Unternehmen Turmbau zu Astana

Kasachstan steckt seine Öl- und Gasmilliarden in den Aufbau einer modernen Wirtschaft. Davon könnten deutsche Firmen besonders profitieren.

Alexander Krimsky eilt durch die nordkasachische Steppe. Eigentlich müssten Staub und Schlamm an seinen Schuhen kleben. Doch die blank polierten Businessschlappen bleiben sauber. Das hat auch mit Norman Foster zu tun, dem Stararchitekten, der die gläserne Reichstagskuppel in Berlin entworfen hat. Denn Foster und andere berühmte Kollegen haben in der Steppe etwas geschaffen, was man sonst nur aus arabischen Ölstaaten kennt: eine futuristisch anmutende Stadt aus Glas und Stahl, ein Dubai des Nordens, einen Abenteuerspielplatz für Architekten. Sie bauen im Nichts Wolkenkratzer, die hoch in den Himmel wachsen. Oder, so wie Foster, eine Pyramide, die 60 Meter in den Himmel ragt. Oder das Shopping- und Spaßparadies, das Foster nach dem Vorbild der Hängenden Gärten von Babylon gestaltet hat. Der protzige Präsidentenpalast, eine Kreuzung aus Weißem Haus und Petersdom, fällt da auch nicht weiter auf im Stadtbild von Astana.

Der Blick auf die Skyline von Kasachstans Hauptstadt zaubert ein zufriedenes Lächeln ins Gesicht von Alexander Krimsky. Angekommen im 175 Meter hohen Railways Buliding, dem zweithöchsten Gebäude des Landes, lässt sich Krimsky von den Wachen die Steuerungszentrale aufschließen und führt mit leuchtenden Augen ein Belüftungssystem vor, das vor allem die Tiefgarage und ihre 2400 Parkplätze mit frischer Luft versorgt. Gebaut wurde die Anlage von BSH International. Der österreichische Mittelständler für Klimatechnik rüstet Bürotower und U-Bahn-Tunnel mit Ventilatoren aus. „Das ist alles vom Feinsten“, schwärmt BSH-Vertriebschef Krimsky. Für ihn ist Astana ein Absatzparadies.

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Kasachstan
Asien, so nah Das zentralasiatische Land mit knapp 17 Millionen Einwohnern grenzt im Westen an das Kaspische Meer, im Osten liegt das Altai-Gebirge. Die Nachbarn sind Russland, Turkmenistan, Usbekistan, Kirgisistan und China. Das rohstoffreiche Land ist kürzlich eine Partnerschaft mit Deutschland eingegangen.

Fast alles, was hier zu sehen ist, ist nagelneu, an vielen Ecken der Stadt gehen die Bauarbeiten erst los. Noch vor 20 Jahren stand hier fast nichts. Astana, was übersetzt Hauptstadt bedeutet, ist der Lebenstraum des kasachischen Präsidenten Nursultan Nasarbajew. Der mit harter Hand regierende Staatschef will sich mit Öl- und Gasgeldern ein Denkmal setzen. Deshalb entsteht nun in der Steppe die neue Regierungszentrale des neuntgrößten Landes der Erde. Auf Jahre hinaus dürfte es in Astana und der Wirtschaftsmetropole Almaty boomen. So wird Kasachstan auch zum Traum für westliche Firmen, die am Aufstieg mitverdienen können. Vertriebsleiter Krimsky etwa sieht an jeder Ecke Geschäftschancen: Neue Hochhäuser brauchen Tiefgaragen, und die brauchen Belüftungssysteme. BSH und sein deutscher Partner TLT-Turbo aus Bad Hersfeld sind darauf spezialisiert. „Die Kasachen schätzen die Qualität westlicher Arbeit“, sagt Krimsky. „Da die großen Anbieter nicht flexibel sind, können wir diese Nische besetzen.“

Krimsky wuchs in der Sowjetunion auf und wurde wegen seiner Sprachkenntnisse nach Kasachstan entsandt. Für BSH und TLT-Turbo geht es darum, in einem Markt vor Ort zu sein, der künftig noch wichtiger wird. Kasachstan hat sich zu einer regionalen Wirtschaftsmacht in Zentralasien entwickelt, die mit Wachstumsraten von mehr als sieben Prozent in den Jahren 2010 und 2011 eine steigende Zahl von Investoren anzieht.

