Unternehmen Verhärtete Fronten im Textilarbeiterstreik in Kambodscha

Kambodschas Näherinnen wollen nicht mehr für Hungerlöhne in den Textilfabriken schuften. Sie verlangen eine Verdoppelung des Mindestlohns. Die Regierung reagiert mit Polizeigewalt. Die Lage im Land ist schon seit den umstrittenen Wahlen vom Juli angespannt.

In Kambodscha ist kein Ende der Auseinandersetzungen zwischen streikenden Textilarbeitern und der Regierung in Sicht. Nach einem blutigen Polizeieinsatz gegen Demonstranten mit mehreren Toten am Freitag räumte die Staatsmacht am Samstag das Protest-Camp in der Hauptstadt Phnom Penh. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) verurteilte das Vorgehen der Behörden.

Mit Tränengas und Schlagwaffen waren die Einsatzkräfte am Samstag gegen die Streikenden in Phnom Penh vorgegangen und hatten die Hütten und Zelte im Freiheitspark zerstört, die dort seit einigen Wochen gestanden hatten. Regierungssprecher Phay Siphan rechtfertigte das Vorgehen gegen das Camp mit dem Hinweis auf öffentliche Ordnung und Hygiene. „Niemandem ist es erlaubt, sich im Park häuslich niederzulassen“, sagte er. Militante hätten zudem unwillige Arbeiter gezwungen, an Demonstrationen teilzunehmen.

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Nach der Polizeigewalt wagten sich Aktivisten am Montag nicht wieder auf die Straße. Als Warnsignal gegen neue Streiks galt am Montag auch die Festnahme von fünf prominenten Aktivistinnen, die sich für die Rechte vertriebener Slumbewohner einsetzen. Sie wurden vor der französischen Botschaft aufgegriffen, berichteten Menschenrechtler. Das Signal: Der Staat greift rigoros gegen etwaige Unruhestifter durch.

Die meisten der 600.000 Textilarbeiter sind im Streik

Die Proteste in dem südostasiatischen Land dauern seit mehr als einer Woche an. Nach Gewerkschaftsangaben sind die meisten der 600.000 Textilarbeiter im Streik oder wurden von den Fabrikanten wegen drohender Streiks ausgesperrt. Der Großteil der Beschäftigten in diesem für das südostasiatische Land so wichtigen Exportsektor sind Frauen. Die meisten Fabriken sind jetzt geschlossen. Gefordert wird eine Verdoppelung des Mindestlohns von zur Zeit umgerechnet knapp 60 Euro im Monat. Die Regierung hat nur 25 Prozent angeboten.

Am Freitag eskalierte die Lage, als Militärpolizisten auf demonstrierende Arbeiter schossen. Nach Regierungsangaben wurden vier Menschen getötet, laut Menschenrechtlern waren es fünf Todesopfer. Am Donnerstag waren 15 Arbeiter und Aktivisten festgenommen worden.

Deutschlands Außenminister Steinmeier sagte „Spiegel Online“, die Reaktion der Sicherheitskräfte sei völlig unangemessen. „Es ist eine Tragödie, wenn streikende Arbeiter beim Eintreten für ihre Rechte geschlagen und getötet werden“, betonte der Minister und mahnte die Verantwortlichen in Kambodscha, mit großer Zurückhaltung vorzugehen. Steinmeier erinnerte daran, dass der Konflikt auch für Deutschland Relevanz habe. „Die Textilarbeiter in Kambodscha, die für bessere Arbeitsbedingungen streiten, fertigen Produkte, die auch wir in Deutschland kaufen und täglich nutzen“, sagte er.

Levi’s, Puma, Adidas und H&M lassen in Kambodscha produzieren

Nach der Räumung des Protest-Camps am Samstag fürchtet die Opposition, dass nun auch ihre Parteiquartiere nicht mehr sicher seien. Die innenpolitische Situation ist in Kambodscha seit den umstrittenen Parlamentswahlen vom Juli angespannt. Die Opposition wirft der Regierung des seit mehr als 28 Jahren amtierenden Ministerpräsidenten Hun Sen vor, die Ergebnisse gefälscht zu haben. Sie verlangt Neuwahlen.

Der Bekleidungsindustrie ist die wichtigste Exportbranche Kambodschas und bringt dem Land fünf Milliarden Dollar Deviseneinnahmen im Jahr. Unternehmen wie Levi’s, Walmart, Puma, Adidas und H&M lassen dort Kleider und Schuhe fertigen. Kambodscha zählt nach UN-Berechnungen zu den 50 ärmsten Länder der Welt.

Weil zur Zeit in den Fabriken alle Räder stillstehen, kehren viele Arbeiterinnen Phnom Penh den Rücken und machen sich auf den Weg in ihre Heimatdörfer. „Wie die meisten meiner Freundinnen gehe ich nach Hause in meine Provinz, weil es in den geschlossenen Fabriken keine Arbeit gibt und die Leute mit den Streiks Angst haben, erschossen zu werden“, sagte die 20-jährige Pou der Nachrichtenagentur dpa. Sie sei seit zwei Jahren in der Hauptstadt und habe in drei verschiedenen Fabriken gearbeitet. „Die Fahrt nach Hause kostet mich allein fünf Dollar. Ich bin nicht politisch, aber mit einem höheren Mindestlohn wäre das Leben viel leichter“, fügte sie hinzu.

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