Unternehmen Trotz alledem

Auch wirtschaftliche Gründe sprechen für behinderte Mitarbeiter.

Auch wirtschaftliche Gründe sprechen für behinderte Mitarbeiter.© Andreas Jung für impulse

Behinderte Mitarbeiter schaffen weniger als andere, haben mehr Urlaub und müssen betreut werden. Warum es sich dennoch lohnt, sie zu beschäftigen.

Ihre Bewegungen wirken einstudiert. Wie eine Choreografie, die sie seit Jahren aufführen. Sie schauen sich nicht an und wissen trotzdem, was der andere macht. Die zwei Männer im Arbeitsanzug greifen sich aus einer Kiste je eine Handvoll Metallfedern und stecken sie in die Löcher eines Stahltellers. Ihre Augen hinter der Schutzbrille sind fixiert auf die flinken Hände. Sie treten synchron einen Schritt von der Maschine zurück. Der Größere der beiden drückt auf die Schaltfläche eines Displays. Der Teller dreht sich wie ein Karussell. Funken sprühen. Als die Maschine stoppt, treten die Männer wie auf ein geheimes Kommando vor und prüfen die geschliffenen Federn. Dass einer von ihnen behindert ist, sieht man nicht.

Die beiden Männer arbeiten in der Schleiferei der Firma Schrimpf & Schöneberg, eines von rund 800 Unternehmen in Deutschland, das mindestens ein Viertel der Arbeitsplätze einer Abteilung mit schwerbehinderten Menschen besetzt hat. Die meisten sind geistig behindert oder psychisch krank. „Sie sind bei uns voll integriert“, sagt Geschäftsführer Knut Schuster. Mitarbeiter mit Handicap arbeiten mit Nicht­behin­der­ten zusammen.

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Schuster und sein Partner Jürgen Hammermeister reden gern darüber, wie es dazu kam. Wörter wie „sozial“, „gesellschaftliche Verantwortung“ und „Chancengleichheit“ kommen in ihrer Geschichte kaum vor. „Das hat damit nichts zu tun. Das ist eine betriebswirtschaft­liche Entscheidung“, sagt Hammermeister. Man muss kein Samariter sein, um behinderte Menschen einzustellen. Man muss nur clever sein.

Bei Schrimpf & Schöneberg im nordrhein-westfälischen Hagen-Hohenlimburg wird Draht zu Metallfedern gewickelt, und die Kanten werden geschliffen, bis sie eben und glatt sind. Diese Federn tun dann ihren Dienst etwa in Druckknöpfen und Rückspiegeln von Autos. Die Arbeit in der Schleiferei ist lohnintensiv: Jede Maschine muss von einem Mitarbeiter bedient werden. Früher machten das auch Studenten. „Die waren schon nach kurzer Zeit nicht mehr bei der Sache. Denn die Arbeit ist monoton, nicht sonderlich anspruchsvoll“, sagt Schuster. Seit drei Jahren schleifen deshalb 16 Behinderte die Metallfedern.

„Viele Mitbewerber haben die Arbeit in Niedriglohnländer ausgelagert“, sagt Schuster und klingt erleichtert, dass seine Firma diesen Schritt nicht gegangen ist. Zu aufwendig für einen Mittelständler mit 76 Mitarbeitern und 9 Mio. Euro Jahresumsatz. Um eine eigene Fertigung im Ausland zu betreiben, muss die Firmenleitung ständig vor Ort sein. Das kam für die Geschäftsführer, die nur ein paar Minuten von den Produktionshallen entfernt wohnen, nicht infrage. Jetzt rattern die Maschinen direkt vor der Haustür – nur die Menschen, die daran arbeiten, sind eben ein wenig anders.