Und die Kasachen empfangen Unternehmer mit offenen Armen: Es gibt Wirtschaftsräte für Investoren, denen ein direkter Zugang zum Präsidenten versprochen wird. Ähnlich wie in den Golfstaaten hat man in Astana verstanden, dass die Ausbeutung von Öl, Gas und anderen Rohstoffen allein nicht ausreicht, um ein Land zu modernisieren. „Wir haben viele Investitionen im Öl- und Gassektor gehabt, und das ist auch gut so“, sagt der einflussreiche Vizepremier Kairat Kelimbetow. „Aber jetzt wollen wir diversifizieren, und um das zu erreichen, brauchen wir Know-how.“

Partnerschaft mit Deutschland

Kasachstan sieht sich daher nach westlichen Partnern um. Einer davon soll Deutschland werden. Erst im Februar schloss Nasarbajew in Berlin eine Rohstoffpartnerschaft mit Bundeskanzlerin Angela Merkel ab. Der Deal: Die deutsche Industrie soll Zugang zu kasachischen Rohstoffen bekommen. Im Gegenzug, so die Idee, bringen deutsche Unternehmen technisches Know-how nach Kasachstan und treiben damit die Modernisierung des Landes voran. Für die Bundesrepublik vor allem interessant: die bisher kaum erschlossenen kasachischen Reserven an seltenen Erden und anderen Spezialmetallen, die bei der Herstellung von Plasmabildschirmen, Solarmodulen oder Windkraftanlagen zum Einsatz kommen. 30 bilaterale Verträge wurden im Rahmen der Rohstoffpartnerschaft geschlossen. Ende Juni entstand ein Joint Venture der deutschen Firma Ablai Resources mit dem staatlichen Bergbaukonzern Tau-Ken Samruk. Dessen Ziel: Die kasachischen Vorkommen sollen untersucht, nach internationalen Standards bewertet und damit für ausländische Unternehmen zugänglich gemacht werden.

Was sich plausibel anhört, stößt noch auf massive Startschwierigkeiten. „Diese Partnerschaft ist bisher nicht mehr als ein Stück Papier“, sagt ein Manager, der für ein führendes deutsches Unternehmen in Kasachstan aktiv ist. „Das Problem ist, dass eines oft nicht zum anderen passt.“ Gemeint ist: Die deutschen Firmen, die die kasachischen Rohstoffe benötigen, sind nicht die gleichen, die im Land investieren wollen. Und „wie der im Austausch von Kasachstan eingeforderte Technologietransfer aussehen soll, ist bis heute offen“, heißt es ungewöhnlich deutlich in einem Rundschreiben des Deutschen Wirtschaftsklubs in Kasachstan. „Zumal deutsche Unternehmen sicher keine Baupläne nach Kasachstan schicken wollen.“

Was den deutschen Technologieführern letztlich in die Hände spielt, sind die strategischen Interessen Kasachstans. Die Staatsführung will das Land schnell modernisieren, um zwischen den Großmächten China und Russland nicht als reiner Rohstofflieferant zerrieben zu werden. „Wir wollen unsere Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit erhöhen, damit wir nicht von anderen Ländern in der Region dominiert werden“, sagt Wirtschaftsminister Bachyt Sultanow. Dafür braucht es Investitionsgüter, und die sind häufig made in Germany.

Großunternehmen wie die Linde Group, ThyssenKrupp oder Metro sind bereits in den kasachischen Markt eingestiegen – oft investierten sie zweistellige Millionenbeträge. Den Konzernen kommt zugute, dass das Land in den vergangenen Jahren enorme Fortschritte bei den Bedingungen für die Unternehmensgründung gemacht hat. Im Doing Business Index der Weltbank, der misst, wie leicht einer Firma der Zugang zu Baugenehmigung, Stromanschluss oder Registrierung gemacht wird, schneidet Kasachstan gut ab, lässt nicht nur Aserbaidschan, Usbekistan, die Ukraine und Weißrussland hinter sich, sondern auch Russland und China. Diese Entwicklung macht das Land nun für den Mittelstand interessant. Für die Neueinsteiger sind nicht nur der Rohstoffsektor oder die Baubranche attraktiv, sondern auch der Agrarsektor.

Denn Kasachstan, das fast achtmal so groß wie Deutschland ist, setzt bisher fast ausschließlich auf traditionelle Landwirtschaft und holt daher nur wenig aus der großen Fläche an Boden heraus. Das soll sich ändern, auch weil das Land gern mehr Getreide exportieren würde. In Astana und Almaty werden deshalb deutsche Agrarausrüster vorstellig, die ihre Maschinen anbieten, Geräte, die für eine intensive Nutzung der Fläche geeignet sind. Der niedersächsische Landmaschinenhersteller Amazone hat bereits ein Vertriebsbüro in der Hauptstadt Astana aufgebaut und schickt seine Manager immer wieder hinaus, um das Land zu erkunden. Kasachstan-Veteran Krimsky rät dazu, „zumindest in der Anfangsphase immer mit kasachischen Partnern“ zusammenzuarbeiten. „Das sollte man auf gar keinen Fall allein machen.“ Das gelte vor allem für kleine und mittelständische Firmen. Denn trotz aller Chancen: Kasachstan ist ein undemokratisches Land im Umbruch.

