Unternehmen Unser Star für Budapest

Marktreife Ideen gibt es in vielen Firmen. Die Universität Paderborn holt sie aus der Schublade und gründet Startups. Wie sie das macht, ist preisverdächtig.

Im Glaskasten nebenan schreiben zwei Studenten gerade ihren ersten Businessplan. Einen Raum weiter entwickeln junge Informatiker eine Produktidee zur Marktreife. Der Blick von Bernd Seel schweift weiter, aus dem Fenster auf den Technologiepark in Paderborn. Gefühlt jedes zweite Unternehmen hier hat der 63-jährige Professor mitgegründet. Er sagt: „Wir züchten Startups wie Champignons.“

Allerdings genau andersrum als andere Hochschulen. Deren Gründerzentren bringen an der Universität entwickelte Patente in Startups ein. Das können sie in Paderborn auch, aber noch lieber helfen sie Unternehmen dabei, brachliegende Ideen umzusetzen. Indem sie Startups damit füttern.

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Beeindruckende Bilanz

An Ideen mangelt es nicht, wie jeder Unternehmer weiß. Bei jedem schlummert etwas Tolles in der Schublade, was man unbedingt mal angehen sollte. Wenn man die Zeit hätte. Das Personal. Das Geld. Wenn die Ressourcen nicht so knapp wären. Und anderes nicht dringlicher, wichtiger, profitversprechender wäre.

Genau da setzt Bernd Seel mit seinem Team an. „In vielen Unternehmen schlummern reihenweise marktreife Konzepte“, sagt Seel. „Und wir haben an der Hochschule viele Gründungswillige, die sich die Hände reiben nach einer Geschäftsidee.“ Also bringt die Uni Paderborn beide zusammen: die Firmen mit Ideen und die Möchtegerngründer ohne. Schon mehr als 100 Geschäftsideen hat Seel bislang eingesammelt, 62 konkrete Gründungsprojekte sind in der Pipeline, eine Handvoll neuer Firmen hat bereits die Arbeit aufgenommen.

Eine beeindruckende Bilanz. So gut, dass sich die Uni Paderborn damit gegen rund 80 Mitbewerber durchsetzte und die deutsche Vorrunde des European Enterprise Award gewonnen hat. Auf nationaler Ebene steht das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie hinter der Auszeichnung. Die europaweiten Preise vergibt am 24. Mai die Europäische Kommission. Die Politik will so Projekte prämieren, die das Unternehmertum in der EU voranbringen. Seel wird nach Budapest fliegen, um Deutschland zu vertreten. Die Kollegen spotten schon: „Unsere Lena Meyer-Landrut.“

Auf Seels Visitenkarte steht der sperrige Titel „Leiter Technologietransfer“. Er ist ein Mittler zwischen den Welten, Schnittstelle zwischen Hochschule und Wirtschaft. Sein Team steuert alle Schritte der Neugründung und sorgt dafür, dass Ideengeber und Gründer überhaupt zueinanderfinden.

Am Anfang steht eine Art Speeddating. Die Universität organisiert Events, bei denen sie Gründungswillige mit den Unternehmen zusammenbringt. So bekommen die Firmen einen Eindruck, wer prinzipiell geeignet sein könnte und mit wem sie gern zusammenarbeiten möchten. Die Gründerkandidaten sollen dabei möglichst professionell rüberkommen. Deshalb werden sie von der Universität in speziellen Kursen auf das Leben als Unternehmer vorbereitet. Computerfreaks beispielsweise belegen Crashkurse in Betriebswirtschaft. „Wir wollen niemanden auf die Unternehmer loslassen, der GbR und GmbH verwechselt“, sagt Projektleiter Seel. „Das würde manch einen unserer Mittelständler verschrecken.“

Es ist so schon schwer genug, die Firmen zum Mitmachen zu bewegen. „Da muss man viel Vorarbeit leisten, um Vertrauen aufzubauen.“ Wer seine Idee hergibt, muss sich sicher sein, sie in gute Hände zu legen. „Rein rechtlich ist das alles kein Problem“, sagt Seel. Der Abschluss von Geheimhaltungsverträgen ist Standard. Vor der Gründung schließen beide Seiten klare Kooperationsverträge. In der Regel bringen die Firmen dann die Idee in das neue Unternehmen ein und werden dafür Gesellschafter – mit entsprechender Aussicht auf künftige Gewinne.