Ausland, nein danke. Zu diesem Schluss ist auch Ralf Sinning gekommen: „Wie die Sachen damals schon angeliefert wurden. Man hatte das Gefühl, Zirkus Sarrasani kommt auf den Hof gefahren“, sagt der Betriebsleiter. Die Firma Sinning stellt Holzpaletten für Volkswagen her. 2002 ließ der Betrieb mit 25 Mitarbeitern die Kufen in Polen und Tschechien an die Paletten nageln. Die fertigen Produkte kamen mit dem Lastwagen zurück zum Firmenstandort im hessischen Baunatal. „Die Paletten waren schlecht gesichert“, erzählt Sinning. Auch sonst war er mit der Qualität nicht zufrieden. Mittlerweile hat er die Fertigung wieder ins Unter­nehmen eingegliedert – und beschäftigt einen hörgeschädigten Schreiner und einen geistig behinderten Produktionshelfer.

Deutlicher Kostenvorteil

Beispielrechnung:
Die Firma Schrimpf & Schöneberg hat zwölf Arbeitsplätze geschaffen, 340.000 Euro investiert. Der Vergleich zeigt, welche Kosten mit behinderten im Gegensatz zu nicht behinderten ­Beschäftigten auf fünf Jahre verteilt pro Arbeitsplatz entstehen.

 

 

Nicht behinderter Mitarbeiter
(in Euro)

behinderter Mitarbeiter
(in Euro)

 

Jahresgehalt

19.200

19.200

+

Investitionskosten

5.600

5.600

+

Ausgleichsabgabe

129

0

+

Betreuungsaufwand

0

2.520

+

Kosten wegen Minderleistung,
ca. 30 Prozent

0

5.760

−

Investitionskostenzuschuss
pro Arbeitsplatz

0

2.800

−

Lohnkostenzuschuss von
30 Prozent

0

5.760

−

Betreuungspauschale

0

2.520

−

Eingliederungszuschuss
(wenn Mitarbeiter mind. fünf
Jahre im Unternehmen bleibt)

0

800

Andere Branche, gleiche Geschichte: Das Backhaus Lüning wollte die Produktion unbedingt vor Ort halten. Das Familienunternehmen in Bingen bei Mainz betreibt 50 Filialen mit Brötchen, Brot und Kuchen aus eigener Herstellung. Vom Teigkneten bis zur Ankunft des Brötchens auf dem Frühstückstisch bleiben Lüning fünf Stunden. Ein sehr enges Zeitfenster, sagt Prokurist Wolfgang Scherf. Da müssen alle ­Abteilungen Hand in Hand arbeiten. Auch beim Spülen und Stapeln von Körben und Kisten, in denen die Backwaren transportiert werden. „Die Hygienestandards müssen zu 100 Prozent erfüllt sein“, sagt Scherf. Das stellen jetzt sechs behinderte Mitarbeiter sicher.

Warum Behinderte? Weil es sich rechnet. Weil man mit ihnen günstig produzieren kann. Aber da ist noch etwas: weil sie motivierte Mitarbeiter sind. Darin sind sich die Chefs einig.

Das Rattern der Maschinen übertönt fast jedes Geräusch. Monika Gloerfeld geht durch die Produktion und schreit fast, um gehört zu werden. „Mit den behinderten Kollegen kann man nicht wie mit den anderen reden. Einfach sagen, was zu tun ist, reicht nicht“, sagt die Frau, die bei Schrimpf & Schöneberg die Mitarbeiter mit Handicap betreut. „Sie wollen auch Persönliches loswerden.“ Sie bleibt stehen und gibt ­einem großen Mann im Blaumann die Hand: „Herr Becker, haben Sie nicht nächste Woche Geburtstag?“ „Ja“, antwortet Dirk Becker und lächelt. „Dann gebe ich Kuchen für die Kollegen aus.“ Er greift sich eine Handvoll Federn und steckt sie in die Löcher eines Stahltellers.