Mutprobe für Unternehmer

Viele Probleme sind typisch für autokratisch geführte Rohstoffnationen. „Es ist auch gegenüber deutschen Investoren mehrfach vorgekommen, dass zugesagte Bedingungen für Investitionen im Nachhinein durch Anweisung von oben geändert wurden“, sagt Jörg Hetsch, Delegierter der Deutschen Wirtschaft für Zentralasien. „Bei kasachischen Projektpartnern stehen nicht immer marktwirtschaftliche Überlegungen im Vordergrund, sondern oftmals regulatorische oder politische.“ Und wie überall im postsowjetischen Raum spielt auch Korruption eine Rolle. Im Ranking der Organisation Transparency International belegt Kasachstan Platz 120 von 183. Das ist zwar besser als Russland, aber deutlich schlechter als viele afrikanische Staaten.

In der kasachischen Regierung wird das Thema heruntergespielt. Wirtschaftsminister Sultanow lehnt sich grinsend zurück, wenn man ihn auf die Korruption anspricht. Das ist eine Frage, die dem smarten jungen Mann offenbar kein Kopfzerbrechen bereitet. „Der eine hat Angst, der andere investiert trotzdem“, sagt Sultanow – und degradiert das Problem zu einer Mutprobe. Hinzu kommt: Für Investitionen in Kasachstan gibt es derzeit nur eingeschränkt Garantien vom deutschen Staat, sogenannte Hermes-Deckungen, weil einige wichtige kasachische Banken schwächeln.

Um die Deutschen trotzdem ins Land zu locken, setzt Wirtschaftsminister Sultanow auch auf die Eurasische Union, in der Kasachstan mit Russland und Weißrussland enger zusammenarbeiten will. „Natürlich ist die russische Wirtschaft größer als unsere“, sagt Sultanow. Kasachstan könne in dem Verbund aber durchaus eine eigene Rolle übernehmen.

So könnte sich das Land als Drehscheibe für die Expansion ausländischer Firmen ins russische Riesenreich etablieren. Die angestrebte Zollunion lässt Alexander Krimsky bereits Pläne schmieden. BSH spielt mit dem Gedanken, in Kasachstan eine Produktion aufzubauen und günstig zu exportieren. Krimsky: „Es ist einfacher, hier eine Tochterfirma zu gründen als in Russland.“ Im Nachbarland lockt ein riesiger Absatzmarkt, unzählige Wolkenkratzer und Tiefgaragen, die aus und in den Boden gestampft werden. Da braucht es jede Menge Ventilatoren.

Handbuch für Kasachstan
Wer hilft beim Markteintritt? Wo gibt es Informationen für Unternehmer? Welche Messen lohnen sich? impulse beantwortet die wichtigsten Fragen
Organisationen und Netzwerke Der deutsche Wirtschaftsklub in Kasachstan ist ein Zusammenschluss von deutschen Unternehmern und Organisationen in Kasachstan. Jedes Jahr gibt es einen Tag der deutschen Wirtschaft. Dieses Mal am 28. September in Almaty. www.zentralasien.ahk.de/dwk
Messen Die wichtigsten Akteure im Öl- und Gasgeschäft des Landes treffen sich vom 2. bis 5. Oktober auf der Messe Kioge in Almaty. 2011 kamen 450 Aussteller. www.kioge.com

Die Baumesse Kazbuild findet vom 4. bis 7. September in Almaty statt. www.kazbuild.kz

Die Internationale Fachmesse für Transit und Transport Transitkazakhstan lädt vom 19. bis 21. September nach Astana. www.transitkazakhstan.kz

Internationale Ausstellung für Maschinenbau und Automation vom 15. bis 17. November in Almaty. www.expocentralasia.com

Investitionsförderung Die nationale Investitionsagentur Kaznex Invest gibt einen Branchenüberblick und wirbt um internationale Investoren. Sie sammelt aktuelle Daten der Wirtschaft Kasachstans und unterstützt beim Markteintritt. www.kaznex.kz, www.invest.gov.kz
Delegationsreisen Die IHK Köln organisiert eine Unternehmerreise nach Kasachstan vom 24. bis 29. September. Stationen sind Astana, Aktau und Almaty. www.ihk-koeln.de

Die Wirtschaftsförderung Sachsen fährt im gleichen Zeitraum nach Kasachstan, allerdings mit den Branchenschwerpunkten Energie und Infrastruktur. www.wfs.sachsen.de

Eine Unternehmerreise nach Kasachstan und Usbekistan wird organisiert von der IHK Gera: vom 15. bis 20. Oktober. Partner ist die Delegation der deutschen Wirtschaft für Zentralasien. www.gera.ihk.de

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