Unternehmen Vertruckte Lage

Gute Lastwagen­fahrer werden dringend gesucht. Deshalb buhlen ­Unternehmen mit extraweichen Sitzen, Feder­betten und Geschenken um Fachkräfte.

Als Micha Lege vor einem Jahr mit einem nagelneuen 40-Tonner durch die Berge zwischen Barcelona und Valencia kurvte, war der Lastwagen noch gar nicht auf dem Markt. Mercedes hatte die zweite Generation des Actros, inzwischen von der Fachwelt als „Truck of the Year 2012“ geehrt, mit schwarzen Folien beklebt, um das Testmodell vor neugierigen Blicken zu schützen. Derart getarnt durfte der Chef der Spedition Wiedmann & Winz aus Geislingen bei Stuttgart den nagelneuen Luxuslaster ausprobieren.

Die Testtour überzeugte den Schwaben. Noch im Dezember orderte Lege die ersten zehn Zugmaschinen für seinen Fuhrpark, der 100 Lkw umfasst. Eine Entscheidung für bessere Sicherheits­technik, mehr Komfort und weniger Verbrauch. Vor allem aber eine Investition in die eigenen Fahrer: „Wir wollen ein attraktiver Arbeitgeber sein“, sagt Lege. „Ein moderner Fuhrpark gehört unbedingt dazu.“ Und so wuchert Wiedmann & Winz bei der Fahrersuche seitdem mit seinen Pfunden: „40 Tonnen Stolz. Packen Sie Ihren obendrauf“ textete eine Werbeagentur im Auftrag der Spedition. Die lockt zudem mit „Komfort-Schwingsitz“, „Webasto-Standheizung“ und „Spoiler-Paket“. Überdurchschnittliche Bezahlung versteht sich fast von selbst.

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Speditionen und Unternehmen, die selbst liefern und abholen, müssen sich zunehmend um ihre Angestellten bemühen. Gute Lkw-Fahrer werden knapp. Das Image des Berufs schreckt viele potenzielle Bewerber ab. Jeder weiß, Fernfahrer schlafen selten im eigenen Bett und stehen unter großem Druck, pünktlich zu liefern. Mit 2200 bis 2700 Euro brutto ist das Gehalt eher mau. Zudem wird nach dem Ende der Wehrpflicht kaum noch ein junger Rekrut bei der Bundeswehr den teuren Berufskraftfahrer-Führerschein machen, damit versiegt die bislang wichtigste Nachwuchsquelle.

Mehr Komfort im Cockpit

Gleichzeitig steigt die Nachfrage, wird doch der Lastwagenverkehr in den kommenden Jahren deutlich zunehmen. Bei Spediteuren, Händlern und Filialisten altert zusehends das Personal am Steuer. Rund 30 000 Fahrer gehen jedes Jahr in den Ruhestand, schätzt der Bundes­verband Güterkraftverkehr Logistik und Ent­sorgung (BGL). Nur ein Zehntel der Pensionäre kann momentan durch neue Azubis ersetzt werden. In einer aktuellen Studie des TÜV Rheinland gaben 84 Prozent der befragten Spediteure an, dass qualifizierte Fahrer fehlten. Entsprechend wichtig sind Ideen, um gute Leute zu gewinnen und bis zum Rentenalter zu halten. „Das alles sind inzwischen wichtige Bausteine erfolgreicher Firmenpolitik“, sagt Gerald Hensel, Vorsitzender im Berufsbildungs­ausschuss des BGL. Man kann es auch dramatischer formulieren: Sich um ihre Fahrer zu bemühen ist für viele Unternehmer inzwischen ­lebenswichtig.

Wie viel sich bei den Arbeitsbedingungen ­bereits bewegt hat, offenbart der Blick in ein modernes Führerhaus (siehe Kasten links). ­Waren die Kanzeln früher oft mit billigem ­Plastik verkleidet, eng, niedrig und mit schmalen, harten Betten möbliert, gehören zur neuesten Fahrzeuggeneration Großraumkabinen wie das XXL-Fahrerhaus von MAN oder die ­“Super Space Cab“ von DAF. Federkernbetten sind ebenso im Angebot wie Einbauküchen. Den neuen Actros gibt es in gleich sieben Varianten, bis hin zum 2,50 Meter breiten Giga­space mit durchgängig flachem Boden, Rasierspiegel und einer Relaxzone. Volvo will auf der diesjährigen IAA mit einem eigenen Wohnraumkonzept nachlegen.

Bei solchen Wohnkabinen geht es nicht um sinnlosen Luxus, sagt Frank Gauterin, Leiter des Instituts für Fahrzeugsystemtechnik am Karlsruher Institut für Technologie. „Komfort ist wichtig, damit Fahrer trotz höchster An­forderungen durch Zeitdruck, Staus und volle Straßen, gesetzliche Pausenzeiten, überfüllte Raststätten und Ärger an der Laderampe höchste Leistung bringen können.“ Schließlich gilt der Job, nicht zuletzt durch die moderne ­Fahrzeugtechnik, inzwischen als äußerst anspruchsvoll. „Der Fahrer steht bei uns betriebswirtschaftlich voll in der Verantwortung“, sagt Spediteur Micha Lege. „Der Lkw ist gewissermaßen seine Fabrik. Und Motor, Getriebe, Schaltung und Kupplung sind die Mitarbeiter, die er ­optimieren muss.“ Gut ausgebildetes ­Personal fährt verschleißarm und spritsparend – so generieren Transportunternehmer ­ihre Marge.

