur Unterstützung seines Handelspartners angereist ist.

In den USA hat die sogenannte Craft-Beer-Bewegung bereits rund 2000 Klein- und Kleinstbrauereien hervorgebracht. Sie etablierten in ihrer Heimat Degustationsbier als Alternative zum Wein. Mittlerweile machen solche Premium­biere fünf Prozent des in den USA getrunkenen Biers und zehn Prozent des Umsatzes aus. In Belgien, England und Italien breiten sich die Craft Beers ebenfalls aus.

Freigelassen im Konzern

Handgemachte Biere mit erlesenen Zutaten, die müssten in einer Biertrinkernation wie Deutschland doch auch gut ankommen, dachte sich Rauschmann. Er liebt Bier, richtig gutes Bier, sagen Kollegen über ihn. „Einen Bierfreak“ nennt ihn etwa Fritz Wülfing, Chef der kleinen Marke Fritzale aus Siegburg. Rauschmann sei ein Macher mit einer Mission und Willen zum Erfolg. Eben ein typischer Unternehmer.

Doch als sich die Idee des Edelbiers in seinem Kopf festsetzt, ist Rauschmann seit neun Jahren fest angestellt – als Bereichsleiter für Qualitätssicherung, Technologie und Produkt­entwicklung bei Radeberger. In einer Großbrauerei also, die wiederum zum Oetker-Konzern gehört und mit Marken wie Binding, Henninger, Radeberger oder Berliner Kindl ­genau das Einheitsgebräu herstellt, von dem sich Rauschmann absetzen will. Statt zu kün­digen und sich mit seiner Idee selbstständig zu machen, schreibt der Braumeister einen Businessplan. Sein Arbeitgeber ist begeistert von der Idee und verspricht ihm großzügige Unterstützung. Als Erstes finanziert ihm der Konzern eine weltweite Bierexpedition über vier Monate.

„Wir haben uns von der Idee unseres Mit­arbeiters, ein neues Marktsegment neben dem ‚gelernten‘ Biermarkt zu erarbeiten und zu ­etablieren, begeistern und mitreißen lassen“, so eine Sprecherin der Radeberger Gruppe. „Da ging es um mehr als trockene Unternehmens­bilanzen.“ Selbstlos ist das Engagement natürlich nicht. Der Absatz von Bier schrumpft seit Jahren, die Hersteller suchen nach Innovationen. „Immer mehr Gastronomen fragen: Schenke ich weiter Radeberger aus, oder ist es vielleicht cooler, auf ein lokales Craft Beer zu setzen?“, sagt der Sommelier Billy Wagner aus dem Berliner Sternerestaurant Rutz.

Im August 2010 wird Braufactum gegründet. Rauschmann fühlt und handelt wie ein Unternehmer, sagt er. Über Radeberger spricht er ­selten – zumal sich die Story, dass ein Großkonzern handgefertigte Manufakturbiere braut, schlecht vermarkten lässt. „Braufactum agiert völlig eigenständig“, betont Rauschmann: mit eigenen Brauern, eigenen Vertriebswegen, eigener Logistik, eigenem Marketing. Der Braumeister entwickelt alle Rezepturen selbst, ohne dass das Mutterunternehmen ihm reinredet. Produziert wird in drei kleineren Brauereien, von denen nur eine Radeberger gehört. „Darüber hinaus gibt es einige Bereiche, bei denen uns die Gruppe von einer sonst lähmenden ­Bürokratie entlastet, beispielsweise bei der Abwicklung der Biersteuer“, sagt Rauschmann. „Somit haben wir mehr Zeit, uns um das Wesentliche zu kümmern.“

Zu seinem Gewinn will sich Rauschmann nicht äußern. Nur die Zahl der Verkaufsstellen verrät er, die sich innerhalb des ersten Jahres verzehnfacht hat. Mittlerweile steht Braufactum deutschlandweit in 250 Läden. Die Margen für „Clan – hochwertiges Scotch Ale“, „Marzus – charaktervolles Märzenbier“ und Thüringens Beitrag zur Weltkultur, „Darkon – elegantes Schwarzbier“, dürften hoch sein, das lässt sich leicht ausrechnen: Laut Deutschem Brauer-Bund liegt die Gewinnspanne bei einem üblichen Bier um drei Prozent, manchmal darunter. Ein Liter Industriebier zu brauen und abzufüllen kostet im Schnitt 43 Cent. Rauschmann sagt, seine Edelvariante sei in der Herstellung etwa viermal so teuer, wegen der Zutaten, der Handarbeit und der schicken Flaschen. Macht 1,70 Euro je Liter – beim Verkaufspreis von 8 bis 10 Euro.

Partygänger und Stammtischbrüder schreckt dieser Preis eher ab. Rauschmann konzentrierte sich deshalb von Anfang an auf eine neue Zielgruppe: Weintrinker. „Das sind Leute, die zu uns passen. Die haben Spaß am Genuss und an hochwertigen Produkten.“ Seine Biere platziert Rauschmann im Weinhandel, in Feinkostgeschäften und in der Spitzengastronomie. Zudem war Braufactum in diesem Jahr auf allen wichtigen Weinveranstaltungen und kooperiert mit dem Verband Deutscher Prädikatsweingüter.

Auch zur Verkostung in Harry’s New York Bar hat Rauschmann neben einem Duzend Bloggern, die im Internet über Bier schreiben, etliche Weinkritiker eingeladen. Gemeinsam erschmecken sie Blüten- und Fruchtnoten. Im „Progusta“, einem Indian Pale Ale, finden sie unter Einsatz von Zunge und Nase das Aroma von Aprikosen und Orange. Rauschmann spricht über Spezialmalze und erklärt, wie Biere im Fass lagern und reifen. Genau wie ein guter Wein. Rauschmann lächelt die Weinkritiker an. „Bei uns heißt der Winzer Braumeister.“

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