Unternehmen Turnarounder des Jahres 2010

Selten können Unternehmer mehr bewirken als in der Krise. Der Betriebsrat zieht bei Kürzungen mit, die Führungskräfte sehen ein, dass Strategie und Produkte verändert werden müssen. In Berlin sprachen Unternehmer auf der Turnarounder-Konferenz von impulse offen über ihre schwersten Momente und besten Lösungen.

„Jeder, der Erfolg hat, kennt auch Situationen, in denen es ganz eng wird“, sagt Dirk Roßmann. Der Gründer der gleichnamigen Drogeriekette war Ende der 90er-Jahre mit seinem Unternehmen in die Krise geraten. Er hatte auf den Umsatz geachtet, nicht so sehr auf die Margen. Und sich dazu auch noch verspekuliert „Ich habe gezockt an der Börse, gewonnen und verloren, darunter hat das Unternehmen gelitten.“ Heute verzeichne Rossmann wieder Zuwachsraten von 14 Prozent, so der Unternehmer. Jedes Jahr würden 200 neue Filialen eröffnet.

Die Wende kam 1997: Um seine Drogerien aus der Krise zu führen, erweiterte Roßmann das Sortiment und führte Eigenmarken ein. Diese Artikel machen heute 30 Prozent des Gewinns aus. Statt in schweren Zeiten Personal abzubauen, gründete Roßmann ein Seminarzentrum, eine Mitarbeiterzeitung und charterte auf dem Höhepunkt der Krise gar zwei Boeings für seine 350 Filialleiter, um mit ihnen nach Paris ins Euro Disneyland zu fliegen. Kosten: 800.000 D-Mark. Viele erklärten ihn damals für komplett verrückt. Aber „das Geld war gut angelegt“, sagt Roßmann. Seine Mannschaft zog mit.

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Die Mitarbeiter bei der Restrukturierung einzubeziehen – das war für alle Unternehmer auf der impulse-Konferenz „Strategien für erfolgreiche Turnarounds“, die von den Sponsoren BDO und Commerzbank unterstützt wurde, ein wichtiges Thema. „Die Mitarbeiter waren am Anfang sehr ängstlich und reserviert, erst nach einigen Wochen sind sie aufgetaut, und zwar mit dem Umzug ins neue Gebäude“, berichtete Joachim Richter, neuer Inhaber der Nähmaschinenfirma Pfaff.

Richter hat das Traditionsunternehmen 2008 aus der Insolvenz übernommen und strategisch neu ausgerichtet. „Im neuen Gebäude schien die Sonne und die Mitarbeiter begegneten einem freundlichen Chef.“ Die alten Produktionsstätten hatte Richter nicht übernommen, sie seien zu teuer im Unterhalt gewesen – und nicht mehr zeitgemäß. Der Unternehmer sieht diese Entscheidung heute als einen zentralen Punkt für den Erfolg seines Turnarounds.

Um das Vertrauen der Mitarbeiter nicht zu verlieren, muss die Führungsspitze Verlässlichkeit zeigen. „Man muss einmal eine Zahl nennen und diese dann auch einhalten“, sagte Robert Hartel. Er übernahm im Jahr 2001 das Traditionsunternehmen Zwiesel Kristallglas in einem Management Buyout – und musste viele Altlasten schultern. Damals erwirtschaftete der Konzern Schott mit der Glassparte 36 Mio. Euro Verlust. Hartel kündigte die Kürzung von rund 570 auf 435 Stellen an und zog diese dann durch. „Aber wir strichen keine Stelle mehr, sonst hätten wir das Vertrauen verloren.“

„Ein guter Chef zeichnet sich durch gute Zahlen aus“

Der Betriebsrat kooperierte, vor allem weil Hartel Zahlen und Strategien offenlegte. So einigten sie sich auch bei den übernommenen Pensionslasten. Offiziell gilt bei Zwiesel eine 37,5-Stunden-Woche, die Angestellten arbeiten aber 2,5 Stunden mehr und finanzieren damit teilweise die Altersversorgung des Unternehmens. „Da mussten unsere Gewerkschafter erstmal in der Zentrale anrufen, ob sie das dürfen“, berichtete Hartel. Heute beschäftigt Zwiesel wieder 800 Mitarbeiter weltweit und schreibt schwarze Zahlen. Auch die Wirtschaftskrise hat das Unternehmen – dank Kurzarbeit – gut verkraftet.

Parwäz Rafiqpoor von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft BDO ordnete die Restrukturierungsprozesse in die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen ein. „Seit 2007 sind die Unternehmensinsolvenzen um 16 Prozent gestiegen“, so Rafiqpoor. Allerdings: „Viele Insolvenzen konnten durch Maßnahmen wie die Konjunkturpakete oder das Kurzarbeitergeld vermieden werden.“ Mit solch großzügigen Hilfen soll bald Schluss sein, kündigte Ernst Burgbacher, Parlamentarischer Staatssekretär im Bundeswirtschaftsministerium, an.

Trotz der Verlängerung des Kurzarbeitergeldes bis 2012 forderte er: „Der Staat muss sich nun zurückziehen auf die Rolle des Schiedsrichters, Unternehmer sollten sich nicht auf der staatlichen Unterstützung ausruhen.“ Deutschland müsse „zurückkehren zum normalen marktwirtschaftlichen Ablauf.“ Dabei komme es auch auf die Person des Unternehmers an, sagte Martin Fischedick, Bereichsvorstand für das Firmenkundengeschäft bei der Commerzbank. Ein guter Chef zeichne sich in der Regel auch durch gute Zahlen aus. „Unternehmen mit dauerhaft sehr schlechten Bilanzen werden selten von guten Unternehmern geführt. Positiv gesprochen: Unternehmen mit sehr guten Bilanzen stehen oft noch besser da, als es die Zahlen vermuten lassen.“

Dirk Roßmanns Bilanzen sind gut, fast zu gut, um ein gängiges Stereotyp zu erfüllen, glaubt der Drogerieunternehmer. Er berichtete, wie er einmal aus einer Talkshow ausgeladen worden sei. „Mein Fall war denen zu langweilig.“ Unternehmer würden in Deutschland immer nur als Zerrbild gezeigt, als Verbrecher und Kriminelle. „Ich weiß, dass unter ihnen auch Steuersünder sind“, sagte Roßmann, „aber unehrliche Menschen gibt es überall, das ist ein Querschnitt der Gesellschaft.“

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