Die Universität als Mittler

„Letztlich geht es auch um Vertrauen: Keine Seite darf fürchten, übervorteilt zu werden“, sagt Seel. Die Unternehmen müssen sicher sein, dass ihre Idee nicht gestohlen wird und sie später an der Umsetzung mitverdienen. Umgekehrt will kein Gründer als Testkaninchen benutzt werden: Dass die Ideen wirklich etwas taugen, können oft nur die Branchenprofis beurteilen. Die jungen Leute müssen sich darauf verlassen können. „Unter dem Strich gehen beide Seiten eine strategische Allianz ein“, sagt Vermittler Seel. „Die Universität schafft die notwendigen Strukturen dafür.“

Ohne die Universität als Mittler würde Stefan Bunte seine Geschäftsidee nicht herausrücken. „Der offizielle Rahmen schafft Vertrauen und Sicherheit“, sagt der Geschäftsführer von Orconomy. Das Unternehmen war selbst ein Startup, aus drei Gründern ist ein Team von 13 Mitarbeitern gewachsen. Mittlerweile bringt Orconomy selbst Ideen in den Gründerpool der Universität ein. Die IT-Schmiede unterstützt mit mathematischen Methoden Konzerne wie Daimler oder Lufthansa dabei, ihre Abläufe besser zu organisieren. In der Praxis entstehen immer wieder Ideen für konkrete Produkte. „Aber nach nur anderthalb Jahren will man nicht schon die nächste Firma anstoßen“, sagt Bunte, „sondern sich auf die eigene Entwicklung konzentrieren.“

Was nicht heißt, dass die Idee ungenutzt in der Schublade liegen soll. Lieber will Bunte sie in ein Startup einbringen. Dessen Erfolg mehrt dann auch den eigenen Gewinn, so denkt er sich das.

Doch so wie Bunte denken nur wenige. Was sich zu einem Problem für die gesamte Wirtschaft auswächst. „Das Potenzial für Zweit- und Drittgründungen wird in Deutschland nicht ausgeschöpft“, heißt es in einer Studie der Fachhochschule des Mittelstands in Bielefeld. „Geschäftsideen, die nicht zum Kernbereich zählen, werden zu selten umgesetzt.“ Aus brachliegenden Ideen entstehen keine neuen Jobs, keine Wertschöpfung, nichts.

Deshalb haben sie in Paderborn „ITpreneur-ship“ gegründet, wie die Gründeroffensive offiziell heißt. Im ersten Schritt konzentrieren sie sich auf die IT-Branche. Die hat Tradition in Paderborn. Hier steht das weltgrößte Computermuseum, hier gründete Heinz Nixdorf seine berühmte Computerfirma. Die Zentrale von Wincor Nixdorf ist noch heute in der Stadt. Die Universität gilt als eine der Tophochschulen für angehende Informatiker. Die Verwaltung wirbt mit dem Slogan „Silicon Valley“, Hunderte mittelständische IT-Unternehmen haben in der Region ihren Sitz. Und Ideen über Ideen. Chefgründer Seel sagt: „Dieses ungenutzte Potenzial erschließen wir.“

Zum Beispiel das von Require, einem auf Produktions- und Logistikberatung spezialisierten Mittelständler. „Wir können nicht alles umsetzen, was uns einfällt“, stöhnt Christoph Laroque, der Chef. Das habe nicht nur zeitliche Gründe. „Wir können nicht unabhängig beraten und gleichzeitig unsere eigene Software verkaufen – das wäre ein Interessenkonflikt.“

Also hat Laroque ein Konzept in den Ideenpool der Uni Paderborn eingebracht. Die Idee: eine eigene Software für kleinere Unternehmen der Kunststoffindustrie, mit der sich die Produktion besser koordinieren lässt. Mithilfe von Seel und dessen Team hat Laroque die richtigen Macher gefunden: die Brüder Martin und Jaroslaw Klose. Der Name ihrer neuen Firmen: Klose Brothers GmbH. Die ist noch kein Jahr alt, schafft aber schon Arbeitsplätze.