Der 47-Jährige kam vor etwa drei Jahren zu Schrimpf & Schöneberg. Vorher arbeitete er zehn Jahre lang in den Iserlohner Werkstätten, einer sozialen Einrichtung, die geistig Behinderte und psychisch Kranke beschäftigt. Ob es ihm hier jetzt besser gefällt? Der große, kräf­tige Mann lächelt noch mehr als bei der Frage nach seinem Geburtstag. Oh ja, er verdiene jetzt mehr Geld, könne sich ein Auto leisten. Aber das ist es nicht allein, was Becker so froh aussehen lässt: „Die Arbeit ist abwechslungsreich.“ Der Mann im Blaumann zeigt stolz auf dem Display, was er alles einstellen muss: wie oft und wie lange sich der Stahlteller drehen, wie viel die Maschine von der Feder abschleifen soll. ­Eine echte Herausforderung für Becker: „Jede Feder ist anders.“

Zuschüsse für weniger Leistung

Motivierte Mitarbeiter, Produktion gesichert, alles prima. Nicht ganz. Hammermeister und Schuster kennen auch die Nachteile: „Natürlich sind unsere behinderten Mitarbeiter nicht so leistungsstark wie die anderen“, sagt Schuster. Sie sind öfter krank, haben fünf Tage mehr Urlaub pro Jahr, leisten etwa 70 Prozent von dem, was Kollegen ohne Handicap leisten. Dabei ­bekommen sie den gleichen Lohn wie die Nicht­behin­der­ten. Wenn ein Mitarbeiter sich beschwert, dass die Behinderten weniger leisten, erwidert er: „Ja, aber wir bekommen auch Zuschüsse für den Kollegen.“ Ohne die „würde sich das gar nicht rechnen“.

Doch das war dem Mittelständler und seinem Partner von Anfang an klar. Sie wissen, was es heißt, mit behinderten Menschen zu arbeiten. Seit den 80er-Jahren vergibt Schrimpf & Schöneberg Aufträge an die Iserlohner Werkstätten. „Die Zusammenarbeit klappt richtig gut“, sagt Hammermeister. Deshalb war der Schritt gar nicht so groß, Behinderte fest einzustellen. Als sich die Firma entschloss, ihre Produktion am Standort auszuweiten, stand dem Unternehmen das Integrationsamt des Landschaftsverbands Westfalen-Lippe (LWL) zur Seite. Half nicht nur, die richtigen Leute zu finden, sondern auch finanziell. „Wir waren mitten in der Krise, die Auftragseingänge sind um bis zu 60 Prozent eingebrochen.“ Trotz Ebbe in der Kasse wollte der Mittelständler 340.000 Euro investieren. Da kam der Zuschuss vom Integrationsamt in Höhe von 170.000 Euro für zwölf Arbeitsplätze gerade recht. Schrimpf & Schöneberg richtete eine neue Produktionshalle mit Umkleide- und Toilettenräumen ein und kaufte drei Schleifmaschinen. Dabei mussten die Sanitäranlagen und die Apparate nicht einmal behindertengerecht sein. An den Maschinen können auch Nicht­behin­der­te arbeiten.

Die Förderprogramme unterscheiden sich von Bundesland zu Bundesland; wie viel ein Unternehmen bekommt, wird von Fall zu Fall entschieden. Hauptsache, es entsteht ein neuer Arbeitsplatz für einen Behinderten. Auch der Holzpalettenhersteller Sinning in Hessen hat fast die Hälfte einer 100.000 Euro teuren Investition ersetzt bekommen. Mit dem Geld hat er eine Maschine mit einem Roboter ausgestattet, der das Heben von Paletten erleichtert.

Zusätzlich zu den Investitionszuschüssen ­bekommt Schrimpf & Schöneberg 30 Prozent zum Lohn und eine monatliche Pauschale von 210 Euro für die Betreuung des behinderten Mitarbeiters. Außerdem entfällt natürlich die Ausgleichsabgabe, die Unternehmer zahlen müssen, wenn sie keine Behinderten einstellen. Deren Höhe wird nach der Größe des Betriebs festgelegt. Die Bäckerei Lüning mit 650 Mit­arbeitern müsste ohne Behinderte mehr als 113.000 Euro jährlich bezahlen. „Für uns lohnt es sich schon, dass wir von der Ausgleichsabgabe befreit sind“, sagt Lüning-Prokurist Scherf.

