Unternehmen Völlig schwerelos

Die Wahrheiten der Nachkriegsgeneration sind entzaubert, die Zeit der Patriarchen vorbei. Junge Unternehmer – emanzipiert, weltoffen und vernetzt - müssen ihre eigenen Wege gehen. Keine Bange: Das wird schon klappen

Neue Generation, alte Werte. Sind wir tatsächlich eine neue Generation? Unsere Eltern, die Unternehmergeneration, die heute den wohlverdienten Ruhestand antritt, trägt die Baujahre 1935 bis 1945. Kriegskinder, in der Nachkriegszeit unter Existenznot sozialisiert, im restriktiven Muff der 50er pubertiert. Nach bitterer Armut ging es im Gleichschritt der gut bekannten kollektiven Tugenden einer besseren Zukunft entgegen. Erwachsen geworden im sozialen Druckkessel der 60er, erfolgreich trotz oder aufgrund der konsekutiven Werteschmelze.

Dort schlugen wir unsere Augen auf, geboren zwischen 1970 und 1980. Kindheit im Zeitalter aufkeimenden ökologischen Bewusstseins mit mehr oder minder latenter Angst vor der finalen Atomisierung; jedoch gebettet auf einem Wohlstandspuffer, den ein Zeitreisender aus den späten 40ern als schiere Utopie bezeichnet hätte. In unserer Pubertät wurden wir digitalisiert, multivernetzt und erst vor diesem Hintergrund als erste Generation vollends postmodernisiert. Eine neue Generation? Klarer kann das Ja nicht sein.

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Und alte Werte? Sauberkeit, Fleiß und Pünktlichkeit. Ordnung, Angepasstheit und Anstand. Die Werte der 50er-Jahre. Dies sind sicher nicht die einzigen und nicht die wichtigsten Werte der derzeit scheidenden Unternehmergeneration, aber sie prägten als Sozialisierungshintergrund in vielen Fällen den Führungsstil. Die Gegenwart des Menschenbilds X – dem Menschen müsse die Eigenverantwortung abgesprochen werden – war als Echo des Krieges präsenter als heute.

Ein Unternehmenspatriarch alter Schule sah es vor diesem Hintergrund als seine Aufgabe, die Mitarbeiter zu lenken und zu leiten – jedoch eher im Rahmen des Dostojewski’schen Großinquisitor-Gleichnisses: Ich entziehe den Menschen die Freiheit, weil sie nicht in der Lage sind, damit umzugehen.

Dann skandieren Ende der 60er-Jahre Dutschke und Co.: „Unter den Talaren Muff von 1000 Jahren“. Die studentische Bewegung stand in vollem antiautoritären Schwung. Obschon im Vordergrund das Rechts-, Verwaltungs- und Bildungssystem stand, war es die Obrigkeit – somit auch die wirtschaftliche Elite –, gegen die man sich wandte.

Die Generation, die heute ihre Unternehmen an die nächste Generation weitergibt, war nur mittelbar davon betroffen. Zunächst selbst noch jung und offen, aber in der Regel nicht dem linken Lager angehörend, trat man dem Treiben mit einer distanzierten Skepsis entgegen. Entziehen konnte man sich dem gesellschaftlichen Wandel jedoch nicht. Zertrümmerte Dogmen ließen sich nicht ohne Weiteres wieder aufbauen. In den Schulen veränderten sich Habitus und Lehrpläne. Medien kolportierten die linksintellektuellen Satzbandwürmer Adornos, der Kulturbetrieb ließ durch die Transistorradios Dylans Nachricht „the times, they are a-changin’“ und subversive Ideen freier Liebe bis in die gute bildungsbürgerliche Stube des jungen Unternehmers knistern, wo wir auf der Wickelkommode interessiert lauschten.

Die Historie beließ es nicht bei der Zersetzung eines Gesellschaftsbilds, sondern markierte während der Pubertät noch einen Kontrapunkt: den Fall des Eisernen Vorhangs. Und als „icing on the cake“ erhielten wir in der Adoleszenz das Informationszeitalter gratis dazu.

So ist der Wertenährboden für die beiden Generationen grundverschieden. Dennoch sind wir uns als Kinder und Eltern sehr nah: Der familiäre Zusammenhalt ist uns wichtig, Probleme zwischen den Generationen können heute viel eher thematisiert werden als vor 50 Jahren. Wir müssen trotz der Differenzen nicht mehr rebellieren.

Was bedeutet dies für die neue Unternehmergeneration, was prägt unser Handeln? Vor allem fünf Aspekte:

  • 1. „Völlig schwerelos“: Die Halbwertszeit gesellschaftlicher Wahrheiten ist begrenzt. Ob rechts oder links, der Untergang der Ismen hat uns weggeleitet von gefährlichen politischen Abgründen. Wir leben im Pluralismus. Der Multikulti-Ansatz ist nicht tot, sondern mehr denn je die Wahrheit unserer Gegenwart. Die Frage ist nur, innerhalb welcher Rahmenbedingungen wir ihn gestalten wollen.
  • 2. „Sokrates hatte recht“: Durch allgegenwärtige Meinungen, allgegenwärtiges Wissen und allgegenwärtige Subversion fällt es uns einfacher, Sokrates’ größte Weisheit zu respektieren: Wir wissen, dass wir nichts wissen. Für uns gilt es, nicht zu rückgratlosen Mollusken im wertfreien Raum zu degenerieren, sondern einen individuellen Wertekanon zu bilden und zu vertreten.
  • 3. „Im Fadenkreuz des Netzfeuers“: Die heutige Generation der Unternehmensnachfolgerinnen und -nachfolger ist mit verstärkter medialer Präsenz gesegnet oder geschlagen. Über soziale Netzwerke und das Netz allgemein werden persönliche Informationen der Öffentlichkeit zugänglich. Die Meinungsbildung über jene, die im öffentlichen Interesse stehen, hat eine ganz neue Dynamik. Jeder müsste eine Goldwaage mit sich führen.
  • 4. „Kernkompetenz Volatilitätsjongleur“: Die Räder drehen sich schneller. Die Wirtschaftszyklen werden kürzer, und das globale Wirtschaftsgeflecht offenbart eine beängstigende Immunschwäche. Niemand weiß, wo der nächste Infekt lauert. Die Interdependenzen, fach- und nationenübergreifend, fordern unsere intellektuelle Kapazität, übersteigen sie bisweilen. Wir müssen Systeme aufbauen, die schnell reagieren können. Der Einzelne ist nicht mehr in der Lage dazu. Hierarchisierte oder offene Teamstrukturen, wie sie in Open-Source-Projekten seit 20 Jahren entstehen, werden die Basis dafür bilden – auf Projektebene, Wissensmanagementebene, vermutlich in Zukunft auch auf Managementebene. Die Basis für diese Anforderungen des Kapitalismus im 21. Jahrhundert – welch Ironie des Schicksals – lieferte die 68er-Bewegung.
  • 5. „Die Suche nach Eudämonie“: das gute, wahrhaftige Leben, wie es Aristoteles einst beschrieben hat, das ganzheitliche Wohlbefinden – dies umfasst verschiedene Aspekte. Neben dem Unternehmen erfordert der wichtigste Bereich des Privatlebens, die Liebe, heutzutage die Beherrschung einer Gender-Akrobatik. Die Emanzipation der Frau hat glücklicherweise in den vergangenen 50 Jahren große Fortschritte gemacht. Als Konsequenz ist aber auch die klassische Ernährerrolle erodiert. Der Mann von heute handelt sich das psychische Äquivalent zum guten alten Nudelholz ein, wenn er die Beteiligung am Haushalt verwehrt, nicht genug Zeit mit Frau und Kindern verbringt oder emotional nicht präsent ist.

Neben der Zweisamkeit erhofft man sich auch ein individuelles Leben: eigene Bereiche wie Musik, Sport, Kunst, Literatur. Und Freundschaft: Was ist ein Mensch ohne wahre Freundschaft, für die man ja auch Zeit einbringen muss und möchte?

Die Unternehmerrolle ist jedoch weitgehend identisch geblieben. Es wird erwartet, bisweilen deutlich mehr als 60 Stunden in der Woche dem Unternehmen zu widmen, weitreichende Entscheidungen zu treffen und unternehmerisch erfolgreich zu sein. Wir haben durch den monetären Background, der uns durch unsere Eltern vererbt worden ist, einen Überfluss an Möglichkeiten. Dies ist Luxus, dessen wir uns immer gewahr sein müssen. Eine Basis, für die wir dankbar sind, weil sie Freiheit schenkt. Dennoch erfordert eben diese Basis ein besonders wohlüberlegtes Setzen der Prioritäten und die sorgfältige Einteilung der persönlichen Kapazitäten. Es gilt, Verantwortung für sich und andere zu übernehmen und individuelle Kompromisse zu finden.

Die Zeit der Patriarchen – so ein Fazit – ist vorbei. Das, was zumindest einige aus der Elterngeneration gelebt haben, ist heute undenkbar. Das ist gut so, erfordert jedoch eine Emanzipation im Sinne Gustav Mahlers, also das Begreifen der Tradition als Weitergabe des Feuers und nicht als Anbetung der Asche.

Dadurch ist die Nachfolgegeneration nicht zu einer Gesprächsrunde stuhlkreisbildender Hab-mich-lieb-Unternehmer mutiert. Wohl aber besteht der Wille, besseres Wissen anderer zu respektieren und zu fördern, Vertrauen zu schenken und zu fordern, Verantwortung zu übernehmen und zu teilen.

Wir sind heute beileibe keine besseren Menschen. Wir tanzen auf der Spitze der Maslow’schen Bedürfnispyramide mit all den Gefahren des Absturzes: Depressionen, Burn-outs, Ziellosigkeit, Respektlosigkeit, Dekadenz. Doch unsere Elterngeneration hat uns eine nie da gewesene Basis für ein erfülltes Leben geschaffen und ein Wertefundament geliefert, auf dem wir aufbauen können. Die materielle und geistige Freiheit zur Verwirklichung eigener Ziele und Vorstellungen ist ein unschätzbares Gut. Wir werden es nicht verschwenden.

Mit diesem Essay endet die fünfteilige impulse-Serie zu „Deutschlands nächster Unternehmergeneration“, die auf der größten Wertestudie basiert, die bislang in Deutschland zu Unternehmerkindern gemacht wurde. Initiiert wurde sie von impulse, der Zeppelin University und der Stiftung Familienunternehmen.

Sollten Sie Interesse an den ersten vier Teilen haben, können Sie die Hefte unter 040/37 03-8584 oder chefredaktion@impulse.de nachbestellen. Videofragebögen mit Unternehmerkindern finden Sie unter www.impulse.de/interview, weitere Infos unter www.impulse.de/unternehmerkinder

Aus dem Magazin
Dieser Beitrag stammt aus der impulse-Ausgabe 01/2011.

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