Die beiden Gründer bekommen regelmäßig Übernahmeangebote für ihr Startup, die sie ebenso regelmäßig ablehnen. „Wir pusten keine Blase auf, um dann zu verkaufen“, sagen sie. Eigentlich wollten sich die Informatiker nur selbst Arbeitsplätze schaffen, um so eigenständig wie möglich arbeiten zu können. Aber jetzt haben sie schon den ersten Mitarbeiter eingestellt, einen zweiten suchen sie gerade, bald wollen sie 15 Leute beschäftigen. Die Zielgruppe für ihre Software für die Produktionsplanung sind kleine und mittelständische Firmen. Diese heften ihre Fertigungsaufträge bislang häufig noch in Mappen ab und halten den Produktionsplan auf Magnettafeln fest. Die Klose-Brüder helfen diesen Unternehmen, effizienter zu werden. Ihre Software berechnet beispielsweise, welche Maschine welchen Produktionsauftrag zugewiesen bekommt.

„Das ist unser Produkt Nummer eins“, sagt Martin Klose. „Da steckt viel Herzblut drin.“ Ihr Herzblut. Auch wenn die ursprüngliche Idee von jemand anderem kam. Und der Ideengeber für seinen Anstoß vergütet werden will.

Diese zentrale Frage haben Require und die Klose Brothers mithilfe der Universität so gelöst, dass alle zufrieden sind. „Ursprünglich wollten wir stiller Gesellschafter des neuen Unternehmens werden“, erzählt Laroque. Das wäre der klassische Weg gewesen: Geschäftsidee gegen Anteile. Damit mochten sich die Brüder nicht anfreunden. Aber auf eine Umsatzbeteiligung ließen sie sich ein. Der Ideengeber kann mit einer schnellen Dividende auf sein eingebrachtes Wissen rechnen.

Wer eine Idee weggibt, muss auch loslassen können. Das scheint vielen Unternehmen schwerzufallen, hat Christoph Heynen festgestellt. Er leitet den Wissens- und Technologietransfer der Universität Erlangen-Nürnberg. Kommen die Anstöße aus der Hochschule, laufe es gut. „Nicht sehr positiv“ sind hingegen seine Erfahrungen mit Anregungen aus der Wirtschaft. „Wer die Idee mitbringt, fühlt sich häufig als Seniorpartner und will den eigentlichen Gründern zeigen, wo es langgeht“, berichtet Heynen. „Das kann nicht klappen.“

Hochschulen als Makler

Es seien die Gründer, die ihr Startup zum Erfolg führen müssen. Der Ideengeber müsse auch als möglicher Anteilseigner vor allem als Berater wirken. Hier die Erfahrenen, dort die Jungspunde – dennoch fordert Heynen: „Es muss ein Verhältnis auf Augenhöhe sein.“

Nicht einfach, wenn „da mitunter Welten aufeinanderstoßen“, wie Helmut Schönenberger beobachtet hat. Er ist Geschäftsführer von „Unternehmertum“ an der TU München. Mit mehr als 40 Mitarbeitern ist die Firmenschmiede eine der führenden Gründerzentren in Europa. Auch die Münchner konzentrieren sich auf die Umwandlung von Forschungsergebnissen der Universität in marktfähige Produkte und Dienstleistungen. „Der umgekehrte Weg mit Ideen aus der Wirtschaft ist deutlich steiniger“, erzählt Schönenberger. „Die Wirtschaft muss sich zunächst trauen, den Schritt in die Uniwelt zu tun.“ Die Welt der Drittmittelprojekte und Gründerstipendien hat schließlich ihre ganz eigenen Spielregeln.

Über den endgültigen Erfolg entscheiden die Hochschulen sowieso nicht. Sie sind Makler. So sieht es auch Schönenberger: „Letztlich identifizieren wir interessante Ansätze und bringen Menschen zusammen.“ Danach liege es in der Hand von Ideengeber und Gründer.

So ist es auch in Paderborn. „Wenn die Unternehmen und Gründer sich gefunden haben, hören wir oft gar nicht mehr viel“, berichtet Bernd Seel. „Das ist dann – wie bei den eigenen Kindern – meist ein gutes Zeichen.“

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 05/2011.

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