Dass der Staat so großzügig ist, hat einen einfachen Grund: Auch er will sparen. Die Arbeitslosenquote bei Schwerbehinderten ist doppelt so hoch wie die allgemeine. Ein Platz in einer sozialen Einrichtung wie den Iserlohner Werkstätten kostet den Landschaftsverband West­falen-Lippe jährlich 14.000 Euro pro Person. Ein geförderter Arbeitsplatz in einem privatwirtschaftlichen Unternehmen nur die Hälfte.

Doch wer kassiert, muss auch einige Bedingungen erfüllen: Schrimpf & Schöneberg hat sich verpflichtet, die geförderten Arbeitsplätze für mindestens fünf Jahre mit Behinderten zu besetzen und ihnen wenigstens 7,50 Euro pro Stunde zu bezahlen. „Wir zahlen weit über Mindestlohn“, sagt Schuster dazu nur. Zudem muss ein Betreuer für die Behinderten eingestellt oder zumindest beauftragt werden. Damit alles läuft, bekommt das Unternehmen einmal im Jahr Besuch vom Integrationsamt.

Investitionshilfe als Bonbon

Der Lohnzuschuss und das Betreuungsgeld ­seien notwendig, um auszugleichen, was Behinderte weniger leisten, sagt Hammermeister. Doch die Finanzspritze zu den Maschinen, „das ist ein Bonbon obendrauf“. Denn die Firma hätte ihre Produktion ohnehin erweitert, weil die Automobilkonjunktur angezogen hatte.

Für welche Betriebe sich das ebenfalls lohnt, weiß Jörg Janzen. Der Unternehmensberater arbeitet im Auftrag der Handwerkskammer Münster. Zu ihm kommen etwa 50 Unternehmer pro Jahr, die Mitarbeiter mit Handicap einstellen wollen. Doch mehr als die Hälfte schickt er wieder weg – weil sie falsche Vorstellungen haben. Wie die Baufirma, die Leute für ein großes Projekt brauchte – und auf Zuschüsse hoffte. „Im Grunde suchte der sofort einsatzfähige Gesellen. Solche Behinderten finden Sie aber nicht“, sagt Janzen. Viele haben keine Ausbildung und brauchen Arbeit auf Helferniveau. Auch muss sich die Firma ihnen anpassen, muss planen, wie und wo sie ihre gehandicapten Mitarbeiter einsetzt. Geistig Behinderte können vielleicht nicht richtig lesen und rechnen, außerdem lernen sie langsamer. Dafür erledigen sie hingebungsvoll Arbeiten, die andere als ­eintönig empfinden, etwa Schrauben sortieren. Sorgsam, hoch konzentriert und mit einer Geduld, die Menschen ohne Handicap schnell verlieren. Geistig Behinderte brauchen aber feste Abläufe, wie Kinder. Man kann nicht einfach ­sagen: Ab morgen werden Muttern sortiert.

Kaum vorstellbar, aber auch ein Gehörloser kann Kundengespräche führen, wenn es darauf ankommt, hart verhandeln wie ein Nicht­behin­der­ter. Allerdings braucht er einen Gebärdendolmetscher. Und ein Mensch, der an Schizophrenie leidet, kann ein guter Verkäufer sein, der offen auf Menschen zugeht. Nur eben nicht, wenn er sich wegen seiner Krankheit für eine Weile zurückzieht. Darauf müssen sich Firmen einstellen.

Also sind behinderte Mit­arbeiter doch nur etwas für Unternehmer mit Samariterherz? Keineswegs. „Bei uns wird niemand geschont“, sagt Hammermeister mit Nachdruck. Überforderung hin oder her – auch die Behinderten müssen sich an Regeln halten. So hat Schrimpf & Schöneberg vor Kurzem einen Mitarbeiter entlassen, weil es mit der Zusammenarbeit nicht geklappt hat. Der Mann, der eine Lernschwäche hat, kam ständig zu spät – oder gar nicht. „Nach vielen Versuchen mussten wir uns leider doch am Ende trennen“, sagt Schuster. Da konnte auch das Integrationsamt nichts machen – außer einen neuen Behinderten vermitteln.

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