Unternehmen Volkswagen ruft weltweit 2,6 Millionen Autos in die Werkstatt

800.000 Tiguan-Modelle müssen wegen Lichtproblemen in die Werkstatt.

800.000 Tiguan-Modelle müssen wegen Lichtproblemen in die Werkstatt.© Volkswagen

Millionenfache Rückrufe machten bislang überwiegend Autobauern aus Japan und den USA zu schaffen. Jetzt holen sie mit Volkswagen auch die weltweite Nummer drei ein. Mit aller Macht bekommen die Wolfsburger das Risiko identischer Bauteile zu spüren.

Gleiche Teile, gleiche Probleme: Europas größter Autobauer Volkswagen bekommt im Wettrennen um die Weltspitze mögliche Schattenseiten seiner Baukasten-Strategie zu spüren. Weil immer mehr Marken der Konzernfamilie aus Kostengründen auf identische Bauteile setzen, wächst auch das Risiko millionenfacher Rückrufe. Ein erstes Beispiel für diese Gefahr gab es am Donnerstag, als VW auf einen Schlag gut 2,6 Millionen Fahrzeuge in die Werkstätten orderte – das ist mehr, als die VW-Gruppe im gesamten Startquartal 2013 absetzte.

Der Löwenanteil der Probleme hängt an ein und demselben Getriebe. Und das ist zu allem Überfluss auch noch eine ureigene Erfindung der VW-Ingenieure. Das Dilemma: Ausgerechnet die fünf absatzstärksten Konzernmarken nutzen das sogenannte Doppelkupplungsgetriebe DSG, das nun weltweit Ärger bereitet. Es geht um 1,6 Millionen Autobesitzer, denen VW zu einem freiwilligen Werkstattbesuch rät, „um die Zufriedenheit der DSG-Kunden weiter zu gewährleisten“.

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Die Qualitätsprobleme erreichen damit ein Ausmaß, das bislang vor allem VW-Konkurrenten wie General Motors und Toyota empfindlich traf. Die mussten durch ihre schiere Größe schon häufiger Rückrufe im Millionenbereich organisieren – eine Aufholjagd auf diesem Gebiet hätten die Wolfsburger als globale Nummer drei wohl gern vermieden.

Das Damoklesschwert über der Plattform-Strategie

Doch über kurz oder lang hatten Experten mit Aktionen dieser Größenordnung auch bei Volkswagen gerechnet. So kommt der Rückruf für Stefan Bratzel von der Fachhochschule Bergisch Gladbach „nicht wahnsinnig überraschend. Das ist das Damokles-Schwert, das über der Plattformstrategie hängt“, sagt er – gleiche Teile, gleiche Probleme.

Hier müssen auch die Wolfsburger ansetzen, um Gefahren möglichst gering zu halten. Denn mittelfristig sollen pro Jahr vier Millionen Autos auf Basis des sogenannten Modularen Querbaukastens (MQB) vom Band laufen. „Qualität muss dabei vor Geschwindigkeit gehen“, sagt Bratzel und betont vor allem die Bedeutung der Qualitätssicherung, die penibel auf kleinste Unregelmäßigkeiten achten müsse. Wenn es tatsächlich irgendwo hakt, sei Eile geboten: „Man muss die Fehler möglichst frühzeitig feststellen.“ Sonst potenziere sich das Risiko.

Bei der Qualitätssicherung hatte Toyota vor allem im vergangenen Jahrzehnt zu kämpfen – noch heute sind von vielen Rückrufen ältere Modelle betroffen. Auch in der Außendarstellung mussten die Japaner schmerzhafte Lehren ziehen. So war ihr Ruf als Hersteller besonders zuverlässiger Autos nach dem Debakel um angeblich klemmende Gaspedale in den USA schwer beschädigt. Konzernchef Akio Toyoda war bei einer Anhörung vor dem US-Kongress scharf angegriffen worden. Die Japaner sollten am Tod vieler Menschen schuld sein, da sie technische Fehler verschwiegen hätten, lautete der – inzwischen entkräftete – Vorwurf.

VW schreibt die Halter an

Inzwischen macht es Toyota besser und transparenter. Bratzel sagt: „Es kommt auf die Umsetzung an. Man muss den Ablauf möglichst angenehm für den Kunden machen.“ Toyota habe damit sogar die Loyalität gesteigert. Zwar sei ein Rückruf immer eine Belastung für das Image. „Aber wenn man gut damit umgeht, muss es kein Problem sein.“ VW schreibt die Halter an, muss die Sache erklären – und die Vertragswerkstätten müssen beim Kundenansturm Servicedenken beweisen.

Die Probleme des jungen Doppelkupplungsgetriebes, wahlweise auch Direktschaltgetriebe genannt, hatten sich bereits abgezeichnet. Die rein VW-interne Erfindung zickt besonders im verstopften, heißen Großstadtdschungel. Lange war das nur ein Problem auf der anderen Seite der Erde. In China, Japan und Australien gab es größere DSG-Rückrufe.

Nun zog VW offenbar die Reißleine, machte den klaren Schnitt und bietet weltweit allen betroffenen DSG-Nutzern einen Werkstattbesuch auf freiwilliger Basis an. Der Konzern veröffentlichte am selben Tag noch zwei weitere Rückrufe: 800.000 VW Tiguan, allein knapp 150.000 davon in Deutschland, haben ein Problem mit dem Licht, das teilweise ausfallen kann. Und das Modell Amarok der Nutzfahrzeugtochter benötigt einen zusätzlichen Schutz der Spritleitungen, die ansonsten leckschlagen könnten. Es geht um 239.000 Einheiten des Offroaders, die mit der zwei Liter Hubraum großen Dieselvariante laufen.

Schwacher Trost für VW: In Konzernkreisen heißt es, dass die Probleme beim Tiguan und Amarok auf die Kappe der Zulieferer gehen.

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