„Früher galten Fahrer als einfache Arbeiter mit Führerschein, heute ist das anders“, sagt Matthias Durmaj. Der 49-Jährige arbeitet seit 22 Jahren bei der Großbäckerei Kuchenmeister im westfälischen Soest. Er hat selbst als Fahrer angefangen. Seit drei Jahren verantwortet er den Fuhrpark des weltgrößten Produzenten von Stollen und Baumkuchen. Er wacht über 23 Zugmaschinen, 32 Auflieger, 35 Fahrer – und über die sieben Auszubildenden, die der Betrieb beschäftigt, um den drohenden Fahrermangel abzumildern. Die Zeiten, in denen viele Kollegen ihr Image als Cowboy der Landstraße pflegten mit Truckerhut, kurzen Hosen und Dreitagebart, seien vorbei, sagt Dumaj: Gefragt seien Manieren und Mitdenken. „Die Fahrer verkaufen letztlich unsere Ware. Sie erledigen auch vor Ort einen verdammt wertvollen Job.“

Kuchenmeister lässt rund zwei Drittel seiner Waren über Spediteure ausliefern. Seine anspruchsvollsten Kunden versorgt das Unternehmen aber lieber direkt, schon aus Imagegründen. „Die Jungs sind die ersten Problemlöser beim Kunden“, erklärt Hans-Günter Trockels, Geschäftsführer und Miteigentümer des Familienbetriebs. Sind Kartons auf der Palette eingeknickt, packen die eigenen Leute die Ware kurzerhand um. Und stehen die Spediteure bei der Warenannahme einmal Schlange, bekommt ein altbekannter Fahrer mit Firmenlogo auf Lkw und T-Shirt bei der Abfertigung schon mal Vorfahrt. „Das spart bares Geld“, sagt Trockels. Deshalb lohne sich die Extrainvestition in die Mannschaft.

Geschäftsführer Trockels überprüft die Arbeitsbedingungen seiner Fahrer selbst. Er besitzt selbst einen Lkw-Führerschein und nimmt regelmäßig an den inzwischen vorgeschriebenen Fahrerschulungen teil. Im vergangenen November kam ihm bei der Gelegenheit eine Idee: „Ich dachte mir, man könnte doch ein Fahrrad mit auf die Tour nehmen. Damit kann man dann auch mal in den nächsten Ort fahren, statt die ganze Zeit auf einem lauten, dreckigen Rastplatz rumzuhängen und dort sein Geld auszugeben.“

So ließ Trockels kurzerhand im firmeneigenen Maschinenpark eine passende Halterung für die Lagerboxen schweißen, die unter jedem Lastwagenanhänger angebracht sind. Je nach Wunsch bestellte er seinen Fahrern Mountainbikes oder Rennräder. „Wenn ich 200 000 Euro für einen kompletten Lkw ausgebe, fallen 500 Euro mehr für das Rad nun wirklich nicht ins Gewicht“, sagt Trockels. Außerdem ist der ­Werbeeffekt der Aktion schon jetzt unbezahlbar: Unter den gut vernetzten Fahrern machte die Geschichte von den kostenlosen Fahrrädern schnell die Runde – und Kuchenmeister als attraktiven Arbeitgeber bekannt.

Fernfahrer kennen sich. Sie tauschen einander regelmäßig über Funk und Internet aus, plaudern auf Autohöfen, vielfach lesen sie die gleichen Zeitschriften rund um ihren Beruf. Diese Netzwerke bescherten der Spedition Paul Fierek aus Weinheim eine ungeahnt große Popularität in der Szene.

Schon lange bekamen die Fahrer bei Fierek eine Prämie zum Gehalt, wenn sie stets die Frachtpapiere richtig ausfüllten und unfallfrei fuhren. Solche Motivationspakete sind in der Branche allgegenwärtig, belohnen zum Beispiel spritsparendes Fahren. Das Problem: Sozialabgaben und Steuern mindern das Extragehalt. Deshalb überlegte sich Unternehmer Paul Fierek, den Bonus über abgabefreie Sachbezüge attraktiver zu gestalten. Er startete dafür einen Internetshop. Dort können sich die 145 Fahrer von jedem Ort aus einloggen und DVDs, Parfüm, Kleidung, Mobiltelefone, Lebensmittel oder Einkaufsgutscheine aussuchen. Ein äußerst wirksames Motivationsmittel.

Die Idee war so erfolgreich, dass Fierek sein Internetportal inzwischen sogar als Dienstleister für andere Unternehmen geöffnet hat. Werden bei den Geschenken die im Einkommensteuergesetz genannten Richtwerte (Paragraf 8 Absatz 2, Satz 1 und 9) eingehalten, sparen die Firmen und Mitarbeiter die Lohnsteuer und Sozial­abgaben. Vor allem andere Speditionen sind bei My Favourite Present eingestiegen. Schließlich suchen viele nach einem Extra für die begehrten Trucker.

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